Auf der Suche nach einem richtig guten Tätowierer in Hessen? Wir hätten da einen.

Alle 14 Tage wollen wir euch in unserem Tattoo Talk Künstler*innen vorstellen, denen wir begeistert auf Instagram folgen – weil sie uns mit ihrer Message, ihrem Stil oder ihrer Persönlichkeit umhauen. Dieses Mal haben wir uns mit dem Blackwork-Artist Lars Becker unterhalten. Der 31-Jährige lebt in Gießen, dort arbeitet er bei "Black Sheep Tattoo".

Kennt ihr das, wenn etwas so schön ist, dass es fast ein bisschen schmerzhaft ist? Genau dieses Gefühl lösen Lars Tätowierungen in mir aus. Weil sein Blackwork immer einen ganz feinen, melancholischen Vintage-Touch hat – wie ein alter Stummfilm aus den Zwanzigern. Wir haben uns deshalb während unseres Telefonats über seine Faszination mit traurigen Frauengesichtern unterhalten, welche Tätowierungen er selbst auf der Haut trägt und was sein Lieblingsjahrzehnt ist (Spoiler: Es sind nicht die Zwanziger).

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NOIZZ: Lars, wie würdest du deinen Stil in 3 Worten beschreiben?

Lars: Melancholisch, schwarz, traditional.

Was reizt dich an der Melancholie?

Lars: Ich finde melancholisch ästhetisch. Ich mag auch lustige und humorvolle Tattoos, die kann man gut auf den Oberschenkel oder Bauch tragen, aber es gefällt mir nicht so gut, wenn sie die ganze Zeit sichtbar sind. Aber melancholisch angehauchtes Blackwork hat eine ganz eigene Ästhetik, der Zeit entrückt. Wenn ich sie anschaue, ist das ungefähr das Empfinden, das man auch hat, wenn man eine alte Schwarz-Weiß-Fotografie oder ein Polaroidfoto anschaut.

Welche Motive stichst du am liebsten und warum?

Lars: Frauengesichter, traurige Frauengesichter. Manchmal versuchen Menschen, das psychologisch zu interpretieren – ich weiß persönlich nicht, warum ich sie gut finde, ich finde sie einfach nur wirklich schön. Ich mag aber auch die Klassiker: Dolche, Rosen und Herzen. Eben das, was man am ehesten mit traditionellen Tattoomotiven verbindet. Sie funktionieren in jedem Stil. Auch hier merke ich immer wieder meine Vorliebe für Vintage. Selbst wenn mich jemand fragen würde, ob ich ihm ein Telefon tätowiere, würde ich wahrscheinlich ein ganz altes Ding mit Wählscheibe und abnehmbaren Hörer zeichnen. Das ist echt mein Faible.

Was ist deine Lieblingsdekade?

Lars: Ich mag besonders die Sechziger und Siebziger, letztes Jahr habe ich mir auch einen alten VW-Bus gekauft. Alles, was heute unsere Gesellschaft ausmacht, wurde damals erkämpft und erdacht. Klar sieht man die Vergangenheit immer durch die rosarote Brille und mystifiziert sie, dem bin ich mir durchaus bewusst – aber auch das gefällt mir.

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Wie bist du eigentlich zum Tätowieren gekommen?

Lars: Ich habe immer gerne gemalt, das macht mich glücklich, dabei kann ich abschalten. Mein erstes Tattoo habe ich mir mit 18 bei "Clownfish Tattoo" in Gießen stechen lassen und mochte direkt die Studio-Atmosphäre. Jeder ist rumgelaufen, wie er wollte, es gab kein Dresscode und es lief coole Musik. Ein großer Kontrast zu dem tristen Büroalltag, den ich aus meiner Industriekaufmann-Ausbildung kannte. In der gleichen Zeit kamen die ersten TV-Sendungen übers Tätowieren auf. Ich war so angefixt, dass ich immer direkt den Zeichenblock rausgeholt habe, wenn "Miami Ink" oder "La Ink" im Fernsehen lief. Meine damalige Freundin hat mich dann gedrängt, mich in verschiedenen Studios vorzustellen. Angefangen habe ich in einem echten Dorfstudio, das hat mir nicht wirklich was gebracht. Obwohl, ich wusste danach, welche Art von Tätowierer ich nicht sein will. 2011 bin ich hier in Gießen zu "Black Sheep“ gewechselt ... und seitdem glücklich.

