Der Japaner hat uns verraten, wie seine Designs entstehen.

Wer im Laufe der 90er geboren wurde, ist höchstwahrscheinlich damit aufgewachsen: Dragon Ball und Dragon Ball Z, eine ebenso fantasievolle wie brutale Anime-Serie, die die Geschichte des übermenschlich starken Affen-Jungen Son Goku erzählt, der die Erde gegen Feinde aus dem Universum verteidigt. Heute, über 35 Jahre nachdem Dragon Ball in Japan als Manga das Licht der Welt erblickte, sind Son Goku und Co. weltbekannt – und irgendwie immer noch cool. Wie kann das sein?

Uniqlo, der größte Bekleidungseinzelhändler Japans, hat sich für seine neue Fashion-Kollektion mit eben jenem Manga-Universum zusammengetan und Motive für eine Reihe bestehend aus 28 T-Shirts und Hoodies kreiert. Für einige der spannendsten Designs konnte das Modehaus mit dem Künstler Kosuke Kawamura kollaborieren, der für seine einzigartige Collagen-Technik bekannt ist.

Kosuke Kawamura ist ein Tausendsassa, der sich neben seiner Collagenkunst auch als Grafikdesigner und Art Director einen Namen gemacht hat. Designs für verschiedenste Bekleidungsmarken sind eines seiner Steckenpferde, und so ist es kein Wunder, dass er sich in den letzten Jahren über die japanischen Grenzen hinaus zu einem international gefragten Künstler emporschwingen konnte. Seine Kollaboration mit Uniqlo ist dabei sein aktuell größer Fang. Hier könnt ihr in seine Instagram-Seite sliden und euch ein wenig von seinen stimmungsvollen Collagen beschwingen lassen.

Ich bin für NOIZZ nach Paris gereist, hab den in sich ruhenden Künstler getroffen und mit ihm über Kunst, Mode und die zeitlose Ästhetik von Mangas gesprochen.

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Mit Matcha-Keks zwischen meinen Zähnen (es wurde traditionell japanisch gehalten) sitze ich auf einer Couch im Pariser Uniqlo-Store. Vor mir hängt hübsch aufgereiht die neue Kollektion mit Dragon Ball. Das Kind in mir erinnert sich daran, wie ich als kleiner junge heimlich RTL2 geschaut habe, um Son Goku beim Prügeln zu bestaunen.

Aus dem Nebenraum treten Kawamura, seine Dolmetscherin sowie eine japanische Marketing-Managerin von Uniqlo, das Gespann, mit dem ich gleich eines der weirdesten Interviews meines Lebens führe – der freundliche Kawamura, seine strenge Dolmetscherin und die Botschafterin von Uniqlo, deren Job es ist, immer dann einzuspringen, wenn es darum geht, das eigene Haus im bestmöglichen Licht zu präsentieren.

Während die gesamte Höflichkeit der Welt im Schütteln unserer Hände zum Ausdruck kommt, mustere ich Kawamura aufmerksam: All black everything, alles eine Nummer zu groß und ein Piercing-Stab in seinem Ohr machen ihn zu einem Menschen, dessen Alter man allein an einigen Falten um seinen Augen erahnen kann.

Wir gehen gemeinsam in den Nachbarraum. Die folgenden 20 Minuten werde ich nie vergessen: Kawamura und seine Dolmetscherin sind so unfassbar höflich, respektvoll und wertschätzend, wie ich in meinem Leben selten und als Interviewer und Journalist noch nie behandelt worden bin. Auf der einen Seite im entspanntesten Setting der Welt merke ich aber auch schnell, womit ich im Gespräch nicht zu rechnen habe: krasse Aussagen. Provokative Meinungen. Und tatsächlich komme ich auch nicht auf die Tiefe, auf die ich mit einem Künstler eigentlich unbedingt kommen will.

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"Warum ist Dragon Ball auch nach 35 Jahren immer noch so cool?" frage ich ihn zu Beginn unseres Gesprächs. "Weil sich Dragon Ball nie Trends angepasst hat", antwortet Kawamura. "Geil, wie spannend" denke ich und stelle die Folgefrage: "Was ist es denn genau, was Dragon Ball so besonders und eigen macht?" – "Das ist eine schwierige Frage." Punkt. Die Dolmetscherin gibt mir zu verstehen, dass es in dieser Richtung nicht weiter geht.

