Das "Strawberry Dress" der New Yorker Designerin Lirika Matoshi geht gerade viral – Frauen weltweit scheinen verrückt nach dem rosaroten Prinzessinnenkleid zu sein. Doch komisch: Als es das Plus-Size-Model Tess Holiday Anfang des Jahres trug, landete sie damit auf den "Worst Dressed"-Listen – ein klassischer Fall von Fatshaming?

Das Kleid, das gerade im Internet für Furore sorgt, sieht aus wie der wahr gewordene Traum meines fünfjährigen Ichs: Ich war ein sehr stereotypisches Mädchen, liebte Barbies, denen ich bevorzugt glitzernde Ballkleider anzog, träumte mich in eine heile Märchenwelt ohne Familienstreit, dafür mit Einhörnern und Elfen.

Das "Strawberry Dress" ist ein zuckerwattefarbener Kindertraum

Das Kleid, von dem ich spreche, stammt von der New Yorker Designerin Lirika Matoshi. Es ist aus zuckerwattefarbenem Chiffon gefertigt und über und über mit glitzernden Erdbeeren bestickt. Puffärmel und Schleifen am Ausschnitt und an der mädchenhaften Empire-Taille lassen es so puppenhaft wirken, dass man meinen könnte, es sei wirklich für eine Barbie designt worden. Ist es aber nicht: Es ist in Menschengröße gemacht, kostet 490 US-Dollar (circa 415 Euro) und ist bei Girls auf Instagram und TikTok seit einigen Wochen so beliebt, dass es zum absoluten Internet-Phänomen geworden ist.

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Wer sich das Erdbeerkleid nicht leisten kann, macht es nach, photoshoppt oder zeichnet es

Wer sich das Kleid leisten kann, posiert in ihm, wer es sich nicht leisten kann, diskutiert, wo es die besten High-Street-Alternativen gibt, wer besonders kreativ ist, zeigt, wie man sich ähnliche Kleider selbst nähen kann, andere photoshoppen Harry Styles in das "Strawberry Dress", zeichnen Manga-Figuren, die es tragen oder kaufen sich Mund-Nasenschutzmasken in derselben Erdbeertörtchen-Optik. Der Hype ist real. So real, dass das Erdbeerkleid mittlerweile als DAS Sommerkleid des Jahres 2020 gilt.

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Auch wenn ich Lirika Matoshis Entwurf mit meinem heutigen Geschmack niemals anziehen würde, glaube ich zu verstehen, warum gerade so viele Frauen* verrückt nach dem Ding sind: Es hat etwas so Unschuldig-Hilfloses, dass es fast schon infantil wirkt. Und in Zeiten, in denen eine weltweite Pandemie grassiert, Polizeigewalt und Rassismus die Schlagzeilen bestimmen und niemand so ganz weiß, wie es in den kommenden Monaten weitergehen wird (vielleicht werden wir noch von einem Kometen getroffen oder Trump wird wiedergewählt?), flüchtet man sich doch gerne mal zurück in seine Kindheitsträume.

Der Wunsch nach einer behüteten Welt, nach Märchenfrieden, nach blühenden Erdbeerfeldern und rosaroten Wolken, scheint in diesem zartrosa Kleidchen ein klein bisschen näher zu rücken. Man kann also vom Stil des Kleides halten, was man will: Wirklichkeitsflucht war schon immer eine Hauptmotivation und -Inspiration in der Mode – und solange es Menschen hilft, sich schön und ein bisschen glücklicher zu fühlen, ist doch alles schön. Oder nicht?

Plus-Size-Model Tess Holiday trug das "Strawberry Dress" schon im Januar – und wurde kritisiert

Nicht ganz. Denn das Erdbeerkleid sorgt nicht nur für gute Laune – sondern auch für heftige Diskussionen. Der Grund: Tess Holiday, ein sehr bekanntes Plus-Size-Model, trug den Tülltraum schon im Januar auf den Grammy-Awards – und landete damit prompt auf den Worst-Dressed-Listen einiger Modemagazine. Lirika Matoshi, die auf ihrem eigenen Instagram-Account selbst sehr diverse Frauenkörper feiert, hatte dem Model für den Anlass eigens eine maßgeschneiderte Version angefertigt.

Ich fasse zusammen: Eine sehr dicke Frau trägt das gleiche Kleid wie sehr dünne Frauen – bevor es ein Hype ist. Während sie für ihre "schlechte" Outfitwahl kritisiert wird, gilt das Kleid bei zweiteren als neues "It-Piece". Ein Umstand, den Tess Holiday nicht stillschweigend hinnehmen wollte. Auf Twitter schreibt sie: "Schon interessant: Als ich dieses Kleid im Januar auf den Grammys trug, bin ich damit auf Worst-Dressed-Listen gelandet, aber nun, da ein Haufen dünner Menschen es auf TikTok tragen, finden es alle toll. Kurz gesagt: Unsere Gesellschaft hasst fette Menschen, vor allem, wenn wir erfolgreich sind."

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Die 35-Jährige glaubt, dass es an ihrem Körper liegt, dass sie für die Kleiderwahl kritisiert wurde. Denn klar hat der weltweite Corona-Lockdown etwas mit uns gemacht, klar wollen wir uns heute – viel mehr als noch im Januar – gerne der Illusion einer heileren Welt hingeben. Doch das Kleid ist das gleiche, damals wie heute. Ist der Fall also klassisches Fatshaming? Wurde Tess von Moderedakteur*innen dafür kritisiert, dass sie ihren Körper nicht versteckt hat, kein schmälerndes Schwarz trug, sondern auffälliges Rosa? War es ihr Mut und ihr Selbstbewusstsein, was in der Size-Zero-gewöhnten Fashion Bubble nicht gut ankam?

Von Body Positivity und Doppelmoral: Die Modewelt muss noch viel lernen

Leider passt die Narrative nur zu gut zur Doppelmoral der Modebranche: In ihr werden Plus-Size-Models zwar gerne mal als schmückendes Beiwerk in Body-Positivity-Kampagnen benutzt, um mehr Kundschaft zu generieren. Größe 34 und Victoria-Secret's-Bodymaße sind aber immer noch Norm im Business, die wenigsten Designer-Klamotten werden in großen Größen angeboten – der Vorwurf, der dann immer im Raum steht: Soll die Person doch abnehmen, wenn sie "unsere" Kleider tragen will! Eine Idee, über die Tess Holiday nur lachen kann: Sie hat gezeigt, dass sie einfach Spaß an Mode hat und sich nicht veralteten, gesellschaftskonformen Kleiderordnungen anpassen will. Und scrollt man so durch Instagram, findet man immer mehr Frauen mit diversen Körperformen, die genauso viel Spaß an dem rosafarbenen Erdbeerkleid haben wie sie.

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Vielleicht ist der Entwurf von Lirika Matoshi damit sogar mehr als "nur" ein Hype: Er zeigt, dass ausgefallene Mode sehr wohl inklusiv und für alle sein kann – solange man sich nicht von anderen einschüchtern lässt und einfach sein Ding macht.

Quelle: Noizz.de