Suzan aka Animaux Sauvages führt in Berlin ihr eigenes Studio "NOIR", dort sticht sie schönstes Blackwork.

Alle 14 Tage wollen wir euch in unserem Tattoo Talk Künstler*innen vorstellen, denen wir begeistert auf Instagram folgen – weil sie uns mit ihrer Message, ihrem Stil oder ihrer Persönlichkeit umhauen.

Dieses Mal haben wir uns mit Suzan unterhalten. Die 32-Jährige ist besser unter ihrem Künstlernamen "Les Animaux Sauvages" bekannt – und führt in Berlin ihr eigenes Studio "NOIR" (ehemals "L.A.S Tattoo Berlin"). Wir haben mit Suzan über ihren Weg von der Malerei zum Tätowieren gesprochen, über Melbourne und Mexiko Stadt – und warum sie, wenn sie im Berghain feiert, immer Menschen sieht, die ihre Kunst auf der Haut tragen.

Les Animaux Sauvages

Suzan, wie bist du zum Tätowieren gekommen, wann hast du damit angefangen?

Suzan: Ich habe nie direkt geplant, Tätowiererin zu werden. Für mich war schon lange vorm Abitur klar, dass ich Malerei studieren möchte. Die akademische Ausbildung an der Kunstakademie Düsseldorf war daher ein wichtiger Teil meines Werdegangs. Ich denke, es geht in erster Linie darum, bereits Künstler zu sein, bevor man sich in eine Nische einordnet. Ich sehe mich nach wie vor als Malerin – und im Zuge dessen nun auch als Tattoo-Artist. Zum Tätowieren bin ich dann eher zufällig gekommen: Als ich Visuelle Kommunikation an der Kunsthochschule Weißensee studiert habe, habe ich im Rahmen meiner Bachelorarbeit einen Dokumentarfilm gedreht, wie ich ein Ganzkörper-Tattoo steche. Zuvor habe ich von einem Freund, der Tattoo-Künstler ist, eine Maschine geschenkt bekommen. Er hat mir ans Herz gelegt, dass ich es mit etwas Fleißarbeit in diesem Metier weit bringen könnte.

Wie hat sich deine Ästhetik entwickelt?

Suzan: Ausschlaggebend waren die Zusammenarbeit mit verschiedenen Künstlern im Austausch an der Kunstakademie. Wenn man anfängt zu zeichnen, weiß man manchmal gar nicht, wer man wirklich ist. Mein Umfeld hat mir fast ausschließlich Zuspruch gegeben. Während des Studiums habe ich harte Kritik erhalten und bin daran gewachsen. Es ist viel Arbeit, seinen Sinn für Ästhetik zu entwickeln und ich fürchte, man ist ähnlich wie mit der Persönlichkeitsentwicklung nie fertig. Meine Malereien unterscheiden sich sehr von meinen Tattoodesigns. Mit Stift und Pinsel lasse ich dem Linienfluss gerne freien Lauf. Eine gute Zeichnung braucht nicht immer eine Außenlinie und es gibt mehr Spielraum für Interpretation. Auf der Haut arbeite ich hingegen gern sehr grafisch und naturalistisch. Mit der Zeit haben sich dann die Linien und der Punkt als eines meiner Erkennungsmerkmale herauskristallisiert. Geplant war das aber nie.

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Wie würdest du deinen Stil selbst in drei Worten beschreiben?

Suzan: Detailverliebt, naturalistisch, grafisch.

Und wie würdest du dich selbst in drei Worten beschreiben?

Suzan: Ambitioniert, hochsensibel, Kopfmensch.

Wie bist du zu deinem Künstlernamen gekommen?

Suzan: Die Thematik meines Bachelor-Projektes bezog sich auf das Thema der Charakteristik der Tiere im Tarot – diese wiederum entsprechen dem Charakter der Person, der die Karten gelesen werden. Ich habe also meinem Freund eine Menge Tiere auf den Oberkörper gestochen und das Ganze verfilmt. Zunächst wollte ich mir den Namen "Tier" geben. Das war aber nicht möglich, da es bereits eine Bar in Berlin mit dem gleichen Namen gibt. "Sauvage" ist mir in den Tagen darauf zufällig in den Sinn gekommen und aufgrund meiner Liebe zur französischen Sprache kam ich dann auf den Titel "Les Animaux Sauvages".