"Das ist eine schwierige Frage" soll Kawamuras häufigste Antwort unseres Gesprächs werden und immer genau dann fallen, wenn es spannend, tief, oder kritisch wird. Hier sind trotzdem die interessantesten Aussagen, die ich aus dem Japaner heraus kitzeln konnte!

Der Manga Dragon Ball begleitet Kawamura bereits seit seiner Kindheit, und so konnte durch seine Zusammenarbeit mit Uniqlo ein kleiner Traum in Erfüllung gehen: Er darf Designs seines Lieblings-Mangas für seine Lieblings-Kleidermarke entwerfen. "Manga ist ein zeitloser Zeichenstil, weil es fast immer etwas Futuristisches hat. Bei Manga wird immer in die Zukunft geblickt", erklärt Kawamura mir. Deswegen erreichen Manga und Anime auch Jahrzehnte nach ihrer Entstehung noch die Herzen des Mainstream.

Sieben Tage täglich sechs Stunden Arbeit: So lange hat er am Genkidama-Motiv gefeilt. Das Original hatte etwa die Größe eines A3-Blatts.

Kreation durch Zerstörung

Kawamuras künstlerisches Aushängeschild sind Collagen. "Die funktionieren so, dass ich erst zerstöre und dann neu anordne. Das Ziel ist es dabei, etwas Besseres in einer besseren Form zu kreieren", so der Künstler. Genau das hat er auch bei der Zusammenarbeit mit Uniqlo gemacht. Das Aushängeschild der Kollektion zeigt eine von Son Gokus berühmtesten Fähigkeiten, die "Genkidama". Anstelle eines riesigen Energy-Balls hält der Affen-Mensch dabei etliche Charaktere des Dragon-Ball-Universums über seinem Körper. Diese hat Kawamura in Kleinstarbeit zersäbelt und zu einem neuen Ganzen arrangiert. "Sieben Tage täglich ungefähr sechs Stunden, so lange habe ich dafür gebraucht".

Kreation durch Zerstörung, ein Konzept, das perfekt zu seinem künstlerischen Anspruch passt. Denn Kunst ist für den Japaner nur so lange interessant, wie sie etwas Neues zum Ausdruck bringen kann, etwas, das seine Augen noch nie gesehen haben. Ganz sicher eine Haltung im Dienste der Kunst. Eine Haltung, die etliche Deutschrapper davon abhalten würde, zum x-ten Mal den gleichen Song zu bringen, nur weil die Erfahrung zeigt, das er kommerziell performen wird.

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Kunst und Fashion

Kunst in Zusammenhang mit Fashion zu kreieren, erfordert nach Kawamuras Meinung ganz andere Arbeitsvorgänge und Ansprüche an das Kunstwerk, als wenn er frei für sich arbeiten kann.

"Die Motive dürfen nicht zu trendy sein, aber auch nicht total unmodern. Man muss den schmalen Grat finden, Anschluss zu haben und trotzdem zeitlos zu sein, damit sie möglich lange getragen werden können." Damit gibt er auch ein Stückchen von dem auf, was das künstlerische Schaffen normalerweise für ihn ausmacht: "Freiheit. Kunst machen, heißt für mich, frei zu sein."

Erst die Zerstörung, dann Freiheit in der Kreation. Und dann?

"Kunst ist für mich immer nur so lange interessant, wie ich sie ausübe. Was vollbracht ist, ist langweilig. Sobald ich mit meiner Arbeit fertig bin, gehe ich also zur nächsten über." Was nach einer Ode auf das künstlerische Schaffen klingt, lässt die Frage aufkommen, was dann mit dem Zeug passiert, was er schafft. Und vielleicht spielt das für ihn tatsächlich keine allzu große Rolle. Den Gedanken von Nachhaltigkeit konnte ich im gemeinsamen Gespräch jedenfalls nicht entdecken, auch nicht in Hinblick auf seine Zusammenarbeit mit Uniqlo, die sich als Mode-Riese natürlich auch einer ökologischen Verantwortung zu stellen haben.

