Heißt GNTM bald „Germanys Next Influencer“?

Vor ein paar Jahren noch holte Heidi ihre Models persönlich in Gelsenkirchen ab – jetzt lässt sie die Mädels über Instagram zu ihr kommen. Dieser Wandel ist das symbolischste, was mir, einem (ehemaligen?) GNTM-Fan, einfällt, um zu beschreiben, was aus meiner liebsten Trash-TV-Show geworden ist.

Vor ein paar Wochen postete die selbsternannte Model-Mama dieses Video über Instagram:

Dieses Jahr sammelt sie ihre Models also mit dem Hashtag #ichbingntm2019 und entfacht damit schon zahlreiche neue Insta-Accounts, die sich alle nur noch damit beschäftigen, die eigene Eignung für die Casting-Show unter Beweis zu stellen. 7.720 Beiträge gibt es momentan zu dem Hashtag.

Von überbelichteten Selfies bis professionellen Promo-Pics und peinlich gestellten Amateur-Fotos hinter Weinblättern ist unter dem Hashtag die große Bandbreite aller Fame-liebäugelnden jungen Mädchen zu entdecken.

Wäre ich 30 Zentimeter länger mit Hoffnung auf eine große Karriere bei Heidis Vater, würde mich das Hashtag in den Wahnsinn treiben. Tausende von wunderschönen Mädchen, hunderte von Likes und Views, und du bist im direkten Vergleich – bevor dich das erste Filmteam je abgelichtet hat! Insofern ist der Mut dieser Mädchen ziemlich beachtlich. Der Grund hinter ihrem Mut ist aber irgendwie traurig.

Let’s face the facts:

„Germany‘s next Topmodel“ gibt es nicht mehr. Irgendwann zwischen Luisa mit der Zottelmähne, Betty mit den Knopf-Ohrringen und Neele mit dem YouTube-Channel kam der Wandel von der Model-Show zur Influencer-Show.

Bedarf es dem ganzen dann nicht vielleicht nach einem Namenswechsel? Wäre doch vielleicht ganz angebracht, da es doch sowieso nur noch darum geht, welcher Instagram-Account nach der Staffel am meisten Follower gewonnen hat.

Deutlich wurde das in der letzten Staffel, als Mitstreiterin Julianna von einem Auftraggeber beim Job-Casting nach ihrem Instagram-Account und ihrer Follower-Zahl gefragt wird. Mit der Antwort „um die 3.000“ scheint der Fragende zufrieden zu sein. Mittlerweile hat die Ex-Finalistin übrigens 187.000 Follower.

Instagram ist die Model-Mappe der Zukunft, wenn nicht der Gegenwart. Nicht dein Aussehen zählt, sondern, was andere Menschen von deinem Aussehen halten und ob sie es schätzen und auf dem Laufenden gehalten werden wollen. Ob sie Teil deiner Community sein wollen.

Und so zentriert sich alles nur noch um eines: die Meinung anderer.

Und diese manische Leidenschaft für das, was andere von einem selbst halten, macht absolut krank. Die Mädchen entfernen sich von ihrer eigenen Persönlichkeit, um in eine Handvoll Schubladen hineinzupassen, die von einer Handvoll Instagram-Pionieren und Hashtag-Trends vorgegeben werden.

Eigentlich habe ich gar keine Lust auf GNTM-Bashing.

Das gibt’s schon genügend Pseudo-Akademiker, die sich laut und fröhlich auslassen über junge Mädchen mit Zukunftsträumen. Eigentlich mochte ich GNTM immer, irgendwie. Ist doch klar, dass das ganze Quatsch ist; dass die Show für eine Modelkarriere vielleicht nicht der ideale Startpunkt ist. Aber mittlerweile hat sich das Ganze von einer trashigen Castingshow zu einer obsessiven Influencer-Zucht entwickelt. Dabei bietet die Plattform „Germany's next Topmodel“ so viel mehr.

Sie gibt vielen jungen Mädchen die Hoffnung, dass Träumen möglich sein kann, dass Abenteuer für alle zugänglich ist, dass jeder Fehltritt eine Lehre sein kann. Selbst wenn diese ganzen Botschaften aus einer kitschigen Programmleitung in Unterföhring stammen, irgendwie scheinen sie Menschen zu erreichen.

Nun erreicht die Mädchen die Botschaft, dass sie viele Follower brauchen, um gesehen zu werden. Dass ihre Schönheit erst relevant wird, wenn andere Menschen sie verifizieren. Dass sie in einem Meer von identischen Bildern untergehen werden. Eigentlich schade.

Quelle: Noizz.de