Hello again, Tramp Stamp.

Ultraniedrige Hüfthosen, Augenbrauenpiercings, glitzernder Lipgloss und blondierte Gelfrisuren: Die Neunziger und frühen Zweitausender haben in meinen Augen verdammt viel Stoff zum Gruseln geliefert – und ich bin superfroh, dass ich, als 94er-Jahrgang, so wenig von diesen unästhetischen Missgeschicken mitbekommen habe.

Zu unser aller Glück lässt sich das Meiste dieser Höllenausgeburten ja auch ganz gut vergessen – in den tiefsten Tiefen des Kleiderschrankes oder in der Altkleidersammlung. Frisuren sind herauswachsen, Piercings in andere Teile des Gesichts gewandert. Schwieriger fällt das Vergessen, wenn die Erinnerung an damals permanent unter die Haut gestochen wurde. Trotzdem ist heute auch die – in vielen Augen – schlimmste Tattoo-Sünde der Neuzeit aus dem kollektiven Gedächtnis entschwunden. Wahrscheinlich, weil deren Träger es aus Angst vor Gossip, Häme und Mit-dem-Finger-Gezeige nicht mehr gerne öffentlich präsentieren. Es wird versteckt, gelasert oder gecovert – aus Scham vor der eigenen Stil-losigkeit.

Ich rede natürlich vom beliebtesten Tribal-Tattoo der späten Neunziger: Dem Arschgeweih, das sich bis weit in die 2000er über Lenden und Steißbein hüfthosentragender, Stringtanga-zeigender Frauen rekelte. Ein großflächiger, unübersehbarer Tramp Stamp.

Respekt hat die Steißzierde trotz ihrer Hässlichkeit verdient, jedenfalls ein bisschen. Schließlich war es das erste richtige Trendtattoo – lange bevor Menschen auf tumblr-esque Mandala-Motive, Federn und Unendlichkeitszeichen abgingen.

Was bis dahin nämlich als Tabu galt, Gangstern, Seefahrern und Rockern vorbehalten war, hatte den Sprung in den Mainstream geschafft. Das Tattoo zeigte sich plötzlich in Modezeitschriften und auf den Körpern von Popstars.

Das Arschgeweih war ein Sexsymbol: Es rahmte den Po ein, sah verrucht aus und hatte absolut keine tiefere Message. Frau ließ es sich stechen, um sich schöner und begehrenswerter zu fühlen. Auch Männer trugen die auffälligen Tribals auf Bizeps, Bein oder Schulter - weil die aus Sumatra und Borneo stammenden Motive diesen Hauch Exotik mit sich brachten, den der Durchschnittswestler bis dato nur aus Hollywoodfilmen kannte. (Billigflüge in die Tropen gab es noch nicht.)

Doch so sehr das Arschgeweih knallte, sein Abgang verlief lautlos.

Die Hüfthose und das durch sie exzessiv zur Schau gestellte, schmückende Fantasieornament verlor nach wenigen Jahren an Attraktivität. Es war schlichtweg aus der Mode gekommen, hatte seine Exotik verloren und wurde schließlich als billiges Nuttenaccessoire verteufelt. Die Hosenbünde reichten wieder zur Taille, die Blicke wanden sich dank Croptop und Bralette der Vorderseite des weiblichen Körpers zu. Underboob- und Rippentattoos folgten.

Generell stellt sich bei vielen der aktuellen Modetrends die Frage, ob sie nicht auch die Tattootrends unserer Generation prägen: Was gerade „angezogen“ ist, wird schließlich weniger oft tätowiert als das Nackte. Trug man noch Flipflops, war das Fußtattoo weit verbreitet – das heute nicht mehr so recht zum Birkenstock-Ökotreter passen mag. Hotpants ließen Raum für großflächige Oberschenkeltattoos, auf Culottes und 7/8-Hosen folgten filigrane Motive an Knöchel und Waden. Waren vor einigen Jahren tätowierte Rücken super angesagt, wandern Motive aktuell zwischen die Brüste, weil Wickelausschnitte den Blick auf diesen zentralen, früher versteckten Teil des Dekolletés lenken.

Aber zurück zum geweih-ten Steißmotiv: Es war ohne Frage stillos und wahnsinnig prollig, wie es da hing, am Arsch von solariumgebräunten Girls – aber nichts ist unwiderrufbar mit der damaligen Ästhetik verbunden, nichts katapultiert so schnell zurück in die Zeit wie das kurze Aufblitzen eines vorbeihuschenden Tramp Stamps.

