Was in der Malerei ein Tabu ist, scheint in der Tattoo-Szene gang und gäbe: Dauernd werden Designs geklaut, abgekupfert, kopiert. Das macht Tätowierer*innen schwer zu schaffen – und der Diebstahl fängt oft mit "Inspiration" auf Pinterest, Instagram und Co. an.

Ein Follower hat der Tattoo-Künstlerin Be Lucchesi damals den Screenshot gezeigt, der die Tätowiererin für die nächsten Tage in einen Zustand des Schocks und der Trauer versetzen sollte: Das Foto zeigte den Instagram-Account eines relativ bekannten Tätowierers aus den USA. Der bot auf seinem Feed eine Reihe von "neuen" Tattoo-Designs an. Mehrere schwarze Linienzeichnungen auf weißem Hintergrund, geschwungen gezeichnete Körper und Hände, geschmückt mit Schlangen- und Blumenmotiven. Doch die Designs waren nicht seine Ideen – es waren alles Bes Designs, die er geklaut hatte.

Motive, mit denen Be bekannt geworden ist. Ein Stil, den sie mit etabliert hat, der ihr Alleinstellungsmerkmal ist, der ihren Wert ausmacht. Sie verkauft ihre Designs als einzigartige Exemplare – keine zwei Menschen sollen dasselbe Be-Lucchesi-Tattoo tragen, das ist ihr Versprechen. Und nun kann sie es nicht halten – weil ein Tätowierer aus den USA ihre Tattoos klaut. Einfach so. Ohne zu fragen, ohne eine Lizenz zu erwerben, ohne auch nur eine Nachricht zu schreiben.

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"In der Vergangenheit gab es schon ein paar kleinere Tätowierer*innen, die meine Designs geklaut haben – doch dieser Fall war viel größer und hat mich emotional hart getroffen", erzählt Be. Die weniger bekannten Künstler*innen entschuldigten sich nach einer Konfrontation ausgiebig und löschten ihre Posts, aber in diesem Fall war es anders. Der kopierende Tätowierer arbeitete für ein bekanntes Studio in den USA, das über 60.000 Follower auf Instagram hat – Be hatte zum damaligen Zeitpunkt vielleicht ein Viertel davon. Als Be ihn und das Studio zur Rede stellte, beharrte das Studio auf Unschuld und versprach, den Tätowierer zu entlassen – was bis heute noch nicht passiert ist.

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Nach dem Vorfall war Be hin- und hergerissen. Sollte sie aufhören, ihre Designs auf Instagram zu posten, damit niemand sie klauen konnte? Doch Bes Kunden kommen alle über Instagram – wenn sie ihre Designs dort nicht mehr postet, könnte sie es mit der Tätowierer-Karriere auch gleich sein lassen. So wie Be geht es vielen Künstler*innen.

Be Lucchesis Erfahrung ist kein Einzelfall

Tätowierer*innen auf der ganzen Welt haben damit zu kämpfen, dass andere ihre Designs klauen – sogar (wenn nicht sogar besonders) superbekannte Tätowierer*innen kämpfen damit.

Silvano Fiato aus Italien zum Beispiel. Der Tätowierer ist mittlerweile eine kleine Berühmtheit – 170 Tausend Leute folgen ihm auf Instagram, laut eigener Angaben hat er mit seinem Stil einen Trend gestartet. Er freut sich, wenn andere Tätowierer*innen inspiriert von seinen Designs sind – doch wenn sie eins zu eins kopiert werden, findet er das nicht richtig. "Meine Tattoos sind einzigartige Werke für meine Kunden, eigens von mir kreiert, basierend auf deren Geschichten und ihren Emotionen. Wenn das kopiert wird und dann auch noch schlecht – das ist einfach nicht gut", sagt Silvano.

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Manche Tätowierer*innen würden sogar Fotos von Silvanos Tattoos nehmen, und sie als ihre eigenen ausgeben. Silvano war sogar schon auf internationalen Tätowier-Wettbewerben, wo Leute gegen ihn antraten mit Kopien seiner eigenen Designs. Diese Tätowierer*innen seien für ihn keine Künstler*innen, denn für sie herrschten keine anderen Regeln, als für Designer*innen oder Maler*innen, erklärt Silvano.

"Tätowierer sind nicht zwangsweise kreative Menschen", versucht Tätowiererin Be das Phänomen zu erklären. Für viele stünde das Stechen als Handwerk an erster Stelle – dann sei es ihnen oft nicht so wichtig, woher das angeforderte Design komme, so Be. Deswegen passiere es oft, dass Designs geklaut würden – weil es unter Tätowierer*innen eben auch lediglich "Handwerker" gebe.

Manche stört ein geklautes Tattoomotiv weniger

Doch nicht alle Tätowierer*innen haben ein Problem damit, wenn ihre Designs geklaut werden. Für Tätowierer Anrijs Straume aus England ist es mittlerweile einfach etwas, was er akzeptiert. Für ihn sind es keine "gestohlenen" Designs, er sieht seine Arbeit eher als Referenz für andere Künstler*innen – so, wie er auch Gemälde von Picasso oder Da Vinci als Referenzen benutzen würde. Er findet, dass ein Tattoo jedes Mal einzigartig ist, und nie eine direkte Kopie sein kann, weil es nie komplett gleich aussehen wird.

