Wann geht ein Shitstorm wegen Blackfacing zu weit?

Katharina Kunath

Tattoos, Mode & Kultur
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Emma Hallberg Foto: @eemmahallberg / Instagram

Eine schwedische Influencerin erntet gerade Hass wegen ihres Looks.

Das Blackfacing und kulturelle Aneignung ein verdammtes Problem ist, sollte mittlerweile eigentlich jedem halbwegs reflektiertem Menschen klar sein. Nein, an Halloween darfst du dich nicht als Diana Ross „schminken“. Nein, an Fasching solltest du auch nicht als „Indianer“ gehen. Und ja, auch wenn du Dreadlocks cool findest – informiere dich über deren Background der Rastafari, bevor du als weiße Person deine Hippie-Träume auslebst. Denn, wenn du dich mit einer Kultur nicht auskennst, solltest du sie dir nicht zu eigen machen – vor allem nicht, wenn es sich um unterdrückte Randgruppen handelt, denen Rassismus oder Diskrimination widerfährt, wenn sie ihre Kultur selbst ausleben.

Diskussionen um dieses Thema sind wichtig und mehr als berechtigt. Sobald Diskussionen aber zu Anschuldigungen wie im Fall der 19-jährigen Emma Hallberg führen, sollte man sich fragen, wann genug nicht genug ist.

Die junge schwedische Influencerin macht das, was die meisten Influencerinnen tun: Sie posiert auf Selfies, zeigt Make-up-Tutorials und lässt sich von ihren gut 200.000 Fans für ihren Look feiern.

Ließ feiern, müsste man wohl sagen, denn aktuell ist es vor allem Hass, der der Schwedin auf ihren Social-Media-Kanälen entgegenspringt.

Denn Emma hat dunkles Haar, dass sie gerne in Locken trägt.

Sie hat volle Lippen, die sie gerne mal übermalt.

Sie hat Kurven, die sie gerne in engen Kleidern zur Schau stellt.

Im Sommer wird sie braun. Sehr braun.

Für Einige zu braun – sie werfen Emma vor, sich als etwas auszugeben, was sie nicht sei, beschimpfen und verurteilen sie als Lügnerin. Der Vorwurf: Blackfacing. Emma hätte sich absichtlich als Schwarz ausgegeben, um Fans und Follower zu generieren, ihr Look sei fake und erzwungen. Losgetreten hatte den Shitstorm eine Followerin, die fälschlicherweise angenommen hatte, Emma sei „black“ oder „mixed race“ – zu erfahren, dass ihr Beauty-Vorbild eine Weiße ist: unverzeihbar.

Den gleichen Shitstorm traf vor wenigen Wochen auch die britische Influencerin Mika Francis. Auch ihr wurde Blackfacing vorgeworfen – schließlich seien ihre Lippen aufgespritzt, und ihre Haut sei zu gebräunt. Auch sie hätte sich ein Schönheitsideal angeeignet, dass ihr als Weiße nicht zustehe. Auch ihr wurde der Hass tausender zuteil.

Der Unmut ist verständlich, betrachtet man das immer noch vorherrschende gesellschaftliche Ungleichgewicht, was Schönheitsideale angeht, etwa bei Frisuren: Jahrhundertelang galt Afro-Haar als ungepflegt, traditionelle Frisuren wie Braids und Dreadlocks wurden ghettorisiert. Bis heute glätten viele afro-amerikanische Frauen ihr Haar, um es „europäischer“ aussehen zu lassen oder tragen Perücken, um vorgegebene Standards zu erfüllen und nicht mit Alltags-Rassismus konfrontiert zu werden. Werden diese Frisuren dann allerdings von Weißen – etwa von Kim Kardashian oder Kylie Jenner getragen, schaffen sie es auf Laufstege und in Modemagazine – und werden als cool, urban und neu verkauft.

[Mehr dazu: Shitstorm gegen Kendall Jenner – wegen Afro bei „Vogue“-Shooting]

Natürlich macht es wütend, wenn ein traditionell afro-amerikanischer Look, von weißen Frauen angeeignet, gefeiert wird, während schwarze Frauen mit Vorurteilen und Diskriminierung zu kämpfen haben. Es ist ein sensibles Thema – und das zu Recht.

Im Fall von Emma Hallberg, die angibt, sich selbst nie öffentlich als schwarz oder mixed-raced verkauft zu haben, ist der Fall aber viel schwieriger.

Denn Emma wird nicht für die Aneignung einer bestimmten Frisur verurteilt, sondern für ihre allgemeine Erscheinung, die objektiv nicht in die schwarz-weiße Sichtweiser vieler passt (dafür aber umso besser in das gerade vor allem durch die Kardashians und Instagram promotete Schönheitsideal).

Sie wird dafür verurteilt, zu dunkle Haut für eine Schwedin zu haben. Absichtlich Selbstbräuner zu benutzen (wie Millionen andere Frauen weltweit).

Dass ihr Haar zu lockig sei und ihre Lippen zu voll.

Aber zu voll für was? Um dem Stereotyp einer Weißen zu entsprechen? Wenn Fremde sich das Recht herausnehmen, über die Nationalität einer Person das korrekte Äußere und die korrekte Hautfarbe ebendieser festlegen zu wollen, ist eine Grenze erreicht, die nicht überschritten werden darf. Menschen anzukreiden, dass sie sich bräunen oder ihre Haare gelockt tragen, dass sie als Schwedin keine blauen Augen haben und keine blonden Haare, dann ist das eine Engstirnigkeit, die ich nicht verstehen kann – und über die wir eigentlich längst hinwegsein sollten. Wenn Diversität und das Vorantreiben verschiedener Schönheitsideale Menschen verboten wird, weil sie dafür die falsche Nationalität haben, ist das eine erzwungene Segregation, die niemandem etwas bringt.

Kulturelle Aneignung und Blackfacing ist nicht okay. Genauso wenig okay ist aber eine sture Stereotypisierung in Hautfarben und Nationalitäten, wie sie gerade im Fall von Emma Hallberg stattfindet.

Quelle: Noizz.de