Angst vor Spinnen?

Jede Woche wollen wir euch in unserem „Tattoo Talk“ inspirierende Tattoo-Artists vorstellen, denen wir begeistert auf Instagram folgen – weil sie uns mit ihrer Message, ihrem Stil oder ihrer Persönlichkeit umhauen! Heute kommt der talentierte Nikita Sofine zu Wort, den ihr unter @Nikita.tts auf Instagram stalken könnt. Der 26-Jährige lebt und arbeitet aktuell in Köln, wenn er nicht gerade für diverse Guestspots durch Europa tourt.

Nikita aka @Nikita.tts Foto: Nikita Sofine / Nikita Sofine

Künstlerisch könnte man Nikitas dunkle Tattoo-Motive wohl unter Blackwork einordnen – auch, wenn er den Begriff selbst nicht so feiert. Und naja, so ganz einfach zu beschreiben, ist der vielfältige Stil des Tattoo-Künstlers auch gar nicht: Sein Spektrum umfasst Abstraktes, Strukturen und Traditionals, was er immer wieder auf andere Weise vereint.

Ob das so bleibt oder ob sich demnächst nicht doch mal eine Kontrastfarbe unter seine schwarzen Entwürfe mischt – darauf möchte er sich noch nicht festlegen: „Mal sehen, wie sich das noch verändert. Gerade entwickle ich ein Faible für Gesichter, Mimik und Worte.“

NOIZZ: Nikita, wie bist du zum tätowieren gekommen?

Nikita: Nach einigen freiwilligen Praktika bei 7/11 in Krefeld hatte ich mit Anfang 20 eigentlich direkt den Plan, zu tätowieren. Um meine Eltern zufriedenzustellen, wollte ich dann aber doch lieber studieren und bin so mehr oder minder blind nach Leipzig gezogen, um mich an einer Hochschule zu bewerben. Zum Glück wurde ich abgelehnt! Daraufhin habe ich mich auf die Suche nach einem Studio gemacht, das mich ausbildet. So fing Mitte 2014 meine klassische Tätowiererlehre im „Sinnträger Tattoos“-Studio in Leipzig an. Ein Dank geht raus an Steve Bauer.

Das Schönste am Tätowieren ist …

... definitiv der Kontakt mit dem Kunden. Egal, ob man nur über Alltägliches redet oder sich das Ganze wie eine Therapiesitzung anfühlt – dieser intime Moment, den man beim Tätowieren miteinander teilt, ist mir das Liebste. Vor allem, wenn beide Parteien am Ende mit dem Ergebnis zufrieden sind. Ähnlicher Geschmack zieht ähnliche Charaktere an – so habe ich durch das Tätowieren Freunde gefunden. Die Nerd-Gespräche über Tattoos, Maschinen und Co. mit Kollegen gefallen mir aber auch sehr.

Ich habe angefangen zu tätowieren, weil

... bemalte und unperfekte Objekte für mich schon immer eine ganz besondere Ästhetik hatten: angemalte Wände, alte Häuser, die nicht perfekt saniert sind, Dinge, denen man ansieht, dass sie schon „gelebt“ haben. Diese Schönheit im Unperfekten, Nicht-aus-dem-Ei-gepellten. Mir gefallen abgeheilte Tattoos, die schon zum Körper gehören, definitiv besser als frische. Außerdem sind Tattoos sehr ausdruckstark und helfen Menschen im besten Fall sich selbst zu verwirklichen. Manchmal ist ein Tattoo nur ein Tattoo, manchmal aber auch mehr.

Welches Tattoo-Request hat dich besonders geprägt?

Drei Erlebnisse werden mir immer besonders in Erinnerung bleiben: In den vergangenen Jahren habe ich einige Spinnenmotive motiviert, mein Guestspot bei Fudoshin Tattoos in London hat das ins Rollen gebracht. Da durfte ich spontan Arran Burton tätowieren, als wir beide einen Terminausfall hatten.

Im „Butcher Ink“ habe ich bei Christian Hyde meine erste Hand gestochen, ich hatte nur knapp zwei Stunden für die Zeichnung und das Tattoo, da wir anschließend eine Reservierung im Restaurant hatten.

Und während meines ersten Guestspots in Basel im Saint Noir habe ich mit Slumdog Spinnentattoos „getauscht“: Ich durfte meine Spinne neben ein Tattoo von der Traditional-Legende Scott Sylvia platzieren und bekam anschließend eine auf den Kopf tätowiert. Alle drei sind ausgezeichnete Tätowierer, zu denen ich sehr aufsehe und die ich seitdem meine Freunde nennen darf.

Was sagen deine Eltern zu deinem Job?

Meine Mama mochte meine Zeichnungen schon früher, bis sie auch die Tattoos mochte, hat es aber etwas gedauert. Mittlerweile sieht sie meine Berufswahl lockerer, lieber wäre es ihr allerdings, wenn ich auf Leinwand malen würde.