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Trotzdem versteht er, wie es sich für andere Künstler*innen anfühlen muss. Doch er sieht das Kopieren von Tattoos als unausweichlich: "Es wird dich verrückt machen, wenn du dir zu viele Sorgen darum machst", so Anrijs. "Ich würde nie jemanden ermutigen, ein Design zu klauen, doch es ist, wie es ist, und es wird immer weiter passieren".

>> White Supremacy in der Tattookultur: Was läuft hier eigentlich falsch?

Kann ein geklautes Tattoo strafrechtlich verfolgt werden?

Wie es sich rechtlich bei gestohlenen Tattoo-Designs verhält, wissen die wenigsten Tätowierer*innen. Viele wollen keine rechtliche Beratung (wie Be) oder finden keine kompetenten Anwält*innen (wie Silvano). Anwalt Jens Brelle von der Kanzlei "Art Lawyer" erklärt NOIZZ, dass die bestohlenen Tätowierer*innen rechtlich auf der sicheren Seite stehen. Laut Urheberrecht und Verfassungsrecht entspricht das Tätowieren nämlich allen Ansprüchen einer Kunst – und kann somit auch strafrechtlich verfolgt werden (§ 106 Abs. 1 UrhG). Bei Verurteilung kann das eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren oder eine Geldstrafe bedeuten – allerdings ist das in Einzelfällen eher unüblich. Dort ist eher ein finanzieller Schadensersatz in Höhe des Tattoo-Preises wahrscheinlich, und gegebenenfalls Schmerzensgeld.

Symbolbild: Tätowierer bei der Arbeit

Auch wenn sie ein Foto des Motivs auf Instagram teilen, haben Tätowierer*innen noch das Urheberrecht an ihrem Werk, so Gunnar Berndorff, Fachanwalt für Urheberrecht und Medienrecht. Reposten ist noch unproblematisch, doch sobald ein anderer ein geklautes Design vervielfältigt (das heißt, auf ein Poster drucken lässt, oder auf jemand anderen tätowiert), dann ist das ein klarer Bruch des Urheberrechts. Dieses Urheberrecht haben alle Künstler*innen, der auf Instagram postet, denn sein Tattoo ist eine aus der eigenen Hand gemalte Zeichnung, und die ist, so wie jedes andere Gemälde oder Comic, urheberrechtlich geschützt, so Berndorff.

Ein Urheberrecht müssen Tätowierer*innen vorher auch nicht anmelden – ein Urheberrecht gilt schon, wenn ein Werk eine bestimmte schöpferische Höhe erreicht und Ausdruck der künstlerischen Persönlichkeit ist – was bei den meisten Tätowierer*innen mit eigenen Designs der Fall ist. Wenn es natürlich darum geht, gängige Designs wie ein Venussymbol, ein Kreuz oder "I love Mom" auf den Oberarm zu stechen, dann gilt das Urheberrecht nicht mehr.

Symbolbild: Wann wurde eigentlich das letzte "Mom"-Tattoo gestochen?

Rechtlich gibt es nur ein Schlupfloch, wenn du dir ein geklautes Design selber stichst. Dann ist es nämlich eine Vervielfältigung zum persönlichen Gebrauch, die als Ausnahme erlaubt ist.

Die Lösung des Problems fängt bei Pinterest an – und den Tätowierer*innen selber

In Bes Fall war offensichtlich, dass der Tätowierer ihre Designs klaute, um sie selbst weiterzuverkaufen. Doch oft ist es nicht der oder die Tätowierer*in, der oder die aktiv klaut, sondern die Kundschaft, die mit einem geklauten Design zum Tattoostudio kommt. Das Design kommt meist von Pinterest, wo sich viele "Inspiration" für ihr Tattoo suchen. Auf Pinterest ist die Kluft zwischen Kunst und Künstler*in allerdings groß. Designs wiederholen sich tausendfach auf den Pinnwänden von Usern, der oder die ursprüngliche Künstler*in wird dadurch anonymisiert. Seine/ihre Kunst wird zu einem unerlaubten öffentlichen Eigentum, an dem sich Hunderte von Menschen bedienen.

Symbolbild: Tattoos

Aber gerade wenn ein*e Kund*in mit einem Design ins Tattoostudio kommt, das offensichtlich jemand anderes konzipiert hat, dann haben Tätowierer*innen die Pflicht, sich zu weigern, das gestohlene Design zu tätowieren, findet Be Lucchesi. Sie würde sich von ihren Kolleg*innen mehr Solidarität wünschen, und dass sie Kundschaft, die mit gestohlenen Designs kommt, aufklären. Auch Silvano findet, dass es das Mindeste wäre, was er von einem professionellen Tattoo-Artist erwartet. Doch beide wissen: Nicht jeder hat diese Einstellung. Manche sind ignorant und tätowieren ohne Ethik. Aber wenn sich das Problem von geklauten Tattoo-Designs je lösen soll, dann geht das nur, wenn sich die Einstellung mancher Tätowierer*innen selbst ändert.

>> Hamnes Performance im Tattoo Talk #41 – Über sozial verträgliche Tattoos, Leuchtturmkultur und Safe Spaces

Quelle: Noizz.de