Warum Gießen, kommst du von hier?

Lars: Ja, ich bin im Hinterland von Gießen geboren, hier ist meine Heimat. Außerdem liegt Gießen in der Mitte von Deutschland, ich bin überall relativ schnell. Das ist praktisch für Guestspots, aber auch für Konzerte, ich bin großer Musikfan. Und natürlich kommen dadurch auch Kunden gut zu mir: Ob von Berlin oder vom Bodensee, länger als viereinhalb Stunden ist man eigentlich nie unterwegs.

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Was war dein seltsamstes Tattoo-Request?

Lars: Ich tätowiere meistens Wanna-Dos und Flashs, also Motive, die ich entworfen habe und die sich die Kunden dann aussuchen. Deswegen gibt es eigentlich keine Überraschungen bei den Anfragen. Das ist gut für mich, da muss ich meine Komfortzone nicht verlassen (lacht).

Und welches Tattoo hat dich in letzter Zeit am meisten berührt?

Lars: Tattoos, die ich meiner Freundin steche, haben immer eine besonders hohe Relevanz für mich. Weil ich sie oft sehe – und hoffentlich noch ganz lange sehen werde. Bei anderen Menschen, die ich tätowiere, sind besonders sichtbare Stellen aufregend: Hände, Hälse und Back- Pieces. In den Wanna-Dos, die ich mache, steckt viel Herzblut. Ich hänge an meinen eigenen Motiven. Wenn ich sie tätowiere, bin ich so fokussiert, dass ich nichts anderes mehr mitbekomme. Ich verschmelze während des Schaffensprozesses ganz anders mit dem Tattoo, als wenn ich eine Unendlichkeitsschleife stechen müsste.

Was würdest du niemals stechen?

Lars: Nazi-Kram natürlich. Und generell Tattoos, die ich nicht ästhetisch finde. Es würde mich nicht glücklich machen, mich stundenlang mit einem Motiv beschäftigen zu müssen, das mir selbst nicht gefällt. Klar, am Anfang deiner Karriere machst du natürlich immer erstmal Motive, die dich nicht glücklich machen – du musst ja erstmal Routine bekommen und dir einen Kundenstamm aufbauen. Damals habe ich alles Mögliche gestochen: Ranken, Lilien und Hibiskus- Blüten waren vor neun oder zehn Jahren das Ding. Aber irgendwann emanzipiert man sich dann durch eigene Designs.

>> Toni Vez vom Kollektiv "Future Berlin" im Tattoo Talk #35

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Wenn ich heute keine Tattoo-Künstler wäre, würde ich ...

Lars: Vor der Antwort graut es mir! Ein Bürojob wäre keine Alternative. Vielleicht würde ich Konzerte organisieren oder mit antiken Möbeln handeln? Auf alle Fälle würde ich mir einen Job suchen, in dem ich auch selbstständig wäre.

Wie siehst du die Entwicklung der Tattooszene?

Lars: Ältere sind ja meistens kritisch gegenüber dem eingestellt, was Jüngere machen – das war schon immer so. Aber es war auch schon immer so, dass jeder Einzelne seine Sache anders machen muss, als die Vorgänger, das ist Entwicklung. Man muss mit beidem klarkommen, jeder hat seine Relevanz. Die Qualität von Tätowierungen wird immer besser. Wenn man sich heute, 2020, solide Tattoos anschaut, können die es mit manch einem "High Class"- Tattoo aus den Neunzigern aufnehmen, weil das Equipment immer besser wird und heute viele Tätowierer einen künstlerischen Background haben. Jeder arbeitet eben mit dem, was ihm zu seiner Zeit zur Verfügung steht. Das finde ich gut, stelle aber auch manchmal mit einem weinenden Auge fest, dass der subkulturelle Background dadurch oft verloren geht.