Und genau aus diesem Grund, aus dieser totalitären Verbundenheit mit den späten 90er und frühen 00er Jahren, bin ich sicher, dass es in gar nicht ferner Zukunft ein Revival feiern wird.

Eine Rückkehr des Arschgeweihs, ist das nicht völlig an den Haaren herbeigezogen?

Nö, denn wer sich ein bisschen mit gesellschaftlichen Trends beschäftigt, weiß: Mode ist schon lange nicht mehr revolutionär. Sie folgt einem sturen Zyklus der Aufarbeit. Retrotrends lassen uns heute wieder wie unsere Eltern aussehen, Berliner Boys tragen Schnauzer, die Tom Selleck aka. Magnum Konkurrenz machen könnten, Hemden werden in Hosen gesteckt, Männersandalen und Brustbeutel feiern ihr Comeback.

Saison zu Saison quälen wir uns mit neuen Wiederentdeckungen, die 1:1 schon mal da waren. Und vor allem das Nineties-Fever ist ungebrochen: Choker, Buffalos und Schulmädchenröcke wieder genauso en vogue, wie Mikro-Sonnenbrillen und Fischerhüte. Der Vintage-Handel boomt. GenZ-ler sehen aus, wie gerade aus den schlimmsten Nineties-Bravo-Foto-Stories zu neuem Leben erwacht. 

Nicht nur auf der Klamotte und in der Musik sind die Einflüsse gerade krass spürbar, auch auf der Haut finden sich plötzlich wieder Motive aus den Neunzigern: Stacheldraht zum Beispiel, der damals den Oberarm Pamela Andersons schmückte und heute Stilmittel junger Großstadtjungs ist, die härter aussehen wollen, als sie sind.

Und was den Neunzigern der Delfin auf der Schulter war, ist jungen Girls heute der Wal auf dem Oberschenkel. Auch das Tribal hat sich langsam wieder zurück in unser Bewusstsein geschlichen.

Ende Juli brachte das Luxuslabel Dior tatsächlich eine Sneaker-Kollektion im Arschgeweih-Design heraus. Influencer-Girls posieren in Spaghettiträger-Tops, auf denen die auffälligen Retro-Ornamente prangen. Trash-Bloggerin Bonnie Strange prankte ihre Fans vor ein paar Wochen mit einem Fake-Baby-Arschgeweih.

Und auf Instagram kursieren sogar Fotos von unseren Neunziger-Idolen Kate, Naomi und Donatella als Tribal-Queens. #fashionmood und so. Auch der ein oder andere innovative Tätowierer tastet sich wieder an die Dinger ran, natürlich mit freshem Ansatz: Mal superminimalistisch ...

... mal überkrass karikiert. So sticht Tattoo-Artist Dennis Bebenroth etwa Tribals in Verbindung mit Comicfiguren. Er sagt selbst: „Dass Tribals wiederkommen würden, war nur eine Frage der Zeit."

[Mehr dazu: „Tattoo Talk #6 mit Dennis Bebenroth“]

Und machen wir uns nichts vor: Wer sich heute tätowieren lässt, gehört doch eh schon zur Masse. Wirklich individuell macht dich das Unter-die-Nadel-legen sicher nicht mehr. Selbst Gesichtstattoos haben es durch die immer mehr an Einfluss gewinnende Rapszene in den Mainstream geschafft. Anti-Style und White-Trash-Ästhetik ist nicht mehr peinlich, Post Maloens eine der Galionsfiguren des neuen Trends. Um noch eins auf diese Anti-Anti-Coolness draufzusetzen, taugen also eigentlich nur Motive, die so sehr auf der untersten Schublade stammen, dass sie alleine durch diesen Trashfaktor auffallen. Und mal ehrlich, fällt euch etwas Besseres ein, als ein Arschgeweih?

Nüchtern betrachtet ist es nur die nächste logische Entwicklung im immer schneller drehenden Trend-Karussell.

Ich schließe hiermit offiziell eine Wette ab: Spätestens 2020 werden wir das Arschgeweih 2.0 wieder auf in den Hipster-Vierteln deutscher Großstädte sehen, in (hoffentlich) ganz neuen, freshen Interpretation. Oder auf der Lendengegend des ein oder anderes Cloud-Rappers – als provokantes Unisex-Statement. Sollte ich mit meinem Trendforcasting falsch liegen, lasse ich mir selbst eins stechen. Promise!

Quelle: Noizz.de