Alle 14 Tage wollen wir euch in unserem Tattoo Talk Künstler*innen vorstellen, denen wir begeistert auf Instagram folgen – weil sie uns mit ihrer Message, ihrem Stil oder ihrer Persönlichkeit umhauen.

Dieses Mal haben wir mit Oliver, besser bekannt unter seinem Insta-Namen "Your Onkel Tattoo" gequatscht. Der 37-Jährige tätowiert bei "The Chamber" in Berlin. Dort hat der Betrieb gerade wieder frisch angefangen – nach der langen Corona-Pause.

Wir haben mit dem Tätowierer darüber gesprochen, was sich durch die neuen Bestimmungen für ihn bei der Arbeit geändert hat, wie er glaubt, dass es weitergeht – und natürlich über seinen Anspruch an das Handwerk.

Oliver, wie hast du die "Quarantäne" verbracht, als alle Tattoostudios geschlossen haben mussten?

Oliver: Ich bin Vater und durfte deswegen 24/7 mit meinem Sohn verbringen … sobald er im Bett war, habe ich versucht, mich an den Schreibtisch zu setzen und zu zeichnen oder Drucke zu machen, um wieder mit voller Power und mit viel Material in die Termine zu starten.

Seit wann tätowierst du wieder?

Oliver: Vorletzte Woche haben wir wieder angefangen.

Wie hat sich deine Arbeitsweise durch die strikten neuen Auflagen geändert?

Oliver: Alle sollen sich so wenig wie möglich im Studio aufhalten, deswegen hat sich mein Arbeitsalltag komplett verändert. Vor Corona konnte ich mir superviel Zeit mit den Leuten nehmen, mit ihnen zusammen im Studio über ihre Ideen quatschen. Jetzt muss ich die Motiv-Entwürfe verschicken – das mache ich ungern, weil ich dann nicht erklären kann, was ich mir dabei gedacht habe. Wenn die Leute das dann noch ihren Freunden, der Mutter, dem Opa und der Tante zeigen, verwässert so eine Idee total. Ich selbst bin auch viel weniger im Studio, statt fünf bis sechs Tage die Woche nur noch zwei bis drei. Die sind dann vollgeballert mit Terminen – ich fühle mich fast wie bei einem Guestspot in meiner eigenen Stadt.

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Wie verbringst du die Zeit außerhalb vom Studio?

Oliver: Tagsüber passe ich auf meinen Sohn auf und wenn er im Bett ist, bereite ich meine Termine vor. Meine Abende und Nächte verbringe ich gerade damit, Motive zu zeichnen, mit Kund*innen zu kommunizieren, Termine abzusprechen und Instagram zu bespielen. Das zieht sich meistens von acht Uhr abends bis ein Uhr nachts. Durch die Kita-Schließung hatte ich in den letzten Wochen ehrlich gesagt so wenig persönliche Freizeit, wie noch nie in meinem Leben.

Hast du das Gefühl, dass deine Kunden trotz Maskenpflicht und neuer Tattoo-Routine Bock auf Tätowierungen haben – oder sind sie vorsichtiger?

Oliver: Nee, die haben Bock. Es ist schade, dass das Tattoo-Erlebnis selbst ein anderes ist – aber dem Interesse daran tut das kein Abbruch. Ich bekomme trotzdem Anfragen und habe Termine.

Wie sah das letzte Tattoo aus, das du vor Corona gestochen hast?

Oliver: Das war ein Engel mit Harfe.

Wie würdest du deinen Stil selbst beschreiben?

Oliver: Als grafisch. Ich probiere gerade noch viel aus – und finde aber, dass die Frage eigentlich immer andere beantworten müssen. Ich würde mich auch nie als Künstler oder "Tattoo-Artist" beschreiben – auch das müssen andere entscheiden. Ich will einfach ein guter Tätowieren sein, kein Künstler. Das war ich auch im Grafikdesign, was ich vorher gemacht habe, nicht. Mir ist das Handwerk im Entwurf, in der Zeichnung wichtig. Natürlich ist das Tätowieren das A und O, aber ich würde es nie als Kunst beschreiben. Sondern als ein Handwerk. Klar gibt es in der Szene viele Künstler – aber ich zähle mich da nicht dazu.

Hast du das Gefühl, durch Corona ändert sich gerade etwas in der Tattoo-Szene – außerhalb der strikten Regeln?

