Wie zur Hölle konnten Crocs 2018 zum Trendschuh werden?

Katharina Kunath

Tattoos, Mode & Kultur
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Alles, was du über die Wiederauferstehung des hässlichsten Schuhs der Welt wissen musst.

Mit Crocs verhält es sich ungefähr so wie mit Koriander: Entweder man liebt sie – oder man kann sie auf den Tod nicht ausstehen. Den allergrößten Teil der Bevölkerung kann man mit ziemlicher Sicherheit in Kategorie zwei rechnen.

Trotzdem penetrierten die hässlichen Plastiktreter das Jahr 2018 härter als jeder andere Schuh: Vom überkrass gehypten Balenciaga-Modell, über den sofort ausverkauften Post-Malone-Schlappen bis zum „Sok Croc“ – der schon längst verdrängt gedachte Schuh hat es geschafft, sich zu einem der beliebtesten Accessoires des Jahres zu mausern.

Es ist sogar schon soweit, dass ihm „Highsnobiety“, der Online-Heaven für Sneakerfans, einen eigenen Podcast gewidmet hat. Und weil der erste Posty-Croc so schnell vergriffen war, wurde gerade schon das nächste Modell gelauncht – suprise, suprise, auch das war sofort ausverkauft.

>> Es gibt jetzt Crocs von Post Malone höchstpersönlich

Das wirft Fragen auf, wie etwa: WTF? Leidet ihr alle unter Geschmacksverirrung? Und am wichtigsten: Wie konnte es verdammt noch mal dazu kommen? Zeit also, sich den Aufstieg, Fall und die Wiederauferstehung des hassgeliebten Höllentreters einmal vor Augen zu führen. 

Der Aufstieg: Crocs als „hotteste Schuhe des Jahres 2007“

Die Geschichte des Croc begann recht unspektakulär. Konzipiert als Bootsschuh sollte das wasserabweisende Material Seglern als geeignetes Schuhwerk auf dem Wasser dienen, seinen ersten Auftritt hatte er 2002 auf einer Yachtshow in Florida.

Von dort aus startete er zwei Jahre später seinen Siegeszug auf der ganzen Welt: Leicht, nicht allzu teuer, vielseitig einsetzbar und orthopädisch wertvoll (das Schaumstoffmaterial passt sich dem Fuß an), verkaufte er sich millionenfach – und zwar nicht nur unter Seglern.

Auch Normalos entdeckten den Schlappen schnell für sich: So beschrieb der US-Sender „CNN“ Crocs 2007 als die „hottesten Schuhe“ des Jahres. Das Unternehmen machte einen Jahresumsatz von sage und schreibe 847 Millionen US-Dollar, umgerechnet rund 747 Millionen Euro.

Teil des Hypes waren bunte Anstecker, die sich in die Lüftungslöcher der Crocs stecken ließen und dem Träger dadurch nicht nur Individualität vorgaukelten, sondern nach Panini-Fußballbilder-Manier so eine Sammelwut auslösten, dass das in allen Farben daherkommende Plastikschuhpaar wie ein an den Füßen getragenes Stickeralbum aussah. Dunkle Zeiten, denn Crocs teilten sich ihre weltweite Vormachtstellung mit anderen Krebsgeschwüren der Moderne, etwa der ultratiefen Hüfthose und dem Schlauchschal.

Der Fall: War Ex-US-Präsident George W. Bush schuld?

Doch wie das so ist mit Trends: Sie vergehen. Das Schicksal der Crocs war nach wenigen Saisons besiegelt. Mitunter wohl auch, weil das Unternehmen „Crocs“ verpeilt hatte, rechtzeitig Designrechte auf das – nennen wir es freundlicherweise „außergewöhnliche“ – Aussehen seines Schuhs anzumelden und 2009 nur knapp an der Insolvenz vorbeischrammte.

Der Markt wurde von billigen Noname-Trittbrettfahrern überschwemmt, die das Design der Outdoor-Pantoffeln nachmachten und für ein Viertel des Preises verkauften.

Das „Time Magazin“ erklärte die Schuhe offiziell für out, indem es Crocs auf die Liste der „50 schlimmsten Erfindungen aller Zeiten“packte – eingereiht zwischen der Chemiewaffe „Agent Orange“ und dem krebserregenden Stoff Asbest. Ein Blog namens „I hate Crocs“ gewann an Popularität. Als dann auch noch Ex-US-Präsident George W. Bush in einem Paar gesehen wurde, war das Schicksal der Schlappen offiziell besiegelt.

Sie verschwanden still und leise aus Schaufenstern und von den Straßen der Großstädte. Ausgelutscht und abgegriffen mussten sie sich ihrem neuen Los beugen: als Haus- und Gartenschuh an den Füßen von Rentnern. Und in Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen und Großküchen – Orte, an denen der abwaschbare Schuh mit Handkuss angenommen wurde.

Der Croc hatte seine Bestimmung gefunden: Hässlich wie der Tod, dafür vielseitig einsetzbar, begnügte er sich gut 15 Jahre als Berufs- und Seniorenschuh an den Füßen derer, die ihn aus Bequemlichkeit, nicht aber aus Style-Gründen trugen. Ein dankbares Los. Er hätte es dabei belassen sollen. Aber der größenwahnsinnige Croc wollte nicht aufgeben.

Wir schreiben das Ende des 2018 und müssen uns leider eingestehen: „Er ist wieder da.“

Die Wiederauferstehung: Balenciaga, Posty und der Ugly Sneaker Trend

Der Mehr oder weniger über Nacht hat es der für fünfzehn Jahre tot geglaubte Nischen-Treter geschafft, in den Mode-Olymp einzuziehen. Wer genau den erneuten Hype der Crocs ausgelöst hat, ist unklar. War es der Designer Christopher Kane, der seine Models für die Frühjahr/Sommer-Kollektion 2017 in strassverzierten Modellen über den Laufsteg schicke? Oder war es das französische Label Balenciaga, dessen Plateau-Modellen für schlappe 650 Euro verkauft werden? War es Cloudrapper Post Malone, der seine „White Trash“-Ästhetik mit dem Tragen quietschbunter Crocs aufs Endlevel brachte?

Abstreiten lässt es sich jedenfalls nicht, dass die Ausgeburt der Hässlichkeit perfekt in das aktuelle Mindset der Modebranche passt. Denn die Schuhe fallen genau in das Anti-Fashion-Raster, das coole Kids von Seoul bis Berlin bedienen wollen: „Je uncooler und polarisierender, desto besser.“

Immerhin hat genau dieser Trend auch schon Birkenstocks und Ugly Sneaker zu den It-Pieces schlechthin gemacht hat – und nun eben auch Crocs wie den Phönix aus der Asche wiederauferstehen lassen.

>> Selbst im Jahr 2018 sind Crocs noch ein Trend!

Ein Lichtblick für alle Crocs-Hasser gibt es allerdings: So schnell wie Dinge gerade für „trendy“ oder „last season“ eingestuft werden, ist es ziemlich wahrscheinlich, dass die Plastikpantoffeln bald wieder in die Versenkung abgleiten. Und auch finanziell scheint es bei den Crocs-Machern – trotz der neuen Kollabo-Popularität – gar nicht gut zu laufen: Schon im August wurden die letzten Fabriken geschlossen. 160 Läden wurden dicht gemacht, in Zukunft sollen die Schlappen nur noch Online und über Drittanbieter verkauft werden.

Könnte 2019 vielleicht tatsächlich der Untergang der Plastiklatschen sein? Ich würde es begrüßen.

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Quelle: Noizz.de

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