Liebe Telekom, keiner braucht eure Adidas-Sneaker!

Manuel Lorenz

Editorial Director NOIZZ
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So stellt sich die Telekom Sneaker-Kultur vor Foto: Telekom / Promo

Langsam reicht’s mit den Firmen-Turnschuhen.

Ja, die News ist, dass die Telekom jetzt auch ihre eigenen Sneaker hat. Sie bedienen sich des massenkompatiblen Modells Energy Cloud, sind komplett in Telekom-Magenta gehalten und heißen entsprechend auch – wie? genau! – „Magenta“. (Einen selbstironischen Namen wie „Edge“ hätten wir lustiger gefunden.)

Bekommen tun sie vorerst nur Telekom-Mitarbeiter – damit man die „Magenta-Familie in Zukunft sogar am Schuhwerk erkennt“, wie es in einer internen Mail heißt, die das Branchenmagazin Horizont zitiert. Ab Mai 2018 sollen die Schuhe auch im Telekom-Online-Shop erhältlich sein.

Der Telekom-Sneaker in voller „Pracht“ Foto: Telekom / Promo

Das Unternehmen macht es damit der Lufthansa gleich, die ihre Mitarbeiter schon letzte Woche mit einem namenlosen Adidas ausstattete. Und genau wie das Telekom-Teil nervt das Lufthansa-Ding auf vielfache Weise und zwingt uns zu folgendem drastischen Appell:

Liebe Firmen dieser Welt, hört bitte endlich auf, eigene Sneaker rauszubringen!

Am Anfang fanden wir’s ja ganz lustig. „Pfeffi“ a.k.a. Berliner Luft bringt eigene Turnschuhe raus? Geil! Müssen wir haben! Die Treter basierten nicht nur auf den berghainigen Modellen Disc Blaze und Blaze Cage, sondern kamen auch noch extrem charmant rüber. Sie hießen „Pfeffiboys“ und kamen mit einem verschroben-kultigem Accessoire daher: einem Flachmann. Außerdem riefen sie uns die wohligen Sünden der schönsten Zeit unseres Lebens ins Gedächtnis – und dass wir mal dachten, Likör sorge für besseren Mundgeruch als Zahnpasta.

Dann zog Jägermeister nach und droppte zusammen mit der beinahe schon underdoggigen Marke KangaROOS einen eigenen Turnschuh, der ebenfalls mit viel Liebe zum Detail aufwartete. Er war aus Hirschleder gefertigt, wurde in einer Holzbox geliefert und erinnerte uns an Partynächte und Katertage. ‘ne Runde Jägis für die Füße? Her damit!

Auf der Ferse des Sneakers prangt der Flaschenverschluss samt Jägi-Hirsch Foto: Kane Holz / Promo

Berliner Luft und Jägermeister hatten sich für ihre Aktion einen Partner gesucht, der sie mit Sneaker-Glaubwürdigkeit weihte: der Pfefferminzlikör die Berliner Institution Overkill, das Kreuterzeugs – zumindest für den Release – den Fuldaer Store 43einhalb.

Etwas verspätet, im Januar dieses Jahres, knüpften die Berliner Verkehrsbetriebe daran an, brachten – ebenfalls im Verbund mit Overkill – einen eigenen Adidas raus und sorgten damit für den wohl größten Sneaker-Hype der deutschen Nachkriegsgeschichte. Quasi jedes Medium berichtete darüber (wir natürlich auch), und jetzt wissen auch meine Großeltern, dass man Turnschuhe nicht mehr nur beim Völkerball trägt. Auch diese Sneaker waren toll gemacht und bestachen mit dem Feature, dass sie gleichzeitig als BVG-Jahreskarte dienten.

Alles noch okay. Weil alles irgendwie mit uns zu tun hatte (Kurze saufen und U-Bahn-Surfen) und die Schuhe liebevoll gestaltet sowie von der Community abgesegnet worden waren.

Wir hielten eine Weile lang still, hofften heimlich, dass die Berliner Stadtreinigung ihre eigenen knallorangefarbenen Sneaker rausbringt – recyclebare KangaROOS mit integriertem Mini-Mülleimer – und widmeten uns dann wieder unserem normalen, banalen Leben: Arbeit, Netflix, Schlafen.

Jenen lieblosen weißen Adidas, den die Lufthansa seinen Mitarbeitern letzte Woche schenkte, hielten wir zuerst für einen Scherz. So wenig Kreativität hätten wir selbst einer Fluggesellschaft nicht zugetraut. Witze, die die Worte „Sneaker“ und „CO2-Fußabdruck“ beinhalten, verkneifen wir uns an dieser Stelle.

Die Lufthansa-Adidas – links für die Herren, rechts für die Damen Foto: Lufthansa / Promo

Abgesehen davon, dass die Teile eh nicht öffentlich verkauft werden, können wir uns als EasyJetsetter Begehrlicheres vorstellen, als mit Kranichfüßen clubben zu gehen. Wenn sie wenigstens gleichzeitig als Round-the-World-Ticket gelten würden …

Mit den Magenta-Adidas der Telekom ist das Sneaker-Regal jetzt aber endgültig voll. So seelenlos sind lang keine Turnschuhe mehr „gestaltet“ worden. Sie sind einfach nur plump einfarbig. Magenta. Wie die Telekom. Und heißen auch so. Magenta. Und tragen noch nicht mal das Telekom-T. Oder die bescheuerten vier Punkte. Und können nichts – wirklich nichts.

Sie können so wenig, dass es einen rasend macht. Keinen WLAN-Hotspot herstellen (gut, das können ICEs auch nicht), keine SIM-Karte aus der Sohle oder Lasche zaubern, kein Handy aufladen. Sie sind so langweilig, dass bislang fast nur Wirtschaftsteile (FAZ) und -magazine (Horizont) über sie berichtet haben.

Welche Firma kommt als nächstes? Bayer? Nestlé? Heckler & Koch? Und zerstört der Corporate-Sneaker wirklich die Sneaker-Kultur? Oder sind sie nur das Symptom der Tatsache, das Sneaker-Kultur längst Mainstream geworden ist? Und überhaupt: Was haben massenhaft und unter zweifelhaften Umständen hergestellte Produkte wie Turnschuhe mit Kultur zu tun?

Vielleicht verweisen die schlimmen Lufthansa- und Telekom-Sneaker also nur auf den Status quo des Turnschuhs. Und machen deutlich, wie es um ihn steht – die einen werden sagen „blendend!“, die anderen “schlecht.“.

Egal wie die Antwort darauf lautet: Großkonzerne, haltet euch aus der Debatte bitte raus!

Quelle: Noizz.de

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