Die 9 wichtigsten Rapper, Kollektive und Orte.

Es fing alles an, als ich in einem gelangweilten Scroll-Marathon auf Instagram über dieses Tanzvideo stolperte.

Was. Ist. Das.

Erstens denke ich mir: Wow, krasse Moves. Zweitens: OMG endlich ein geiler deutschsprachiger Hip-Hop-Track! Obwohl ... irgendwie hört sich die Zeile „Das nog nik“, doch nicht genau wie das deutsche „Das' noch nichts“ an.

Also google ich das Lied („Cartier“) und stoße auf Dopebwoy (LOL, was ist das für ein Name). Von dem, was er sagt, check ich nichts. Das Lied „Cartier“ hat aber immerhin mehr als 45 Millionen Streams auf Spotify. Um zu verstehen, was er sagt, muss man allerdings auch kein Holländisch können: Irgendwas von wegen Frauen, Drinks und Geld – das Typische also.

Ich bin trotzdem fixiert. Wie kann es so ein geiles Lied da draußen geben, und ich habe es noch nie im Radio gehört? Gibt es noch mehr davon da draußen? Die Antwort ist: Ja. Und ob.

Ich rede mit einer Freundin darüber. Sie meint zu wissen, dass „Holländischer Rap gerade voll am Kommen“ ist. Das kann viel heißen. Also stürze ich mich in die Recherche und finde diverse Artikel über niederländischen Rap von 2010 bis 2017 und dann – größtenteils Funkenstille. Ich frage mich, was passiert ist mit dem Phänomen „Dutch-Rap“ – ein Begriff, den ich erst im Zuge meiner Untersuchungen herausfinde.

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Ich stoße auf zahlreiche Namen, die sich in der Szene mehr oder weniger etabliert haben. Diese Schlüsselakteure haben den Dutch-Rap gestaltet oder prägen nun seine Zukunft. Wenn du diese Menschen mit ihrer Herkunft, Vergangenheit und Kunstform verstehst, verstehst du auch, warum Dutch-Rap eigentlich der Shit schlechthin ist – und auf seinen wahren internationalen Durchbruch nicht mehr länger warten sollte.

Steen wird als einer der Begründer des Holland-Rap betrachtet. Er machte den Begriff „Kanker“ groß, was so viel bedeutet wie „Krebsgeschwür“. Er ist außerdem verantwortlich für die Bezeichnung „Kadaver-Rap“, eine Form des Horrorcore-Rap. Mittlerweile haben andere, tanzfähigere Rapper die Führung übernommen, doch Steen ist und bleibt das Urgestein.

In jeder Hip-Hop-Szene gibt es irgendwo auch den einen, der sich mehr dem synthetischen Cloud-Rap widmet als den harten Lines. Im Dutch-Rap ist es der Kevin aus Rotterdam. Seinen Durchbruch verschaffte ihm der Track „Op de Block“.

Kempi hat in Sachen Street-Credibility eindeutig die Nase vorn. Von den Niederländern wird er der „Gangsterrapper van de Lage Landen“ genannt, was so viel bedeutet wie „Gangsterrapper aus dem Flachland“ – in seinem Fall aus Eindhoven, der fünftgrößten Stadt der Niederlande. Schon in seiner Jugend driftete er ins kriminelle Milieu ab, im Jahr 2008 saß er das erste Mal für ein Jahr im Gefängnis, im Jahr 2016 bereits wieder. Seine Musik ist so was wie Haftbefehl für Deichbewohner.

Die Sawtu Boys Money Gang – kurz SBMG – sind im 2014 ziemlich steil gestartet. Schuld daran war der Track „Oeh Na Na“, der allein auf YouTube mehr als 14 Millionen Views eingesammelt hat. Auch danach haben die Jungs nicht an Beliebtheit verloren. Im Juni kam ihr Album „Metro 53“ raus, das mit Hits wie „LIT“ oder „Gedrag“ auf Spotify schon jetzt 30 Millionen Streams hat. Was man noch über sie wissen muss: Sie kommen aus Amsterdam, haben surinamische Wurzeln und stehen für erstklassige Afro-Trap-Beats.

Was Cro für Deutschrap ist, ist Frenna für Dutch-Rap. Als Teil der Rap-Crew SFB macht Frenna eine Mischung aus Pop und Rap – und kreiert damit Club-fähige Tracks, die nicht wirklich nur Rap sind, aber auch nicht wirklich Pop. „Raop“ eben, wie Cro sagen würde.

SMIB heißt verkehrt herum „Bims“ – eine Abkürzung für das Stadtviertel „Bijlmar“ in Amsterdam. Bijlmar ist das Amsterdamer Ghetto – und die Heimat der Rapper des SMIB-Kollektivs. SMIB ist nicht nur ein Ort für Musik, sondern auch für Fashion und Events. Das Kollektiv will in keine Schublade gesteckt werden, sondern Grenzen und Stereotype durchbrechen. Damit macht es sich gerade in den Niederlanden einen Namen. Zu SMIB gehören bereits bekannte Namen wie Ray Fuego oder GRGY – aber dazu gleich mehr.

Dieser Boy ist – wie schon gesagt – Mitglied des SMIB-Kollektivs. Er verkörpert einen Teil der Szene, der gerade in den letzten Jahren zur Finanzierung des Hip-Hops beiträgt: Fashion. Auf Instagram zeigt er sich nicht in trashigen Studio-Shots, sondern in ausgewählten Outfits an Insta-tauglichen Straßenecken.

Yung Nnelg scheint inhaltlich momentan einer der wichtigsten Akteure im Dutch-Rap zu sein. Der Rapper mit Ghanaischen Wurzeln war auch mal Teil des SMIB-Kollektivs. Von dem hat er sich aber angeblich mittlerweile getrennt. Der SMIB-Mentalität bleibt er trotzdem treu. In einem Interview mit dem Kulturblog „Glamcult“ sagt er, er wolle sich mit seiner Kunst von „dem Stereotyp eines jungen schwarzen Mannes, der Hip-Hop macht“ befreien. Obwohl Yung Nnelg noch keine bahnbrechenden Erfolge feiert, treibt er mit seiner Mentalität das Gesicht des Rap in den Niederlanden progressiv voran.

Das Appelsap ist einer der bekanntesten Hip-Hop-Festivals in den Niederlanden. Bei ihm haben schon Acts aufgetreten wie Kendrick Lamar, Travis Scott, Skepta und ScHoolboy Q. Beim diesjährigen Appelsap bekam das SMIB-Kollektiv sogar ihre eigene Stage. Das Appelsap, das für seine Trend-Affinität bekannt ist, hat damit ein Zeichen für die Zukunft von Dutch-Rap gesetzt.

Die Niederlande sollte die Rap-Welt auf jeden Fall im Auge behalten – denn da passiert gerade Einiges. Es geht nicht mehr (nur) um Testosteron-geladenen Gangster-Rap oder vernebelte Cloud-Geschichten, sondern darum, Hip-Hop voranzutreiben in eine kreative Zukunft. Und davon können sich einige deutsche Akteure durchaus etwas abgucken.

(Trotzdem innovativ AF: 15 Deutschrap-Tracks gegen Rechts)

Quelle: Noizz.de