"Albern, süß und traurig."

Alle 14 Tage wollen wir euch in unserem Tattoo Talk Künstler vorstellen, denen wir begeistert auf Instagram folgen – weil sie uns mit ihrer Message, ihrem Stil oder ihrer Persönlichkeit umhauen.

Dieses Mal haben wir für euch mit Tattoo-Artist Rozita gesprochen. Rozita sticht schaurig-schöne Handpoke-Tattoos, hauptsächlich traurige anmutende Gesichter, die man so schnell nicht wieder vergisst. Rozita ist teil des queeren Tattoo-Kollektivs "Fantasy" in Berlin und hat mit uns über das Studio, Aktivismus, die queere Tattoo-Szene und Male Gaze unterhalten.

NOIZZ: Rozita, wie bist du zum Tätowieren gekommen?

Rozita: Angefangen habe ich damit in Budapest, wo ich auch herkomme. Eine richtige Szene oder Community für zeitgenössische Tattoos gab es da damals noch nicht – und viele Handpoke-Tätowierer sowieso nicht. Also musste ich es mir selbst beibringen. Ich habe mich und meine Freunde einfach in meinem Zimmer tätowiert!

Wie würdest du deinen aktuellen Stil denn selbst in drei Worten beschreiben?

Rozita: Als albern, süß und traurig. Mein Stil verändert sich immer weiter, ich sehe ihn nie als komplett ausgereift oder fertig an. So wie ich mich ständig verändere, verändert sich auch die Art, wie ich tätowiere.

Du tätowierst meist Gesichter, sie sind ein immer wiederkehrendes Motiv deiner Arbeiten. Warum?

Rozita: Seit ich mich erinnern kann, zeichne ich Gesichter. Immer in unterschiedlichen Kontexten, aber immer Gesichter. Ich weiß echt nicht, warum, ich bin einfach fasziniert von Menschen und ihren Gesichtern – und davon, dass es so unendlich viele Ausdrücke gibt, die sich in winzigen Nuancen unterscheiden. 

Was treibt dich an?

Rozita: Dass es immer noch so viel zu lernen, so viel Raum zum Wachsen gibt. Ich habe nie das Gefühl, alles zu wissen, und ich bin nie hundertprozentig zufrieden mit meiner Arbeit. Und mich treibt die Wertschätzung an, die ich erfahre.

Was war dein bisher seltsamstes Tattoo-Request?

Rozita: Mich hat mal jemand nach einem Kürbis gefragt, der Lil Peeps Gesichtstattoos haben sollte!

Und welches das bisher Bewegendste?

Rozita: Ich bin immer richtig dankbar, wenn Menschen sich dazu entschließen, sich großflächige Motive von mir stechen zu lassen. Das ist immer eine wunderschöne zwischenmenschliche Erfahrung, die für beide Parteien sehr herausfordernd sein kann, aber jede Sekunde wert ist. Mein Liebstes ist vielleicht das hier:

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Was macht Handpoking so besonders?

Rozita: Ich liebe die Intimität, die es innehat und die Zeit, die es braucht – denn dadurch verbringe ich Zeit mit meinen Kundinnen und Kunden und lerne sie ein bisschen kennen. Und es ist so leise (im Vergleich zu elektrischen Tattoomaschinen, Anm. d. Red.), dass man währenddessen tatsächlich Gespräche führen kann.

Was war bisher der Höhepunkt deiner "Tattoo-Karriere"?

Rozita: Wahrscheinlich die Eröffnung unseres Studios "Fantasy". Ich habe immer davon geträumt, mit einem tollen Kollektiv ein eigenes Studio aufzumachen, hätte aber nie gedacht, dass es hier in Berlin passieren würde – und dann direkt ein Jahr, nachdem ich hierhergezogen bin. Für mich war es etwas ganz Besonderes, weil ich das erste Mal das Gefühl hatte, aktiv am Entstehen einer Community mitzuarbeiten – und das ist sehr wichtig für mich.

Was macht "Fantasy" in deinen Augen besonders?

Rozita: Dass wir ein Kollektiv sind, macht uns schon besonders. Es ist ein politisch engagiertes Studio, was mir sehr wichtig ist – denn in der Tattoo-Industrie muss sich vieles ändern. Und das wird nur passieren, wenn Menschen politisch sind und daran arbeiten, dass sich etwas ändert. Ich bin nicht einfach so zu "Fantasy" gekommen, wir haben es zusammen erschaffen. Jeder, der dort arbeitet, hat mitgeholfen, es zu dem werden zu lassen, was es heute ist. Wir haben uns, lange bevor wir überhaupt die Räumlichkeiten hatten, zusammengesetzt und überlegt, wie wir es gestalten wollen und was uns wichtig ist.

Was pisst dich denn an Branche an?