Was war dein bis dato seltsamstes Tattoo-Request?

Suzan: Ich wurde mal gefragt, ob ich ein am Penis entferntes Muttermal wieder "hin tätowieren" kann – weil der Typ das fehlende Muttermal für das Scheitern seiner Beziehung verantwortlich gemacht hat, also im Sinne von Aberglaube. Er war überzeugt, er könnte die Beziehung damit retten. Ich habe abgelehnt.

Und was war das Schönste, oder das, was am meisten bei dir hängen geblieben ist?

Suzan: Ich hab ganz viele Herzensprojekte. Eines rauszupicken, ist da echt schwer. Da ich viele meiner Freunde tätowiere, sind diese Sessions natürlich immer besonders schön. Aber auch, wenn sich eine bis dato noch unbekannte Person zum allerersten Mal und dann gleich mit einem großen Motiv für immer von mir "bemalen" lässt. Das ist ein sehr großer Vertrauensbeweis.

Was treibt dich an?

Suzan: In der Malerei hat mir der Austausch mit Menschen gefehlt. Vor dem Tätowieren habe ich quasi nur mich selbst studiert. Beim Tätowieren geht es darum, die Kunst am und mit dem Gegenüber zu verwirklichen und für immer festzuhalten.

Es ist unglaublich schön, wenn ein Kunde am Ende der Session vor dem Spiegel steht und sagt: "Es ist noch toller geworden, als ich es mir vorgestellt habe." – Das treibt mich an!

Wenn ich heute keine Tätowiererin wäre, wäre ich …

Suzan: ... vermutlich immer noch Malerin und Grafikdesignerin – und eventuell Besitzerin eines knuffigen Hundes und einer Nacktkatze.

Wer lässt sich von dir tätowieren?

Suzan: Da ich bis voriges Jahr im Berghain gearbeitet habe, hat sich meine Kunst dort gut rumgesprochen. Und wenn ich dort auf der Tanzfläche bin, sehe ich eigentlich immer einige Leute mit meinen Arbeiten! Heute kommen die Kunden aber von überall her. Unter normalen Umständen bin ich auch viel im Ausland unterwegs und tätowiere dort als Gasttätowiererin. Meine letzten Ziele waren New York und Mexiko Stadt, wo ich jeweils fast komplett ausgebucht war. Mit dem Studio "Sigue Sigue Sputnik" in Mexiko Stadt bin ich gut befreundet und habe dort auch eine Semi-Residenz-Stelle. Normalerweise wäre ich im Mai auch wieder dort gewesen.

Les Animaux Sauvages

Was ist dir beim Tätowieren wichtig?

Suzan: Mir ist es sehr wichtig, dass die Chemie zwischen mir und den Kunden stimmt. Da ich wenig von meinen Flashes, sondern eher customized tätowiere, kreiere ich oft Designs für mein Gegenüber und fusioniere sozusagen unsere beiden Vorstellungen.

Gibt es etwas, das dich an der Community nervt?

Suzan: Ich hab manchmal das Gefühl, dass es viel Konkurrenzdenken gibt. Anstatt dass wir uns gegenseitig supporten, herrscht eher eine unausgesprochene Rivalität – oder vielleicht ist es auch einfach nur eine Kontaktscheue. Als ich in Melbourne war, hatte ich einen ganz anderen Eindruck: Dort war eine regelrechte Tattoo-Artist-Community zu spüren. Nach Feierabend wurde gerne studioübergreifend gemeinsam gegessen oder abgehangen. Das vermisse ich in Berlin ein wenig.

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Wie sah das letzte Tattoo aus, das du gestochen hast?

Suzan: Ein Drache, den ich Freehand auf den kompletten Arm eines guten Freundes von mir gestochen habe. Sehr detailliert und aufwendig. Wir haben das Ganze auf insgesamt drei Sessions verteilt.

Was war dein erstes Tattoo?

