Ich war im KiK-Outfit auf der Berlin Fashion Week

Avelina de Ment

Lifestyle, Musik, Filme
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Wie das glamouröse Modevolk auf meine Billig-Klamotten reagiert hat.

Bei der Fashion Week denken wir alle an Glamour, an erlesene Kleider und sündhaft teuren Schmuck. Schöne, oftmals etwas dünne Menschen, die das alte "Sehen und gesehen werden"-Spiel zelebrieren, sich an kalorienarmen Häppchen laben und einen Skinny Bitch nach dem anderen stürzen. Wir denken an Menschen, die den Großteil ihres Geldes für Klamotten ausgeben und ohne mit dem Louboutin-Absatz zu klackern mehrere Hundert Euro für ein T-Shirt mit DHL-Aufschrift bezahlen. Menschen, die über Billigklamotten die Nase rümpfen.

Alles nur Schein!, hör ich die Kritiker sofort krakelen. Alles nur Fake! Fassade!

Stimmt das? Ich wollte es wissen. Mein Plan: Ich gehe in einen Discounter – der Zufall wollte es so, dass es KiK wurde –, stelle mir ein Billig-Outfit zusammen und stürme damit die Berlin Fashion Week!

Wie werde ich mich dabei fühlen zwischen all den Designern, Fashion-Bloggern und Models in ihren teuren oder zumindest bis ins Detail ausgetüftelten Outfits? Und: Werden sie merken, dass meine Kleider samt Accessoires soviel gekostet haben wie ihr Nagellack? Ich habe keine Ahnung, wie mein kleines Experiment ausgehen wird.

Shoppen bei KiK

Einen Tag bevor es losgehen soll, suche ich den nächstbesten KiK auf. Im Schlepptau: meine beste Freundin. Wir beide kennen KiK nur vom Namen her, waren bislang in keiner einzigen Filiale. Es ist Mittag, der Laden ist völlig überfüllt und vollgestopft mit zweifelhafter Mode: karierte Capri-Hosen, Jogging-Hosen und neonfarbene Kleider, auf denen „Fashion Lover“ oder ähnliches steht. Wie sollen wir hier ein Outfit zusammenstellen, mit dem ich mich auf der Fashion Week sehen lassen kann?

Billig Foto: dpa picture alliance

Wir durchforsten denn Laden und werden doch noch fündig. Gewonnen haben: ein schwarzes Netzoberteil, eine dunkelblaue Schlaghose, eine silberne Kette und – das beste Stück – eine Sonnenbrille. Letztere hätten sich noch vor ein paar Jahren nur uncoole Väter bei der Familienradtour aufgesetzt. Heute ist sie ein wahrer Jackpot. Erschreckend ähnliche Exemplare hat auch die Luxusmarke Vetements im Sortiment, und auch die Hadid-Schwestern tragen solche Dinger.

Was ich gekauft habe und wie viel es gekostet hat

Der Beweis! Foto: Noizz.de
So sehen die 28,71 Euro an Avelina aus Foto: Ney Tran / Noizz.de

Auf zur Berlin Fashion Week!

Schon in der U-Bahn erkenne ich die Fashion-Week-Gänger sofort. Balenciaga-Sneaker, Off-White-Gürtel, Chanel-Taschen und Gucci-Sonnenbrillen. Ich betrachte mich selbst in der Spiegelung des U-Bahn-Fensters und frage mich, ob die Mode-Blogger und Influencer wohl erkennen, dass mein Outfit nur einen Bruchteil von ihrem gekostet hat – und in einem Ramschladen erstanden worden ist. Ich beginne, an mir zu zweifeln, und mein Selbstbewusstsein schwindet.

In der „Station Berlin“, wo die Fashion Week diesmal stattfindet, angekommen, erspähe ich aber schnell meine Rettung: Der Berliner Star-Friseur Shan Rahimkhan hat einen Stand, an dem man sich die Haare gratis stylen lassen kann. Hairstylist Felix braucht nur wenige Handgriffe, um auf meinem Kopf ein wahres Wunder zu vollführen. Seltsam. Plötzlich fühle ich mich mindestens genauso schick wie die Fashionistas um mich herum – trotz Billig-Outfit!

Avelina wird gestylt – WENIGSTENS DAS! Foto: Noizz.de

Was für ein Kontrast: Meine Haare gestylt von einem der teuersten Friseure Berlins, mein Outfit gekauft in einem der billigsten Läden des Landes. Ist es vielleicht egal, was man anzieht, wenn der Rest gepflegt ist und man selbstsicher rüberkommt? Die Antwort darauf müssen andere geben. Ich mache mich auf, Fashion-Week-Besucher zu meinem Aufzug zu befragen.

Foto: Ney Tran / Noizz.de

Wie die Fashion-Welt auf mein Outfit reagiert hat

Zuerst steuere ich die Abgesandte einer bekannten Flipflop-Marke an. Sie meint, meine Sachen könnten von einem neuen Berliner Label sein. Vor allem meine Sonnenbrille begeistert sie. Dann befrage ich zwei Schweizer Influencer, einen Typen und ein Mädel. "Netz ist in Berlin immer eine gute Wahl", kommentiert das Mädel mein Oberteil. Und der Typ sagt über meine Schlaghose, sie würde so aussehen wie von irgendeinem Schweizer Label, von dem ich noch nie gehört habe.

Ich bin verblüfft. Bemerkt hier wirklich keiner meinen Blöff?

Als nächstes knöpfe ich mir einen Designer vor, der gerade sein eigenes kleines Label gegründet hat. Kommt er mir mit seiner handfesten Erfahrung auf die Schliche? Er lobt die Farbe meiner Hose, nennt sie „fresh“ und überlegt eine Weile, bis er zum Schluss kommt: „Dein Outfit stammt von keinem Standard-Modehändler.“ Auch ihm gefällt die sportliche Sonnenbrille am besten.

Wem auch immer ich nach meinen kleinen Interviews offenbare, dass die Kleidung und die Accessoires von KiK stammen: Jeder ist schockiert und reagiert gleichermaßen ungläubig.

Foto: Ney Tran / Noizz.de

Mein Fazit

Ich habe bei der ganzen Aktion gelernt, dass ich mein Selbstwertgefühl nicht von irgendeiner Marke oder irgendeinem Preissschild abhängig machen sollte. (Auch wenn ich gestehen muss, dass das Luxus-Hairstyling nicht unwesentlich war.) Wenn auf der Berlin Fashion Week keiner den Unterschied zwischen einem 30-Euro-KiK-Outfit und einem 3000-Euro-Designer-Outfit erkennt, sagt das schon viel aus über die Branche. Ein bisschen spielte mir sicher in die Karten, dass ein trashiger Style gerade mal wieder en vogue ist.

Bei KiK werdet ihr mich trotzdem nicht allzu schnell wiederfinden. Ein komplettes Outfit für unter 30 Euro? Irgendwas kann daran nicht stimmen ...

Foto: Ney Tran / Noizz.de

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