Früher Milieu, heute fantastische Skizzenmotive.

Der Hamburger gehört zur alten Garde der deutschen Tattooszene. Alle 14 Tage wollen wir euch in unserem „Tattoo Talk“ inspirierende Tattoo-Artists vorstellen, denen wir begeistert auf Instagram folgen – weil sie uns mit ihrer Message, ihrem Stil oder ihrer Persönlichkeit umhauen! Dieses Mal haben wir uns den Hamburger Jung Bernd Muss geangelt, den man ohne Zweifel zum Urgestein der deutschen Tattooszene zählen kann: Seine Lehre machte er vor über 20 Jahren im ersten Tattoostudios Hamburgs. Heute besitzt er mit „Tattoo Freestyle" seinen eigenen Laden – und begeistert seine Kunden mit einzigartigen, skizzenhaften Motiven.

NOIZZ: Bernd, wie bist du zum Tätowieren gekommen?

Bernd: Angefangen hat alles zu Beginn der Neunziger: Ich wurde beim Graffitisprühen erwischt und war ziemlich orientierungslos, was meine Zukunft betraf. Ich versuchte mich mit legalen Wandmalaufträgen über Wasser zu halten und bereitete mich außerdem auf die Kunsthochschule vor. 1994 hat dann das erste Tattoostudio der Stadt in Hamburg-Harburg eröffnet. Ich rannte gleich hin und fragte, ob ich deren Wand bemalen dürfte – so bin ich dort zu meiner Tattoo-Ausbildung gekommen.

Hat sich dein Stil über die Jahre verändert?

Bernd: Klar, damals bestand die Kundschaft überwiegend aus Randgruppen. Die Leute kamen aus dem Milieu – es waren hauptsächlich Rocker und Dealer, die in den Laden stiefelten, um sich was von der Wand auszusuchen! Die damalige Zeit war geprägt von Tribals, Indianerschmuck und Porträts – bis zu meinem heutigen Strich sind gut zehn Jahre vergangen. Durch ständiges Weiterentwickeln und tägliches Zeichnen bin ich langsam zu dem Skizzenstil gekommen, der in Deutschland bis vor Kurzem noch recht selten war.

Das Schönste am Tätowieren ist …

Bernd: Dass ich die Freiheit habe, die menschliche Haut als Leinwand zu nutzen. Das ständige mir entgegengebrachte Vertrauen und die Nähe zu den unterschiedlichsten Menschen machen diesen Job für mich so wundervoll.

Ich habe angefangen zu Tätowieren, weil

Bernd: ... ich mich künstlerisch ausdrücken wollte. Ich wollte um jeden Preis malen und Bilder erschaffen.

Was war dein skurrilstes Tattoo-Request?

Bernd: Das Motiv eines Geschlechtsteils auf ein anderes zu tätowieren.

Du tätowierst schon seit Mitte der Neunziger, als Tattoos im Mainstream noch ziemlich verrufen waren: Wie kam das damals bei deiner Familie an?

Bernd: Damals war Tätowieren noch nicht so akzeptiert – man hatte überwiegend mit Gruppen zu tun, die sich am Rande der Gesellschaft bewegten. Knastis oder Seemänner waren meistens tätowiert. Das als Berufswunsch zu äußern, kam natürlich überhaupt nicht gut bei meinen Eltern an und stieß auf Unverständnis. Es gab zu der Zeit noch keine wirkliche Perspektive, damit seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Aber es war nun mal meine Leidenschaft. Heute ist es wesentlich einfacher, sich das Tätowieren anzueignen und loszulegen. Mittlerweile sind meine Eltern stolz darauf, was ich mir aufgebaut habe.

Das würde ich niemals stechen:

Bernd: Namen von Freunden, Tribals und keltische Muster.

Wenn ich heute kein Tattoo-Künstler wäre, wäre ich

Bernd: ... wahrscheinlich Tischler oder Zimmermann – ich liebe es, etwas mit den Händen zu erschaffen, was der Geist kreiert hat.

Was war für dich die bisher riskanteste Entscheidung?

Bernd: Ich habe damals alles auf eine Karte gesetzt, sogar mein Studium an der Kunsthochschule ging flöten.

Was nervt dich an der Community am meisten?

Bernd: Die neue Generation an Tätowierern, die glauben, mit ein paar Instagram-Followern und einer Cheyenne in der Hand (Anm. d. Red.: bekannte Tattoomaschinen-Marke) wären sie Rockstars und hätten das Tätowieren erfunden ...

Was war dein erstes Tattoo?

Bernd: Ein selbst gezeichnetes Gemisch aus Komik und Surrealismus.

Und wie sah das erste Tattoo aus, das du gestochen hast?

Bernd: Das war ein Winkel mit einem roten Punkt am Ende – es sollte den Hammer vom Papst darstellen: Symbolisch wird ihm mit dem Hammer auf den Kopf gehauen, um zu sehen, ob er noch lebt.

Wo findest du Inspiration?

Bernd: In Comics – etwa von Pat Mills, Richard Corban oder Neil Gaiman, in Filmen und Gemütsschwankungen.

Was ist das Härteste an deinem Job?

Bernd: Gefühlt immer und auf Kommando kreativ sein zu müssen und sich vor Ort schnell auf spontane Kunden und deren Wünsche einzulassen.

Welchen Rat würdest du Leuten geben, die sich das erste Mal tätowieren lassen?

Bernd: Nehmt euch Zeit, um euch erstmal mit dem Thema „Tattoo“ zu beschäftigen. Beobachtet verschiedene Künstler und studiert unterschiedliche Stilrichtungen. Entscheidet euch für die, die euch am meisten zusagt, und kontaktiert dann einen guten Künstler, der genau das drauf hat.

Was steht noch auf deiner Bucket-List?

Bernd: Die Kunst etwas vorantreiben – das Erstellen von Collagen und das Malen auf Leinwand etwas mehr etablieren.

Diesem Kollegen gebe ich Props:

Bernd: Josh Peakock aus England.

Hier könnt ihr weitere Motive von Bernd auschecken:

Quelle: Noizz.de