Das würde ich niemals stechen:

Hals und Hände kommen am Ende. Solche Aufträge nehme ich nur ganz selten an. Wenn es doch dazu kommt, bin ich mir da schon immer ganz sicher, dass es die Person nicht bereuen wird.

Wenn ich heute kein Tattoo-Künstler wäre, würde ich

... mein Vollabitur nachmachen und Psychologie studieren, wo wir wieder bei dem Kontakt mit Menschen wären.

Was war für dich die bisher riskanteste Entscheidung?

Ich glaube, im Großen und Ganzen habe ich Sicherheit riskiert. Ich hätte mich auch weiter für ein NC-freies Studium im künstlerischen und kreativen Bereich bewerben können, das ich trotz schlechten Fachabiturs (da ich im Unterricht lieber gezeichnet habe) früher oder später hätte abschließen können. Ich habe aktuell keinen wirklichen Plan-B. Ein normaler Schlafrhythmus, bezahlte Krankheitstage und ein geregelter Lohn bleiben mir verwehrt. Und auch eine Rente, falls ich mich nicht bald selbst darum kümmere. Dafür genieße ich durchs Tätowieren eine unvergleichbare Freiheit, meinen Alltag selbst zu bestimmen. Und ich meine, was ist in der heutigen Zeit schon sicher?

Was nervt dich an der Community am meisten?

Das Rockstar-Gehabe, das einige Kollegen an den Tag legen – was aber wohl durch den immer größeren Einfluss von Social-Media und dem damit verbundenen Hype um uns Tätowierer verursacht wird.

Was war dein erstes Tattoo?

Mein erstes Tattoo habe ich mir von Frederik Altmann bei 7/11 in Krefeld stechen lassen und bin nach circa fünf Minuten weggekippt, da ich morgens nichts gegessen habe und super aufgeregt war. Also für alle, die ihr erstes Tattoo bekommen: Ein ausgewogenes Frühstück vor dem Tätowieren ist das A und O.

Und wie sah das erste Tattoo aus, das du gestochen hast?

Das habe ich mir selbst auf den Oberschenkel gestochen. Mit einer Cheyenne Hawk, für einen Anfänger zu Beginn relativ ungeeignet, Nadel viel zu weit raus, erst keine Farbe reinbekommen, dann zu tief gestochen. Das Motiv ist eine Kombo aus Wu-Tang, Rosen und einem Marteria Albumtitel, was kann schon schief gehen? Eventuell etwas zu dunkel geworden, aber es ist noch da und ich bereue es absolut nicht.

Wo findest du Inspiration?

Ich mache meist Custom-Designs, die Kundenidee ist damit die größte Inspiration. Ich schaue dann, wie ich ihr meinen Stempel aufdrücken kann. Wenn ich mal Wanna-Dos male, sind sie meist vom Alltag oder von Musik inspiriert.

Was ist das Härteste an deinem Job?

Ich glaube, das Härteste ist es, die eigene Erwartungshaltung zu erfüllen. Ich persönlich verspüre schon den Druck, dass ich abliefern muss, und ärgere mich, wenn ich danach denke, dass es vielleicht doch etwas sauberer oder innovativer hätte sein können.

Welchen Rat würdest du Leuten geben, die sich das erste Mal tätowieren lassen?

Erst mal sollte man jemanden finden, dessen Stil einem zusagt. Dann am besten persönlich beraten lassen und überlegen, ob man sich bei dem Tätowierer und in dessen Studio gut aufgehoben fühlt. Wenn man sich für jemanden entschieden hat, sollte man etwas flexibler mit der eigenen Vision sein und auf die Ratschläge des Tätowierers hören – denn beim ersten Tattoo ist man oft noch zu verkopft. Ich glaube, ich würde mich nicht noch einmal von jemandem tätowieren lassen, der mir unsympathisch erscheint. Das Tattoo behält immer einen faden Beigeschmack.

Was steht noch auf deiner Bucket-List?

Jemandem eine Waschmaschine auf den Hinterkopf zu tätowieren.

Diesen Kollegen gebe ich Props:

Slumdog, Arran Burton und 613tattoo. Ich finde, in Deutschland haben wir echt Glück, wir haben sehr viele gute Tätowierer! Im Traditional-Bereich etwa Clemens Hahn, Cedric Weber, Schumitz, Sebastian Domaschke, Dawid Maschine und Dennis Bebenroth (hier kannst du Dennis' Tattoo Talk lesen). Bei Neo-Traditionals Lars Uwe, Sebastian Brade und Alex Doerfler. Für Blackwork Felix 871, Tibor Hudak, Cris Benkert, Phil Kaulen und Ilja Hummel. Realismus-Props für Cigla, Christian Hyde, Khai Parusel , Guil Zekri und Dennis Luso. Was Mandala und Ornamente angeht: Jessica Svartvit, Yves Webster, SiriKit und Matti Celentano. Für Sketches und Abstraktes Jusse, Herr Wilm, Adrian Webersinke und Jukan. Ignorant-Style und Stencil: Alex Berger, Benedikt Long, Joey Don't Trip.

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Quelle: Noizz.de