Oliver: Ich lese zur Zeit immer wieder Kommentare, dass Corona vielleicht in dem Sinne eine gute Sache ist, dass es das Business ein bisschen ausdünnt. Es gibt ja gerade einfach einen immensen Tattoo-Hype – und die Frage ist, wie viel Hype für das Tätowieren in den nächsten Jahren noch übrig bleibt. Ich glaube, dass Leute wieder merken: Es ist zwar der geilste Job der Welt – aber halt auch ein sehr harter Job.

Du glaubst, der Tattoo-Trend verschwindet?

Oliver: Wie jeder Hype wird er sich verändern. Denk mal an Trash-Polka! Das ist noch gar nicht so ewig her! Maximal 20 Jahre – eher 15, schätze ich. Damals dachten alle, es wird nie wieder etwas anderes tätowiert ... aber heute will kein Mensch mehr so ein Trash-Polka-Tattoo. Jetzt sind diese ganzen trashy Zuhause-Tattoos in, keine Ahnung, wie das weitergeht – aber ich glaube nicht, dass sich das für immer hält.

Was war dein bis dato bizarrstes Tattoo-Request?

Oliver: Der Schriftzug "Daddy's little slut" auf dem Schamhügel.

Und was das Schönste, oder das, was am meisten bei dir hängen geblieben ist?

Oliver: Kopftattoos bleiben immer hängen – und machen auch einfach am meisten Spaß. Der Kopf ist das Gegenteil der Achselhöhle. Die Achselhöhle ist echt anstrengend zu tätowieren, aber der Kopf liegt wie eine Kugel vor dir, die Haut ist schön straff ... Das macht einfach viel mehr Laune, als andere Stellen. Und ganz ehrlich: Sich heute ein Tattoo stechen lassen, selbst auf der Hand oder den Fingern, schockiert ja keinen mehr. Du musst ja eigentlich mindestens den Kopf oder das Gesicht machen, um ein bisschen krasser zu sein, als andere. In Bern habe ich bei meinen Guestspots drei oder vier fette Kopftattoos gemacht. Das hat mir jedes Mal ein Schub gegeben – die sind da einfach irre nach dem ganzen Zeug.

Was treibt dich an?

Oliver: Mein Alter! Ich bin immerhin schon 37 (lacht).

Wenn ich heute kein Tätowierer wäre, würde ich …

Oliver: Dasselbe machen, was ich davor gemacht habe – Grafikdesign. Ich lasse mich selbst seit gut 20 Jahren tätowieren, habe aber bis vor drei Jahren als Grafikdesigner gearbeitet. Ich habe schon früher immer selbst viele Tattoos gezeichnet, damals gab es ja noch gar nicht die Auswahl an Tätowieren, die es heute gibt. Lustigerweise fand ich schon damals gut, was ich heute selbst für Kunden entwerfe – deshalb gibt es auf meinem Körper auch keine Jugendsünden, kein Watercolor, keine Mandalas, nichts, was ich bereue. Nick Kater von "Blackfisk Tattoo" hat mich dann dazu gebracht, selbst anzufangen – tausendmal Danke und pure Liebe für ihn!

Wo siehst du dich in 10 Jahren?

Oliver: In zehn Jahren bin ich fast 50 – also hoffentlich gesund und zusammen mit meiner Familie …

Was würdest du dir selbst niemals stechen lassen?

Oliver: Watercolour!

Welchen Tattoo-Artists gibst du Props?

Oliver: Allen, die fleißig und innovativ sind … es langweilt mich wenn ich – und das gilt auch für große Namen und Top Artists – über einen längeren Zeitraum keine Veränderung oder keine Entwicklung sehe, sondern nur ein Wiederholen und Adaptieren von sich selbst.

Was steht noch auf deiner Tattoo-Bucket-List?

Ich würde sofort ein Tattoo von @greggletron nehmen, sofern es sich ergäbe. Auch auf ein original japanisches Tebori Tattoo von einem Meister hätte ich mega Bock. Ansonsten bin ich recht happy und stolz auf Tattoos von meinen Vorbildern wie Duncan X, Praying Mantas, @valentin.tatau, @felix87_tattoo, Dennis Bebenroth, Stefan Pauli, Nick Kater, Ant The Elder, The Magic Rosa, @ehmentattoo … Bin also offen für Neues!

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Quelle: Noizz.de