Fair Fashion wird immer mehr vom Ausnahme- zum Regelfall. Auch Fritz Sturm hat sich entschlossen Faire Mode bei dem Label ARYS zu machen. Im Interview reden wir über Herausforderungen, Greenwashing und die Bubble der Berliner Modeszene.

Die Fashionindustrie steuert mehr und mehr auf einen Wendepunkt zu, denn blinder Konsum ist dank Fridays For Future bei jungen Trendsettern out und auch bei den Modeschöpfer*innen von heute meldet sich langsam das outgesourcte Gewissen zurück. Am 24.04. jährte sich der Zusammenbruch der Massentextilfabrik "Rana Plaza" in Bangladesch zum siebten Mal und hinterlässt weiterhin Spuren des Protests gegen die Fast-Fashion-Industrie.

Doch gerade wenn man nicht unbedingt auf Basics im minimalistischen Style oder auf simple Jersey-Schnitte steht, sondern das Herz für moderne, futuristische Streetwear schlägt, stößt man schnell an seine Grenzen. So ging es auch Fritz Sturm vor einigen Jahren und deshalb gründete er seine eigene Fashionmarke. Mit ARYS ging er an den Start und bereichert die deutsche Fashionwelt mit seinen cleanen Produkten bis heute. Im Interview erzählte uns der CEO von seiner Brand, den Problemen mit der Fair-Fashion-Industrie und über die Berliner Szene.

NOIZZ: Erzähl doch mal, wie hat das vor sechs Jahren angefangen?

Fritz: Ich habe die Marke 2014 gegründet, als jemand, der mit Fashion wirklich nichts am Hut hatte. Also damals habe ich Trainingsanzüge gemacht, die lässig und einfach sind. Ich habe ganz einfach einen Bachelor in BWL gemacht und dann damals in Neukölln angefangen und die Inspiration von der Straße geholt und von meinen Mitbewohnern. Wir waren eine richtige Traininganzugsgang, aber irgendwie hat uns da immer irgendwas dran gefehlt. Dann ging es darum, wie können wir da mehr Funktionen rein bringen, dass das wirklich alles funktioniert.

Ziemlich blauäugig ging es für ARYS damals also los, erst mal in Fabriken in China mit simpleren Hoodies, die versteckte Taschen hatten. Sechs Jahre später tragen, er und seine Freunde die funktionalen Anzüge noch immer und auch Sportmessen und große, internationale Einkäufer wurden auf die Jungs aufmerksam.

War das ein gutes Gefühl, als dann die ersten großen Einkäufer deine Sachen wollten?

Fritz: Klar, ich hab' da schon sehr Blut geleckt. Und dann haben wir angefangen, alles zu optimieren und nahbarer zu gestalten. Die Produktion haben wir dann nach Europa gelagert, auch um eine bessere Kontrolle zu haben. Und dann haben wir angefangen richtig krasse und neue Stoffe zum Beispiel von Schöller aus der Schweiz zu benutzen, die superrobust und wirklich geil sind.

Er wirft mit Qualitätsfakten um sich: Atmungsaktiv, 20.000 ml Wassersäule, C-Change Membran (Öffnen und Schließen ja nach Körpertemperatur), denn Funktion wird hier groß geschrieben. Von Außen ist alles clean, schlicht bis locker/lässig aus besonderen Stoffen, auf der Innenseite entfalten sich zahlreiche Innentaschen, versteckte Gummizüge – und noch mehr Taschen.

Hattest du das Gefühl, dass du als Quereinsteiger da manchmal ein bisschen mehr Unsicherheit hattest als deine Kolleng*innen?

Fritz: Ich muss sagen manche Sachen, hätte ich lieber voll nach meinem Gefühl machen sollen, aber, ja, als Quereinsteiger lässt man sich dann doch manchmal reinquatschen. Und dann kamen Trends. Und wir sind dann auch den Weg, dass wir mainstreamiger wurden gegangen, weil es der europäische Markt so verlangt. Wenn man von null anfängt, ist es einfach schwer, sehr spitz zu sein ohne ein Netzwerk zu haben.

Fairness und Nachhaltigkeit als kleines, junges Label

Und wie ist das mit dem Thema Nachhaltigkeit? Wann kam das mit dazu?

Fritz: Nachhaltigkeit, ist schon immer da gewesen. Ich bin da schon Idealist und ich bin jemand, dem die Zukunft und die Welt schon sehr am Herzen liegt. Von der Auswahl der Stoffe bis hin zur Auswahl der Fabriken – das ist alles komplett durchzertifiziert. Nachhaltigkeit wollen wir aber nicht als unsren USP ausschlachten und da hat dann auch jeder seine eigene Wahrheit. Denn das ist einfach ein sehr dehnbarer Begriff.

Klar, aber wie siehst du das denn? Was heißt Nachhaltigkeit für dich?

