Gesichts-Tattoos sind das neue Arschgeweih

Katharina Kunath

Tattoos, Mode & Kultur
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Lil Xan machts vor, wir machen es nicht nach. Foto: xanxiety / Instagram

Der nächste Posty wirst du damit nicht mehr.

Gesichtstattoos waren mal verdammt cool. Vor gar nicht allzu langer Zeit, als ihnen noch etwas Gefährliches, etwas Geheimnisvolles anhafte – und man sich nicht so sicher war, ob man den Träger wirklich fragen solle, für was die kleine Träne unter seinem Auge stünde. Damals, als sich nur Knastis, Bandenmitglieder und Misfits trauten, der gesellschaftlichen Norm den Mittelfinger auf besonders plakative Weise zu zeigen. Ich fand das großartig. Antihelden forever.

Heute wird dir ein bisschen Tinte in der Fresse definitiv keine Street Credibility mehr geben – im Gegenteil: Wenn du nicht gerade Mitglied der MS-13 bist, in einem russischen Gefängnissicherheitstrakt sitzt, selbst Tätowierer bist oder den Maori angehörst, solltest du die Finger von den Dingern lassen.

Denn seien wir ehrlich: Seit sich minderjährige Cloudrapper die Namen ihrer Mamis, Eistüten und Ufos auf die Wangen stechen lassen, schockt das Gesichtstattoo keinen mehr.

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Schaut man sich die junge Rap-Elite an, ist schnell klar – die Tattoos stehen nicht für Geschichten, die das Leben dieser Boys geprägt haben. Sondern für Geschichten, die sie gerne erlebt hätten. Sie sind keine gesellschaftlichen Misfits, sie wären aber gerne welche. Es ist eine Rolle, in die sie schlüpfen, und die Tattoos sind die Verkleidung – außerdem lenken sie hervorragend von dem noch nicht vorhandenen Bartwuchs der Meisten ab.

Boys wie Lil Pump, Lil Xan und 6ix9ine kann man sich eben eher mit Teddybären in die Hand vorstellen als im echten Straßenfight.

Und das ist auch okay – ein Tekashi wird nie ein 50 sein –, und das musikalische Talent will ich auch gar nicht (unbedingt) infrage stellen. Schade ist nur: Die Motive der Meisten sind so wahllos gewählt, dass man daran selbst schon den verzweifelten Versuch sieht, ja etwas zu erschaffen, das eben durch diese Wahllosigkeit möglichst viel Aufmerksamkeit generiert. Das nimmt dem Tattoo seine Glaubwürdigkeit. Aus dem Stigma wird Normcore und das stimmt mich traurig.

Warum? Weil damit ist das Ende des Gesichtstattoo schon absehbar ist. Denn nein, Cloudrapper waren nicht die ersten, aber sie sind vielleicht die letzten, die Tattoos im Gesicht tragen – sie haben es geschafft, dass die einst provokativen Tattoos mittlerweile so lächerlich aussehen, dass dich selbst deine Oma dafür auslachen würde.

Damit werden die ehemaligen Tabu-Tätowierungen früher oder später das gleiche Schicksal ereilen, das auch dem Arschgeweih, dem Unendlichkeitszeichen und dem Mandala zum Verhängnis wurde: Tragen es zu viele, verliert das Getragene an Authentizität, es wird langweilig. Der Hype zerstört den Hype.

>> Warum das Arschgeweih bald sein Revival feiern wird

Was früher den wirklich harten Jungs vorenthalten war, ist zu einer Modeerscheinung geworden, die dem Symbol selbst dessen Bedeutung geraubt hat. Damit werden Gesichtstattoos auf kurz oder lang genauso bedeutungslos werden wie alle anderen Trend-Tattoos der letzten Jahre.

Das einzige Problem: Das Arschgeweih konnte man immerhin verstecken, als es seinen Zenit überschritten hatte.

Hoffen wir für unsere liebsten Cloudrapper, dass der Trend wenigstens noch so lange hält, bis sie sich irgendwann Vollbärte wachsen lassen können – und dass die Optik bis dahin nicht mehr von allzu vielen Posern nachgemacht wird.

Apropos: Justin Bieber hat sich Gerüchten zufolge gerade ein Tattoo über die Augenbraue stechen lassen.

RIP, liebes Gesichtstattoo.

Quelle: Noizz.de

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