Mittlerweile spielt sich das meiste auf Instagram ab, du hast dort selbst knapp 16.000 Follower. Fluch oder Segen?

Lars: Definitiv beides. Manchmal kann man dadurch kaum abschalten, weil es so einfach ist, selbst nachts um halb Zwei noch Fragen von Kunden zu beantworten oder Terminanfragen anzunehmen. Aber ich bin unglaublich dankbar für die Möglichkeiten, die Instagram bietet.

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Was war das erste Tattoo, das du je gestochen hast?

Lars: Das war ein Klassiker, der Nautikstar. Er besteht nur aus geraden Linien und ist schattiert, ein Feld ist immer weiß, eines schwarz. Der klassische Fehler ist, dass man bei der abwechselnden Farbwahl nicht rumkommt – am Ende liegen plötzlich zwei weiße oder zwei schwarze Felder nebeneinander. Das ist mir zum Glück nicht passiert. Ich habe das damals einem Kumpel für 'ne Kiste Bier oder ganz kleines Geld gestochen, weiß ich gar nicht mehr. Dann kamen Motivanfragen wie Lilien und die chinesischen Schriftzeichen. So was habe ich gestochen, bis es dann langsam mit Wanna-Dos losging. Instagram war damals noch nicht groß, aber auf Facebook habe ich dann meine Motive hochgeladen.

Und was war dein erstes Tattoo?

Lars: Mein erstes Tattoo war ein Mikrofon im Stil der Fünfzigerjahre. Als ich mir das vor 13 Jahren habe stechen lassen, musste man noch aufpassen, dass man das im Job-Alltag nicht unbedingt sieht. Deswegen habe ich es mir auf die Innenseite des Oberarms stechen lassen. Das hat krass wehgetan. "Freiheit" stand noch dabei. (lacht) Das fand ich als 18-Jähriger geil.

Was verraten die Tattoos, die du selber auf der Haut trägst, generell über dich?

Lars: Ich habe viele Band-Tattoos, die einen subkulturellen Hintergrund verraten. Außerdem zeigen meine Tätowierungen wahrscheinlich auch, was ich selbst gerne tätowieren würde – denn oft lässt man sich ja gerade von den Künstlern tätowieren, die einen ähnlichen Stil haben. Ich habe auch Tattoos, die ich mir vor ein paar Jahren von Leuten habe stechen lassen, die das heute besser machen könnten. Man sieht eine handwerkliche Entwicklung – genau wie in der eigenen Arbeit. Ich fand meine anfänglichen Tätowierungen richtig schlecht, jetzt finde ich meine Sachen gut. Aber man sieht auch die Entwicklung der Tattooszene im Allgemeinen.

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Was steht noch auf deiner Bucket-List?

Lars: Mein größter Wunsch war es immer, einen guten Beruf zu finden. Mein Job hat mir meine Identität gegeben, durch ihn weiß ich, wer ich bin. Jetzt ist mein wichtigster Wunsch, möglichst lange gesund zu bleiben. Irgendwann hätte ich gerne mein eigenes Studio, zusammen mit meiner Freundin. Sie selbst tätowiert nicht, war aber während des Studiums Shopgirl in einem Studio in Kassel, so haben wir uns kennengelernt.

Du reist auch als Gasttätowierer herum, wo trifft man dich so an?

Lars: Ich bin vier bis sechs Mal im Jahr für Guestspots unterwegs, dann tätowiere ich zum Beispiel im "Rosenrot" oder "Hardcore Ink" in Kassel, bei "Bold As Love" in Stuttgart oder bei "Sorry Mom" in Braunschweig. Für dieses Jahr ist noch Mannheim geplant, da tätowiere ich bei "Truly Yours", in Essen bei "Emberslane" und in Regensburg bei "Lucky Town Tatto".

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>> Tattoo Talk #29 mit Ninimalismo aus Berlin

  • Quelle:
  • Noizz.de