Fritz: Für mich fängt Nachhaltigkeit schon damit an, was dein Designer schon fabriziert. Wen man die ganze Zeit knallige Farben macht und auf jeden aktuellen Trend aufspringt, dann ist das ja im Endeffekt auch nicht nachhaltig. Da kann man noch so viel Hanffaser benutzen, wenn es eh gleich wieder in der Altkleidersammlung landet. Es fängt wirklich beim Design an. Und wenn man sich unsere Jacken anschaut, dann merkt man, die sind eben wahnsinnig clean. Manche sagen sogar, das ist zu modern, aber es ist ein progressives Design, das sollen wirklich Durchläufermodelle sein, die es gut und gerne noch 20 Jahre geben kann.

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Beim Design bleibt es ja aber nicht, oder? Wie sieht das denn jetzt konkret bei ARYS aus?

Fritz: Funktionalität und Nachhaltigkeit stehen absolut konträr zueinander und wir sind auch extrem abhängig von den Stofflieferanten. Ein nachhaltiger wasserdichter Stoff, ist niemals so wasserdicht, weil man eine PEC-freie Imprägnierung benutzt und die ist bei Weitem nicht so gut. Also ist es bei der Stoffauswahl vielleicht sogar noch ein bisschen wichtiger einfach auf robuste Stoffe zu achten, da kann dann eben Cordura drinnen sein, da kann auch Polyester drin sein, wenn das aber Stoffe sind, wie die Windbreaker aus den 80ern von der Mama, die alle gerade rauskramen und schon 40 Jahre halten, dann ist das eben robust und gut und auch nachhaltig."

"Nicht noch jemand der Cottonpullover im Avocadostore verkauft"

Okay, und wie sieht es dann beim Kostenpunkt aus. Du hast ja schließlich als Student angefangen, und das ist ja oft nicht so ganz die Preisklasse. Wie ist das alles miteinander zu vereinen?

Fritz: Ja, das ist schon alles Premiumware, aber eben keine High-End-Marke für einen radikal selektierten Kundenkreis. Das ist eben alles in allem ein riesiger Spagat. Gerade sehr nachhaltige und in Europa produzierte Marken machen dann Abstriche beim Design. Da merkt man, dass da die Ansprüche dann schnell niedriger sind, einfach weil es preislich nicht anders geht. Und wir haben einfach den Anspruch ein bisschen was Krasseres zu machen und da muss man dann jedes Mal echt neu gewichten. Ich will halt nicht noch jemand sein, der Cottonpullover im Avocadostore verkauft.

Also hat Nachhaltigkeit noch seine Grenzen in der Fashionindustrie?

Fritz: Ja, definitiv. Es ist in diesen ganzen Kampagnen und Geschichten auch eine Menge Hokuspokus und Greenwashing dabei und ich kann nur raten, da offen mit umzugehen, weil im Endeffekt wissen wir alle: so wie es viele erzählen, funktioniert es eben nicht.

Die Berliner Fashion-Blase

Lass uns mal ein bisschen über die Berliner Fashionszene sprechen. Da scheint ja von außen einiges in Bewegung zu sein und viele auf die faire Seite zu wechseln. Wie ist denn die Stimmung intern, zieht ihr da alle an einem Strang?

Fritz: Ehrlich gesagt eher nicht. Ich habe manchmal in Berlin das Gefühl, dass es kleine Blasen sind und dass es dann oft daran scheitert, dass sich die Leute in ihren kleinen Grüppchen dann selbst feiern und ihr eigenes Süppchen kochen und dann viel zu spät merken: Wir hätten vielleicht doch ein paar Leute mehr mitkochen lassen sollen.

NOIZZ: Also ist da nicht so eine große Bewegung im Gange?

Fritz: Da habe ich auch das Gefühl, dass es hier ein bisschen arroganter zugeht. Die Connections zu anderen Berliner Stores ist teilweise wirklich einfach nicht vorhanden. Das scheint immer alles toll, fair und geil von außen, aber sobald es konkreter wird, werden plötzlich alle sehr unnahbar. Es ist einfach kein Miteinander. Jeder hat seine eigene Idee, seine eigene Vision, seine paar Follower und sein kleines Supportgrüppchen, die dann aber einfach unter sich bleiben.

Trotzdem erwähnt Fritz immer wieder befreundete Marken, kleine Allianzen, die ihm in den ersten Jahren geholfen haben, von ihren Fehlern erzählt haben und die sich über ihre Firmen, Produktion, Stoffe und ihre Visionen austauschen – darunter aber keine Berliner Marke.

Fritz: Wir sind gerade dabei unseren Store total umzustellen und einen neuen A-Store aufzumachen. Da werden dann komplementäre Marken aufgenommen. Es sind Marken mit denen sich Freundschaften gebildeten haben und da ist uns schon total wichtig, dass sich kleine Allianzen bilden unter diesen Marken, die die selbe Vision haben. Die sind vom Design anspruchsvoll, fair und die bringen in die Szene einfach mehr Spannung rein.

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Quelle: Noizz.de