Rozita: Heterosexuelle weiße Cis-Männer, die es nicht schaffen, sich mal hinzusetzen, zuzuhören, dazuzulernen und sich zu verändern. Und dass sie immer noch den Großteil der Tattooszene ausmachen. Es gibt viele Tätowierer, die sich richtig toxisch benehmen und auch so arbeiten – und es kommt nur sehr selten vor, dass sie bereit sind, das einzusehen und zu ändern.

Hast du in diesem Bezug selbst schlechte Erfahrungen gemacht?

Rozita: Ich ziehe es vor, nicht über meine Erfahrungen zu sprechen. Aber um ein paar konkretere Beispiele zu bringen: Wenn Tätowierer keine Rücksicht auf die Verletzlichkeit ihrer Kundinnen und Kunden nehmen und das Ungleichgewicht der Machtposition ausnutzen, ist das ein toxisches Verhalten. Wenn sie untereinander herablassend über deinen Körper sprechen, wenn sie Menschen mit konventionell "schönen" Figuren absichtlich dazu bringen, sich weiter auszuziehen als sie müssten oder unnötig sexy Fotos von den neuen Tattoos machen, wenn sie dich ohne zu fragen anfassen oder sich nicht darum scheren, ob man sich gerade wohlfühlt. Und von sexistischen Motiven will ich gar nicht erst anfangen … also von Tattoos, die Körperlichkeit objektivieren und einen ziemlich brutalen Male Gaze auf die weibliche Sexualität werfen.

Gibt es Motive, die du niemals stechen würdest?

Rozita: Alles, was eigentlich nicht in mein Sujet fällt. Ich passe außerdem sehr auf, alles zu vermeiden, was Körper in irgendeiner Art objektiviert, was kulturelle Aneignung ist, in irgendeiner Weise eine bestimmte Gruppe Personen verletzen oder angreifen könnte oder repressive Strukturen stärkt.

Erzähl' uns ein bisschen über die queere Tattoo-Community in Berlin!

Rozita: Ich bin richtig glücklich in meiner Community, sowohl in als auch außerhalb von Berlin. Ich lerne immer mehr queere, trans- und nicht-binäre Künstler kennen. Es ist eine internationale, liebende, unterstützende und sich kümmernde Community, in der sich um jedes Mitglied gekümmert wird und der man auch keine Angst hat, jemanden für seine Taten zur Rechenschaft zu ziehen. Ich glaube, wir können immer noch stark daran arbeiten, wie wir auf Menschen reagieren, die Fehler machen. Ich bin nicht gerade glücklich über die Cancel Culture, die heutzutage leider Teil jeder queeren Community zu sein scheint. Aber ich glaube, dass wir daraus gemeinsam lernen und uns zusammen weiterentwickeln können.

Wenn ich heute keine Tattoo-Künstlerin wäre, wäre ich ...

Rozita: ... Theaterpädagogin. Das habe ich studiert, bevor ich mein Studium fürs Tätowieren geschmissen habe.

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Was ist das Härteste am Tätowieren?

Rozita: Ich will jedes Tattoo mit viel Liebe und Sorgsamkeit stechen, das kann manchmal mental wie auch körperlich wirklich anstrengend sein. Und weil Tätowieren so etwas persönliches ist, ist es oft schwierig, eine gesunde Grenze zwischen meiner Arbeit und meinem Privatleben zu ziehen.

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Welchen Rat würdest du Leuten geben, die sich das erste Mal ein Handpoke-Tattoo stechen lassen?

Rozita: Sich nicht zu viele Gedanken darüber zu machen. Viele Leute denken, dass handpoke viel mehr wehtun würde als mit einer Maschine, aber wenn es professionell gemacht wird, sollte es eigentlich weniger schmerzen.

Dein Wort zum Sonntag?

Rozita: An alle Tätowierer, die das lesen: Durch Instagram stehen wir alle im Rampenlicht, manche mit mehr Followern, manche mit weniger. Aber uns allen folgen Menschen, die alles, was wir kommunizieren, mitbekommen. Das ist ein Privileg, aber auch eine Verantwortung. Bitte nutzt eure Öffentlichkeit für gute Zwecke. Steht für die auf, die selbst keine Stimme haben. Teilt Informationen, die die Massenmedien vielleicht nicht teilen, unterstützt QPOC (Queer People of Colour, Anm. d. Red.), teil ihre Spendenaufrufe, spendet für die, die es brauchen. Bringt euch in Diskussionen über Sexismus, Rassismus und jede andere Form der Unterdrückung in unserer Branche ein. Don't ever shut up about these issues.

Diesen Kollegen gebe ich Props:

Rozita: @tato_coco, @sagflap, @yuvariver, @ds_008, @ritasalt, @tenderboy_, @carsonfloey, @bigboy.247 und @varias_tatu.

Wenn ihr ein Tattoo bei Rozita anfragt, denkt bitte daran, Rozita auf Englisch zu schreiben. Auch dieses Interview wurde auf Englisch geführt und wurde im Anschluss von unserer Autorin übersetzt.

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Quelle: Noizz.de