H&M tut ganz schön viel, um sich nachhaltig darzustellen, dabei ist das Modeunternehmen einer der Big Player, was schnell konsumierbare, billige Klamotten angeht. Jetzt hat die schwedische Brand ein neues Recycling-System entwickelt. Was man davon halten darf.

"Looop" heißt die Maschine, die H&M seit Neustem in einem Store in Stockholm stehen hat – und die dazu beitragen soll, die Mode des schwedischen Unternehmens nachhaltiger zu machen. Klingt ja erst mal super. Grüne Mode, das ist wichtig und gut.

"Looop" soll alte Klamotten in Neue verwandeln. Das soll so funktionieren:

Die Maschine wird mit alten Kleidungsstücken gefüttert, die im ersten Schritt gereinigt und in kleine Stücke zerteilt werden. Diese werden schließlich in einzelne Fasern zerlegt, aus denen dann neues Garn gesponnen wird. H&M verspricht, dass in diesem Prozess weder Wasser noch Chemikalien benutzt werden – die Alt-Fasern würden lediglich mit einigen neuwertigen Fasern gemischt, um ein starkes Garn produzieren zu können – aus dem im Anschluss ein neues Kleidungsstück gestrickt werden kann.

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Diese Herstellungsmethode soll nachhaltiger und umweltfreundlicher sein als die herkömmliche Textilherstellung. H&M stellt sich damit als "Circular Fashion Brand" da – also als Modemarke, die (Achtung, unsexyes Wort) Kreislaufwirtschaft betreibt. Heißt, Dinge werden so produziert, dass nichts mehr im Abfall landet. Alle Materialien werden wiederverwendet, recycelt oder upcycelt.

Die Modebranche ist nicht nachhaltig – schon gar nicht "Fast Fashion"

Ein System, das – was den größten Teil der Modebranche angeht – bisher eine Wunschvorstellung und Utopie ist: Seit gut 20 Jahren ist "Fast Fashion" das Ding. Zara und H&M, Primark, Mango, Bohoo – die Liste billigproduzierter Massenmode-Marken ist lang. Ständig neue Kollektion und immer günstigere Preise sollen Konsument*innen zum Kauf anregen. Die Verlierer im Game: Unterbezahlte Arbeiter*innen in Sweatshops in Südostasien, vergiftete Flüsse, ausgetrocknete Landschaften.

Das das im Jahr 2020 nicht mehr das coolste Image ist, haben mittlerweile viele Modemarken kapiert. Sie haben aber auch kapiert, dass Nachhaltigkeit ein gutes Marketingtool ist – und wie schnell sich Menschen von ein bisschen "Greenwashing" täuschen lassen.

Klamotten werden tonnenweise produziert, tonnenweise unbenutzt verbrannt – und eine einzige Recycling-Maschine soll helfen?

Zurück zu H&M: Das schwedische Unternehmen, dass jährlich tonnenweise Massenmode produziert, hat jetzt also in einer (!) von 5.076 Filialen eine Maschine stehen, die ein paar alte Klamotten recyceln soll.

"Das ist schönes Marketing und vielleicht ganz nett, um Menschen ein bisschen über Recycling zu informieren", sagt Kai Nebel, Nachhaltigkeitsbeaftragter der Fakultät Textil und Design der Hochschule Reutlingen dazu. "Aber es ist ein Gimmick, ein Tröpfchen auf den heißen Stein – etwas, das man vor 30 Jahren hätte einführen sollen. Bedenkt man, wie viele Massen H&M verkauft und selbst vernichtet, bringt das eigentlich nichts."

Alles nur "Greenwashing"?

Vernichtet? Ja, denn aktuell landet so viel Kleidung im Müll wie noch nie – weil viele Marken mit Überproduktionen kalkulieren. Kai Nebel geht davon aus, dass 50 Prozent der weltweit neuproduzierten Kleidung einfach auf Mülldeponien landet oder verbrannt wird – ohne jemals in der Hand eines*r Kund*in gewesen zu sein. Alleine bei H&M werden – Stand 2017 – jährlich durchschnittlich zwölf Tonnen Kleidung in Dänemark und rund 19 Tonnen in Schweden verbrannt.

Wir ersticken an Altkleidung – recycelt wird verschwindend wenig

Aber das ist nicht das einzige Problem: Weil soviel günstige Mode produziert wird, kaufen wir zu viel, tragen die Teile kaum und schmeißen sie nach kurzer Zeit weg. Eine krasse Umweltbelastung. "Alleine in Deutschland kämpfen wir jedes Jahr mit 1,5 Millionen Tonnen Altkleidung – wir ersticken darin", sagt Kai Nebel von der Fakultät Textil und Design der Hochschule Reutlingen.

Weniger als ein Prozent der weltweit produzierten Kleidung wird zu neuer Kleidung recycelt. Wenn H&M jetzt also mit großartigem Recycling wirbt, hat das einen fahlen Beigeschmack. Nebel warnt außerdem vor einem "Rebound Effekt": "Die Leute sehen das und denken, sie könnten mit gutem Gewissen bei H&M einkaufen." Im Zweifel wird so der Konsum also nicht gestoppt, sondern einfach noch krasser gefördert.

Bevor ihr euch also vom Greenwashing großer Konzerne täuschen lasst, achtet lieber selbst auf einen nachhaltigeren Umgang mit Mode. Heißt: Weniger kaufen und das, was ihr kauft, auch wirklich tragen. Klamotten wertschätzen und pflegen, anstatt nach ein paar Monaten zu entsorgen. Informiert euch über Arbeitsbedingungen, sucht nach Labels, die regional und transparent arbeiten, und lasst euch nicht von ein bisschen grünem Marketing blenden.

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  • Quelle:
  • Noizz.de