Krieg und Frieden in Georgien: Die neue Vetements-Kollektion ist hochpolitisch

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Georgien in Regenbogenfarben: Ein Shirt aus der neuen Vêtements-Kollektion Foto: Vetements / Instagram

Designer Demna Gvasalia erzählt das Drama seines Landes in Klamotten.

Dass der Gründer des Pariser Hipster-Labels Vetements tatsächlich ein Georgier ist, dürfte manchen Modefans neu sein. Doch spätestens jetzt spielt die Herkunft von Demna Gvasalia auch für seine Kleidung eine Rolle.

[Mehr dazu: Wie die Regierung gegen Georgiens Klub-Kultur vorgeht]

In der Spring/Summer-Kollektion, die Vetements jetzt in Paris vorgestellt hat, wird viel georgische Symbolik verwendet. Um die persönlichen Bezüge dieser Kollektion zu verstehen, müssen wir einen Exkurs in die Geschichte Georgiens unternehmen, die zugleich die Geschichte Demna Gvasalias und seiner Familie ist.

Demna Gvasalia wuchs im Kriegsgebiet auf

Gvasalia stammt aus der Stadt Sochumi im georgischen Landesteil Abchasien. Der Küstenstreifen war vor Ewigkeiten mal ein Königreich und entwickelte sich im 20. Jahrhundert zu einer multiethnischen Region. Neben Georgiern lebten hier Armenier, Griechen, Russen, Esten und die namensgebenden Abchasen.

Als die Sowjetunion zusammenbrach, wurde Georgien zum unabhängigen Staat. Die Abchasen wollten sich ihrerseits aber von Georgien abspalten, sodass es 1992 zum Bürgerkrieg kam. Weil Georgien gerade im Chaos versank, konnte sich die abchasische Armee durchsetzen und gewann 1993 die Kontrolle über das gesamte Gebiet.

Viele ethnische Georgier befürchteten Rache und flohen vor den Massakern an der Zivilbevölkerung, so auch die Familie von Demna Gvasalia, die nach Tiflis ging, später dann nach Düsseldorf, wo er deutscher Staatsbürger wurde. Im Jahr 2008 kam es erneut zum Krieg, in dem die Abchasen vom übermächtigen Russland unterstützt wurden und endgültig die Kontrolle über das Gebiet sichern konnten.

Abchasien ist seitdem zwar de facto ein unabhängiger Staat, wird aber von fast niemandem anerkannt. In den Augen der georgischen Regierung ist es ein von Russland besetztes Bundesland. Mit einem georgischen Reisepass kann man Abchasien nicht besuchen, sodass viele der Vertriebenen ihre alte Heimat nie wieder sehen werden.

Eine Kollektion über „Familie und Gewalt“

So kommt es nicht von ungefähr, dass Gvasalia viele nationale Symbole und Flaggen in die Kollektion hat einfließen lassen. Auf diesem Pullover steht zum Beispiel der Landesname von Georgien (საქართველო, transkribiert: Sakartwelo) im wunderschönen georgischen Alphabet, das weltweit einzigartig ist. Die Schrift ist Teil des Unesco-Weltkulturerbes und hat einen besonderen Platz im georgischen Nationalbewusstsein – und in der neuen Vetements-Kollektion.

Diese Jacke zeigt die georgische Flagge mit roten Kreuzen auf weißem Grund.

Auf diesem Stück steht „иди на хуй“, also „idi na chuj“, was auf Russisch wörtlich „geh dich ficken“ bedeutet. Wer mit diesem Satz gemeint sein dürfte, ist leicht zu erahnen …

… denn in der neuen Vetements-Kollektion sind auch Hinweise auf die Ukraine enthalten, zum Beispiel die blau-gelbe Jacke im Stile der ukrainischen Flagge. Auch hier ist die Abneigung gegen den russischen Präsidenten Wladimir Putin groß, nachdem dieser die Krim annektiert und den Krieg im Osten des Landes befeuert hat.

Doch auch die Flaggen Russlands, der Türkei und der Vereinigten Staaten sind in der Kollektion vertreten. Und übrigens: Wer die Etiketten der Kleidung mit der demnächst erscheinenden Vetements-App scannt, landet auf dem Wikipedia-Artikel über ethnische Säuberung in Abchasien.

Models aus Georgien

Es ist aber nicht nur die bewegte Vergangenheit, sondern auch die schwierige Gegenwart seiner Heimat, die Demna Gvasalia beschäftigt. Die meisten Models, die in Paris liefen, stammten aus Georgien. Etwa 40 sind für die Show aus dem Kaukasus nach Frankreich gereist. „Ich nutze sie als eine Stimme für eine Jugend, die keine hat“, begründete Gvasalia diese Entscheidung.

Erst kürzlich kam es zu einer großen Klub-Razzia, die die Kreativszene der Hauptstadt Tiflis erschütterte. Georgien hat zwar eine weltoffene Jugend, kämpft aber noch immer mit seinem Sowjeterbe. „Es gibt keine echte Freiheit in Georgien“, so Gvasalia.

Hier könnt ihr euch die gesamte Show aus Paris anschauen:

Quelle: Noizz.de