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"Bei der Arbeit an meiner Kunst geht es für mich allein um Kunst. Externe Faktoren berücksichtige ich nicht." So schön das für die Kunst ist, wirft Kawamuras Haltung die Frage nach der Verantwortung des Künstlers gegenüber Bereichen auf, die nicht explizit zur Kunst gehören. Zum Beispiel Politik. Oder eben Umweltschutz. Vielleicht schützt das Künstlerdasein vor solchen Fragen. Jedem sein Spezialgebiet, oder so – den Künstlern die Kunst, den Politikern die Politik, den Mode-Händlern die Designs und die Umweltverantwortung. Vielleicht könnte interdisziplinäres Verantwortungsbewusstsein und Bezug zum Weltgeschehen aber auch etwas sein, was der Kunst eine tiefere Ebene verpasst als die der Ästhetik und Neuartigkeit.

So genau kann ich ihm das im Gespräch leider nicht sagen – dieses unendlich freundliche und sympathische Gesicht sowie das ganze Dolmetscher-Setting sind einfach keine gute Basis, um jemanden auf den Zahn zu fühlen und kritisch miteinander zu sprechen. Aber eigentlich hätte ich ihm das gerne gesagt: dass ich es schwierig finde, sich als Künstler in Zusammenarbeit mit einem Fashion-Giganten um nichts Gedanken zu machen. Und dass ich finde, gute Kunst muss mehr sein als eine ästhetische Oberfläche – so sehr ich seine Designs für Uniqlo auch mag.

Am Ende verabschiedet Kawamura mich so herzlich und dankbar, dass ich das Gefühl habe, ich sei hier der Star gewesen. Vielleicht irre ich mich, aber ich habe wirklich das Gefühl, dass er das auch genau so ehrlich und herzlich meint, wie es bei mir ankommmt. Ein schönes Gefühl von Wertschätzung ist das, was er mir gibt. Wie er mich wohl verabschiedet hätte, wenn er wüsste, was ich ihn wirklich hätte fragen wollen und wie kritisch ich teilweise zu seiner Herangehensweise stehe?

Auf meinem Rückflug denke ich über die Schizophrenie der Welt nach – ich, der sich in seinem Interview und Artikel Gedanken über den Umweltschutz macht, während ich dafür in einem Flugzeug sitzen muss und das Ozonloch füttere.

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Und wie steht es bei Uniqlo mit der Nachhaltigkeit?

Obwohl Uniqlo in Fragen der Nachhaltigkeit noch nicht am Ende des Weges angekommen ist, zeigt das Unternehmen seit ihrer Gründung 1984 Bemühungen, ökologische Faktoren zu berücksichtigen.

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Gerade im Vergleich zu (Fast-)Fashion-Imperien wie ZARA oder H&M produziert das japanische Haus deutlich weniger Kollektionen und richtet ihre Designs und Modelle danach aus, was erfahrungsgemäß wirklich gekauft wird, und nicht danach, was bei anderen Modehäusern gerade gut läuft. Wie oft Uniqlo von der Presse in der Regel fälschlicherweise als "Fast Fashion" bezeichnet wird, hat im April 2019 "Forbes" bearbeitet.

Kollektionen von Uniqlo bleiben teilweise jahrelang anstelle quartalsweise im Sortiment, und auch die Qualität der Stoffe und Verarbeitung ist in der Regel hochwertig und damit langlebiger als die der Konkurrenz. Eine schöne Übersicht über ihre Unternehmens-Philosophie hat erst im April 2019 das US-amerikanische Magazin "The Atlantic" veröffentlicht.

Kleidung in Bio-Qualität bietet der japanische Mega-Konzern trotzdem nicht an und auch die niedrigen Preise können so natürlich nur existieren, weil die Produktionskosten es erlauben.

Auf uniqlo.com könnt ihr die neue Kollektion mit Dragon Ball ab jetzt kaufen!

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[Disclaimer: Uniqlo hat uns die Reise zum Interview bezahlt. Wir hätten ihre Kollektion mit Kosuke Kawamura aber auch dann besprochen, wenn sie dies nicht getan hätten.]

  • Quelle:
  • Noizz.de