Wir haben einen geilen Nähkurs in Berlin besucht.

Gustav ist eine halbe Stunde zu spät, als er endlich die Tür des Studios öffnet. Er ist zur falschen Adresse gefahren – und das ist ihm mega unangenehm. Denn der 23-Jährige ist zum ersten Mal hier – und er will lernen. Ein bisschen aufgeregt fährt er sich durch das mittellange Haar, schiebt ein paarmal die Brille auf seiner Nase zurecht, zupft an seiner Jogginghose. Wo legt er seine Bauchtasche am besten ab? Geht es jetzt los? Erst mal ankommen, rät Ylenia lachend. Sie ist die Leiterin des Kurses – und freut sich, dass Gustav den Weg zu "Unit 26" doch noch gefunden hat.

Ylenia wird Gustav heute das Nähen beibringen. Nähen, so richtig, mit Schnittmuster und Nähmaschine. Schritt für Schritt wird sie ihm erklären, wie man die Maschine bedient, wie man Garn aufspult, wie man Nahtzugabe abmisst. Die junge Schweizerin bietet ihre Workshops seit März in dem kleinen Laden in der Schönleinstraße an. Sieben Nähmaschinen stehen nebeneinander, Schnittmuster aus Pappe hängen im sonst nüchtern gehaltenen, weißen Raum. Eine silberne Schaufensterfigur mit transparentem „UNIT26“-Polizeischild bewacht den Eingang. Im Hintergrund trällert Billie Eilish.

Sporadische Einrichtung, aber was da ist, knallt

Denkt man an Nähen, kommen ziemlich schnell Klischees auf: Alte Damen, die sich zum Kaffeekränzchen in der Volkshochschule treffen und die Namen ihrer Enkel auf Handtücher sticken. Oder die Haute-Couture-Keule: Taft, Satin, Seide – Werkstätten in Laboroptik, in denen Näherinnen Entwürfe großer Designer von Papier in Stoff übersetzen. "Unit 26" passt in keine der beiden Schubladen. Ylenia Gortana studierte Design an der Kunsthochschule Weissensee, eine renommierte Adresse in Berlin.

Nähkurse außerhalb einer Schneiderlehre oder eines Modedesign-Studiums kannte die 30-Jährige nur für ältere Frauen. Warum das Konzept nicht ein bisschen verjüngen und Nähkurse für coole Leute ihrer Generation anbieten, dachte sie sich. Bei "Unit 26" betont sie, sei jeder willkommen, unabhängig von Können, Alter oder Anspruch. Blutige Anfänger kommen zu ihr, die eigentlich nur ihre Hosen kürzen wollen. Designer und Bühnenbilder, die Hilfe bei ihren Entwürfen brauchen. Eine trans* Frau, die an einer Unterwäsche-Linie für trans* Menschen arbeitet.

Kursleiterin Ylenia vor dem Studio

Oder eben Millennials wie Gustav, die Bock haben, etwas Neues zu lernen. "Ich habe gemerkt, dass ich immer wieder Klamotten zum Schneider bringen muss, weil sie so schnell kaputt gehen", erklärt Gustav, während er versucht, Garn durch die winzige Öse der Nähmaschinennadel zu fädeln. "Ich würde meinen Kram gerne selbst reparieren. Und ich würde mir gerne einen Beutel nähen, damit ich nicht alles in meine Hosentaschen stopfen muss. Mal was anderes, als die Bauchtaschen, die gerade jeder hat", erzählt er Ylenia. Gustav studiert Sportmanagement, den Workshop wollte er ursprünglich mit einem Kumpel besuchen. Mit voller Konzentration arbeitet er an seiner ersten Naht, Lektion zwei. Krumm soll sie nicht werden, wenige Millimeter sind entscheidend. Handwerkskurse sind Mädchenkram? Bullshit.

Zwei Tische weiter werkelt Anne schon an einem deutlich aufwändigeren Projekt. Sie ist das fünfte Mal hier, heute möchte sie eine Handtasche fertigstellen. Beigefarbenes Kunstleder verwandelt sich in einen viereckigen Beutel, die Henkel müssen noch ran. Die 29-Jährige kennt Ylenia aus einer Bar und hat das Ganze aus Neugierde ausprobiert. "Man hat plötzlich ein Gefühl dafür, wie lange es eigentlich braucht, ein Kleidungsstück zu nähen – dadurch bekommt man einen ganz anderen Blickwinkel auf das Handwerk und die Modebranche."

Ohne Schnittmuster geht nichts.

Ylenia freut sich, wenn sie es schafft, ihren Schüler*Innen genau diese Denkanstöße zu geben. "Wenn ich als Profi ein Shirt nähe, brauche ich mindestens drei Stunden – und das auch nur, wenn ich mich echt beeile", erklärt sie ihr Problem mit Fast Fashion. Natürlich komme sie ins Zweifeln, wenn sie T-Shirts für fünf Euro in den Läden hängen sehe.

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Man muss kein Modegeek sein, um zu wissen, wie erbarmungslos mies die Materialqualität, die Arbeitsbedingungen und wie hoch die Umweltbelastungen bei Fast Fashion sind. H&M, Primark und Topshop prägen zwar die Einkaufsmeilen unserer Städte, dass bewusstes Kaufen, Vintage-Shoppen und DIY-Alternativen cooler sind, sickert aber nun langsam in den Mainstream durch. Gepaart mit dem gesellschaftlichen Bedürfnis, möglichst individuell zu leben und Ausbrüche aus der digitalen Welt zu finden (Töpfern! Papierschöpfen!), bietet sich Nähen als handwerkliches Hobby natürlich an.

Gustav ist mittlerweile dazu übergegangen, seine ersten Ecken und Ränder zu nähen. Das ist fast ein bisschen Mathe, man unterscheidet zwischen positiven und negativen Kurven. Nur wenn er das Prinzip versteht, kann er später Krägen, runde Schultern oder V-Ausschnitte anfertigen.

In der Ecke hängen Pappvorlagen für Schnittmuster
Muss nicht immer Stoff sein: Auch mit durchsichtigem PVC kann man experimentieren

Daniela, die dritte Schülerin in Ylenias Kurs, ist schon ein ganzes Stück weiter. Ihr rosafarbenes Haar in zwei kleine Zöpfe gedreht, beugt sich die zierliche Mexikanerin hoch konzentriert über glänzenden grau-roten Stoff, der die Ballonärmel eines Oberteils ergeben soll. Zweimal die Woche kommt Daniela in die "Fashion26"-Kurse, sie hat große Ziele. "Ich will nähen lernen, damit ich irgendwann mein eigenes kleines Modelabel gründen kann. Das ist mein Traum", erklärt die 32-Jährige, während sie einen Reißverschluss ausmisst. Eine Nähmaschine hat sie sich auch schon gekauft, um das Gelernte zuhause fortzusetzen. 

Das macht Daniela zur Musterschülerin, denn eigentlich möchte Ylenia, dass die Kursteilnehmer ihr Studio nur als Unterrichtsraum, nicht als Werkstatt wahrnehmen. Sie sollen Hausaufgaben erledigen, an eigenen Projekten arbeiten. Auch Gustav ist angefixt von der Idee. Als er das Studio nach drei Stunden verlässt, ist klar: Er wird wiederkommen. Acht Workshops á 35 Euro hat er reserviert. Genug Zeit, um viele, viele Beutel zu nähen. 

"Unit26" ist in der Schönleinstraße 26, 10967 Berlin. Wann Ylenias Nähkurse stattfinden, könnt ihr auf der Website des DIY-Fashion-Labs einsehen.

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Quelle: Noizz.de