Suzan: "Try" in Versalien auf meiner rechten Hand. Ich denke oft zu viel nach, anstatt Dinge einfach auszuprobieren. Das Tattoo soll mich daran erinnern, mehr zu wagen.

Was inspiriert dich zu deinen Motiven, wer sind deine Vorbilder?

Suzan: Egon Schiele, Horst Jansen und Gerhard Richter was Malerei und Kunst angeht. Ansonsten lasse ich mich von allem, was täglich um mich herum passiert, inspirieren. Durch meine Guest Spots im Ausland habe ich außerdem eine Reihe an großartigen Tätowierern kennengelernt. Dazu gehören ganz besonders Planoc aus Brasilien und Ed Taemets aus Melbourne. Und das Single-Needle-Tätowieren (mit nur einer Nadel) hat mir mein Ex-Freund Kane Trubenbacher beigebracht, der bekannt für seine Single-Needle-Arbeiten ist.

Wo siehst du dich in 10 Jahren?

Suzan: Wenn alles läuft wie geplant, bin ich stolze Besitzerin eines Tattoostudios in Melbourne und wohne in meinem Strandhaus mit Maleratelier!

Was würdest du dir selbst niemals stechen lassen?

Suzan: Weder Beziehungspartner, noch Todesdaten, noch politische Statements. Und wahrscheinlich hab ich jetzt 'ne Menge vergessen. Ich bin leider Gottes oft sehr picky mit den Designs, die ich mir stechen lasse. Mittlerweile vertraue ich aber den wenigen Künstlern, die ich an meine Haut ranlasse.

Was steht noch auf deiner Tattoo-Bucket-List?

Suzan: Ich bin immer hungrig nach neuen Erfahrungen und würde gerne viele weitere Länder bereisen und dort tätowieren – sobald das wieder möglich ist. Ich habe immer noch die Fantasie, ein Tattoostudio mit Meerblick zu haben. Irgendwo weit weg von Deutschland. Ich fürchte, ich habe mich noch nie besonders mit meinem Heimatland identifizieren können. Stattdessen habe ich schon immer Fernweh in mir gespürt.

Wie hast du die "Quarantäne" verbracht?

Suzan: Ich hatte unfassbar viel zu tun – auch in der Quaratäne-Zeit. Ich war viel im Studio, um die Renovierung voranzutreiben. Zur Wiedereröffnung haben wir den Laden von "L.A.S" in "NOIR" umbenannt. "L.A.S" war eine Abkürzung für Les Animaux Sauvages, es wurde zu "NOIR", da ich mir etwas narzisstisch vorkam, die anderen Residents in meinem Studio unter meinem Namen arbeiten zu lassen. Ich will ihnen die Chance geben, sich mehr mit dem Studio identifizieren zu können, und mich selbst etwas rausnehmen.

Was bedeutet die Corona-Pandemie für dich persönlich?

Suzan: Am Anfang war ich natürlich verunsichert und musste mein Studio auch für die anderen Künstler und Residents schließen. Als noch kein Datum zur Öffnung in Sicht war, haben mir die laufenden Kosten den Kopf zermartert. Dennoch denke ich, dass wir gerade an diesen Zeiten besonders wachsen können. Die Welt wird nach der Krise nicht mehr so sein wie davor. Das kann neben den Negativentwicklungen aber auch positive Dinge beinhalten. Der Natur ging es schon lange nicht mehr besser als jetzt und die Menschen müssen sich wieder mit sich selbst auseinandersetzen. Ich kann mich da nicht rausnehmen – ich habe davor viel zu viel Zeit im Studio verbracht.

Es ist eine Zeit der persönlichen Entwicklung, die Menschen können sich sich selbst, ihren eigenen Werten und Hobbys zu befassen. Ich mache wieder viel Sport und habe mehr Zeit zum Zeichnen und Malen. Mit dem "alleine sein" umgehen zu lernen war dabei eine wichtige und lehrreiche Aufgabe.

Welchen Tattoo-Artists gibst du Props?

Suzan: Besonders mag ich die Arbeiten von Planoc und Ed Taemets. Außerdem finde ich Frederico Corabello großartig.

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Quelle: Noizz.de