Ein dicker Mann posiert in einer "Savage x Fenty"-Boxershorts – und alle lieben es. Warum Rihanna mit dem Male Model alles richtig gemacht hat und dieser Schritt mal wieder zeigt, in was für einer patriarchalen Zwickmühle wir uns alle befinden.

Das mit der Body Positivity ist ja mittlerweile so eine Sache ... Der Begriff wurde so inflationär durch den Sprachgebrauch genudelt, dass uns gar nichts anderes übrig bleibt, als ihn in dieselbe Wort-Schmuddelecke wie etwa "Power-Frauen" zu stecken. Schlimmer: Normschöne Influencer*innen haben sich der Bewegung bemächtigt – und aus einem Movement, das ursprünglich als Safe Space für dicke Frauen gedacht war, eine kommerzialisierte Shit Show kreiert, auf die sich Firmen kapitalistisch einen runter holen.

Auch wegen der Kommerzialisierung lehnt zum Beispiel Rapperin Lizzo den Begriff heute ab. "Ich wäre faul, wenn ich mich weiterhin als body positive beschreiben würde", erklärte sie kürzlich der "Vogue". Die "Tempo"-Interpretin will ein neues Label pushen: body normative. Sie möchte ihren Körper zwischen all den anderen normalisieren. Ein Ansatz, der den Ursprung der Body-Positivity-Bewegung zurück in den Fokus holt – und ohne Größen wie Lizzo nicht in den Mainstream gelangen würde.

Rihanna bei ihrer aktuellen "Savage x Fenty"-Show im Oktober 2020

Rihannas Produkte gehen runter wie Self-Acceptance-Öl

Auch Sängerin Rihanna ist schon lange ganz vorne mit dabei, wenn es um Normalisierung von Schönheitsrealitäten geht. Mit ihrer Kosmetiklinie Fenty Beauty revolutionierte die Grammy-Gewinnerin 2017 den Beauty-Markt. Sie stellte eine noch nie dagewesene Palette an Make-up-Nuancen zur Verfügung – inkludierte damit Abermillionen Frauen, die traditionell von den Großen Beauty-Häusern außer Acht gelassen wurden.

Auch bei ihrer Lingerie-Marke Savage x Fenty gab Diversität von Anfang an den Ton an. Rihanna schickte schwangere Models und Drag Queens auf den Laufsteg, die Werbemittel ihrer sexy Unterwäsche zierten Frauen aller Größen. Unterm Strich gehen die Produkte aus Rihannas Feder runter wie Self-Acceptance-Öl – genau das, was die Schönheitsideal-bedäutelten Frauen* dieser Welt gebraucht haben und weiterhin brauchen.

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Rihanna wäre aber nicht der Trailblazer, der sie ist, wenn sie nich längst einen Schritt weiter gedacht hätte. Aktuell schlägt ein Männermodel, das für eine ihrer Capsule-Kollektionen posiert, Wellen im Netz. Zu sehen ist ein Mann mit Men Boobs und Bauchansatz in einer "Savage x Fenty"-Boxershorts. Die Reaktionen reichen von emotionalen Retweets aus der Männer*welt à la "Ich habe noch nie ein Model gesehen, das meine Körpermaße hatte" bis hin zu tosendem Social-Media-Applaus aus der Frauen*welt.

Wir alle können uns guten Gewissens darauf einigen, dass Riri das mal wieder richtig gut gemacht hat.

Rihannas Savage X Boxers

Aus einer anderen Ecke des Internets werden unterdessen systemkritische Stimmen laut. Ein*e User*in merkt an: "Es ist sehr interessant zu beobachten, wie Frauen die Inklusivität von Plus-Size-Männern auf eine Weise pushen, wie es Männer nie für Plus-Size-Frauen tun."

Ob damit die Reaktionen auf das Male Model gemeint sind oder, dass Rihanna als erste weibliche Designerin das Thema vorantreibt, ist nicht ganz klar. Zum Nachdenken regt das Posting in jedem Fall an. Die harsche Unterton, der mitschwingt: Frauen* retten mal wieder die Welt, und Männer* halten sich zu sehr raus, obwohl sie anteilig selbst betroffen sind.

