Docs sind die unverschämtesten Schuhe in der Geschichte.

Ich begutachte mein Outfit ein letztes Mal im Spiegel, bevor ich auf die Arbeit muss. Ok, noch ein schnelles Boomerang für die Insta-Story, dann muss ich wirklich los. Die neuen Dr. Martens sehen aber auch einfach geil aus, so mit dem Leo-Kleid. Ich fühle mich ein bisschen wie 'ne dunkelhaarige, cleane Courtney Love, als ich mit großen Schritten Richtung U-Bahn laufe. Gleich mal nach Hole auf Spotify suchen.

Bestellt hab ich mir die Stiefel vor allem für die anlaufende Festivalsaison. Festes Schuhwerk, um Matsch und Dreck vor den Bühnen zu entgehen, um meine zarten Füsschen vor wilden, Dosenbier-getränkten, unvorsichtigen Moshpittern zu retten und dabei auch noch relativ stylisch aussehen – ein Traum. Leider soll es vorerst aber auch nur ein Traum bleiben, denn:

Die Docs haben mich und meine Fersen ruiniert – schon wieder

Sie sind jetzt mein drittes Paar. Eigentlich sollen sie meine neuen treuen Wegbegleiter werden, von denen die Sohle noch nicht halb abhängt, wie bei meinen alten. Die ersten Docs hab ich mir im Winter 2014 gekauft, in cherry red. Ein Jahr drauf dann die zweiten, weiß. Beide sehen inzwischen nur noch ranzig aus und halten einem längst nicht mehr die Füße trocken. Es war eindeutig Zeit für neue, schlichte, vegane.

Weil ich ja eigentlich wusste, worauf ich mich in Sachen schmerzhaftes Einlaufen so einlasse (zumindest dachte ich das), habe ich mir zwei Wochen Vorlaufzeit gegeben und mich provisorisch eingedeckt: Blasenpflaster, normale Pflaster, Hansaplast Sensitive Fixiertape. Besser ausgestattet als der abgelaufene Verbandskasten in deinem VW Polo.

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Und da wären wir schon bei meinem Problem: Wie zur Hölle kann es sich ein Schuh, der sich preislich irgendwo zwischen 120 und 190 Euro bewegt, bitte erlauben, die Füße seiner Käufer*innen zum Blasen werfen, humpeln und bluten zu bringen? Und wieso tun wir uns diese Scheiße schon seit fast 60 Jahren an?

Der Hype um den klassischen 1460-Boot bricht nicht ab

Egal, wie viele Packungen Compeed allein wegen dem It-Piece über die Apotheken-Theken gehen. Egal ob an den Füßen von Punks, Goths, Influencern oder Miley Cyrus auf ihrem Wrecking Ball: Sie sehen immer geil aus. Das bestreitet niemand.

Aber ist es seit dem 1. April 1960, der Geburtsstunde dieses ikonischen Schuhs, wirklich noch keinem gelungen, das Einlaufen angenehmer zu machen? Es gibt reihenweise Tutorials, die mit "How to break in new Docs" betitelt sind. Sie raten einem, zwei paar dicke Socken anzuziehen, die arschteuren Schuhe erst mal ins offene Feuer zu halten oder wild auf sie einzuhämmern. Von den schlimmen Schmerzen erlöst einen trotzdem nichts. 

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So sitze ich also auf der Arbeit und spüre, wie eine walnussgroße Blase an meiner linken Ferse pocht, direkt unterhalb des Pflasters, das ich vorsichtshalber an der Druckstelle angebracht hatte. Toll. Der Tag hat noch nicht mal richtig angefangen und schon jetzt humple ich bei jedem Gang zur Toilette. Immer wieder ziehe ich die Stiefel aus und checke die Lage, klebe mal mehr, mal weniger Pflaster auf das aufgeriebene, feuerrote Monstrum, und denke leise:

R.I.P. Festivaloutfit

Das Schlimmste ist der Heimweg. Eigentlich laufe ich nur zehn Minuten bis zur U-Bahn-Station. Auf halber Strecke hole ich mein Handy raus und checke, ob nicht ein DriveNow-Auto in der Nähe ist, mit dem ich mich nach Hause retten könnte. Nope.

Mit jedem Schritt brennt meine Ferse mehr, und HIMMEL, wie weh kann so eine verdammte Blase bitte tun? "Hilft alles nichts!", denk ich mir, und ziehe die schwarzen Ungetüme aus. Inzwischen blutet meine Ferse durch den wüsten Pflaster-Stapel. Dann lieber barfuß laufen, den Blicken der verwunderten Passanten ausweichen und vor allem: den Tag verfluchen, an dem ich dachte, ich könnte mir diese Scheiße wieder antun. Bis in ein paar Wochen, wenn die Schmerzdemenz einsetzt wie bei einer Mutter nach der ersten Geburt. Dann schlüpfe ich wieder enthusiastisch in die kackendreisten Boots, weil sie so gut zum Outfit passen und weil sie ja irgendwann sooo bequem sein werden. Und werde es wieder bereuen.

Die nächsten Tage gehen aber trotzdem nur noch Adiletten. Das kann ja was werden, auf den kommenden Festivals.

Quelle: NOIZZ-Redaktion