Ganz so einfach ist das natürlich nicht.

Nackte Plus Size: Ist Rihanna wirklich die Vorreiterin, für die wir sie halten?

Es ist etwas komplizierter. Rihanna ist mit ihrem Plus-Size-Model natürlich nicht die erste, die "Normalos" in den Mittelpunkt einer Kollektion stellt. 2006 lief Crystal Renn als erstes Plus-Size-Model ever über den Laufsteg von Jean Paul Gaultier. Seitdem ist viel passiert – zumindest in Sachen Female Fashion.

Im Male-Model-Bereich gab es erst in jüngster Zeit vereinzelte Ansätze, von den vermeintlich perfekten Waschbrettbäuchen wegzukommen. Das britische Online-Versandhaus Asos zeigt zum Beispiel seit einiger Zeit männliche Plus-Size-Models in seinem Onlineshop.

Screenshot: Asos Plus

Der erste wirklich medienwirksamste Einsatz eines Normalo-Male-Models dürfte nun also doch Rihanna gelungen sein. Vielleicht liegt es am Oberkörper-freien Model, das man "so plakativ" noch nicht gesehen hat. Vielleicht ist es aber auch das Setting, in das die Musikerin ihre Körper-inklusive Werbung einbettet. Schließlich haben wir nicht mehr 2006, im Jahr 2020 ist einiges mehr möglich.

Fakt ist, Rihanna hat hier, als weibliche Desingerin, einen wichtigen Schritt getan. Deshalb ist die Kritik vielleicht gar nicht mal so unangebracht: Warum kommen solche Steps nicht von anderen Größen der Lingerie-Industrie wie Hugo Boss oder Calvin Klein, die bisher traditionell immer Männer als Chef-Designer engagierten? Auch sie könnten ihre Reichweite und ihren Einfluss nutzen, um für alle Geschlechter* gegen Diskriminierung zu kämpfen.

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Der Druck, geil auszusehen: Wer muss für den Kampf gegen die Schönheitsideale hinhalten?

Anzunehmen, dass nur Frauen unter dem Druck leiden, geil auszusehen, wäre naiv. Auch Männer* glauben, sie müssten durchtrainiert und Speckbauch-los durchs Leben gehen. Gerade deshalb freuen sich gerade viele über das "Savage x Fenty"-Model.

Dabei darf man aber nicht aus den Augen verlieren, dass Frauen* signifikant mehr unter dem optischen Anspruch leiden, der an sie durch Gesellschaft und Medien herangetragen wird. Viele mögen an dieser Stelle meinen, dass es deshalb nur sinnvoll ist, dass Frauen* diejenigen sind, die das Thema vorantreiben und Rihanna stellvertretend für sie alle mal auf den Putz haut – und auch für Männer* das Ruder rumreißt. Ganz nach dem Motto: Euer Problem, ihr seid die Expert*innen. Eine Theorie, die leider viel zu kurz gedacht ist – und uns geradewegs in die allgemeine Sexismus-Debatte befördert.

Hier sieht es nämlich ähnlich aus: Frauen* haben aufgrund des Patriarchats einige Probleme am Hals. Männer* gehen aus diesem Konzept zwar nicht immer als Sieger hervor – auch sie leiden unter den daraus resultierenden Anforderungen wie zum Beispiel "Leistung im Job"; trotzdem ist ihnen das System weitaus wohlgesonnener. Sie können sich mit Leichtigkeit zurücklehnen und es sich in einer toxischen Gesellschaft gemütlich machen, theoretisch.

Wenn wir alle an einer gleichberechtigten Gesellschaft interessiert sind, in der Frauen* so aussehen können, wie sie aussehen und Männer* nicht den krassen Hengst im Büro mimen müssen, um anerkannt zu werden – dann müssen wir alle ran.

So ist das im Sexismus. So ist das im Rassismus. So ist das in der Homophobie.

Es braucht immer die viel beschriebenen Verbündeten, die für die Minderheit eintreten, weil sie so viel in ihren eigenen Reihen bewegen können.

  • Quelle:
  • Noizz.de