Start-up-Gründerin Kati Ernst produziert Perioden-Unterwäsche – wir haben mit ihr über Tabus gesprochen.

Als ich das erste Mal meine Tage hatte, habe ich mich nicht getraut, meiner Mutter davon zu erzählen. Für den Fall der Fälle hatte ich schon immer Binden zu Hause, und dann hab' ich ihr abends "gebeichtet", was an dem Tag passiert ist. Ich fand das damals richtig schlimm. In der Schule warst du schlampig, wenn du einen Tampon benutzt hast, und der Ausdruck "meine Tage" musste geflüstert werden.

Heute ist das zum Glück ganz anders, weil ich von Menschen umgeben bin, die Menstruation nicht als Tabu-Thema behandeln, das es totzuschweigen gilt. Dieses Glück hat nicht jeder. Letztens erzählte mir eine Freundin während eines stundenlangen Girl-Talks, ihr Freund fände es eklig, wenn sie ihre Tage hat. Das sage er ihr dann auch so. Gedanken, die ich in der 9. Klasse wähnte, hatten sich irgendwie in mein Erwachsenenleben geschlichen. War ich naiv, geglaubt zu haben, dass mittlerweile alles gut sei mit der ganzen Menstruations-Situation? Spoiler: Nichts ist gut.

>> Petition fordert: Tampons und Binden sollen günstiger werden

Am Dienstag, 28. Mai ist "Menstruation Hygiene Day". Der perfekte Tag, um mal ganz offen über die Periode zu reden, damit Frauen sich mit sich selbst wohlfühlen – und das machen wir jetzt.

An dieser Stelle findest du Inhalte aus Instagram
Um mit Inhalten aus Instagram und anderen sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Es gibt viele Menschen, die das mit dem Blut noch nicht verstehen oder es partout nicht verstehen wollen. Das färbt sich dann auf die Gestaltung derer Umgebungen ab.

Das Gespräch mit meiner Freundin, dessen Freund ihre Periode nicht abkann, öffnete mir die Augen. Ich fing an, in meinem Umfeld Dinge zu sehen, was ich zuvor nicht wahrgenommen hatte. Dass es bei der Tankstelle zum Beispiel fünf Sorten Kondome gibt, aber nur eine Packung Binden für 6,99 Euro. Oder, dass mein Professor nach einem Vortrag über Periodenaufklärung die Aussage droppte, wie schön er es doch fände, dass der Vortrag so "stilvoll" gehalten worden sei und es "schnell in eine andere Richtung hätte gehen können".

Was genau meinte er mit jener "anderen Richtung"?

Ist die "andere Richtung", dass man tatsächlich mal Blut in Werbungen für Tampons und Binden zeigt? Ist die "andere Richtung", dass es auf Frauenklos im öffentlichen Raum neben Toilettenpapier auch Binden als alltäglichen Hygiene-Artikel gibt? Dass man auch mal laut im Großraumbüro nach einem Tampon fragen darf, so wie bei einem Kaugummi?

Die Beschwerden über Menstruations-Tabus sind ja alle schön und scheiße, aber wenn ich meine Hand aufs Herz lege, dann wüsste ich nicht, ob ich wirklich Lust hätte, mit Menschen über meine Periode zu reden, die das so gar nicht hören wollen. Würde ein offener Dialog darüber diese Menschen und die Art, wie sie ihr Leben führen wirklich beeinflussen? Keiner redet gerne gegen eine Wand. Wo kannst du also ansetzen, um das Menstruations-Gespräch aufzulockern?

>> Die 19 besten FIlmtitel unter dem Hashtag #menstruationsfilme

Zum Beispiel daran, Produkte für Frauen mit Periode in den Vordergrund zu rücken und Alternativen zu konventionellen Binden und Tampons anzubieten. Und genau das hat Kati Ernst gemacht und zusammen mit Kristine Zeller Ooshi gegründet, ein Berliner Start-up gegründet, das Perioden-Unterwäsche herstellt. Doch es geht den beiden dabei nicht nur um Unterwäsche. Es geht um Female Empowerment.

Perioden-Unterwäsche: Was das?

Die Unterhosen, die Kati und Kristine entwerfen, kannst du immer tragen – eben gerade auch dann, wenn du deine Tage hast. Sie heißen – naheliegend – "Ooshis" und können durch ihr dreilagiges Futtersystem bis zu drei Tampon-Ladungen aufsaugen. Außerdem sind sie aus anti-bakteriellem Stoff, der auch Geruch neutralisieren kann.

Die beiden Frauen von Ooshi wollen Frauen eine alternative zu Binden und Tampons geben, und ihnen bewusst machen, dass sie ihr Leben nicht an ihre Periode anpassen müssen, sondern dass sie – andersherum – so mit ihrer Periode umgehen sollten, wie es zu ihrem Leben passt. 

An dieser Stelle findest du Inhalte aus Instagram
Um mit Inhalten aus Instagram und anderen sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

"Es kann einfach nicht sein, dass ein Thema, das fünf Tage jeden Monats eine Frau betrifft, so stiefmütterlich behandelt wird", sagt Kati. Sie erklärt, dass Frauen erstmals wirklich über ihre Periode nachdenken, wenn sie auf alternative Perioden-Produkten stoßen. Je mehr Alternativen es zu Tampons, Binden und Co. gibt, desto mehr hinterfragen Frauen bestehende Routinen. Dadurch setzen sie sich mit ihren tatsächlichen Bedürfnissen auseinander und lernen so ihren Körper und sich selbst wirklich kennen.

"Ist die Binde, die deine Mutter dir mit zwölf in die Hand gedrückt hat, heute noch das perfekte Produkt für dich?"

Das fragt mich Kati, und ich merke zum ersten Mal, dass man viel zu viel als selbstverständlich erachtet. Du sieht als selbstverständlich an, dass du still deine Periode erleidest, dass du dir jeden Monat ein paar Ibus reinhaust, um die Schmerzen auszuhalten. Du siehst es als selbstverständlich an, Binden und Tampons in unauffälligen kleinen Beuteln in der hintersten Ecke deiner Tasche mit dir rumzutragen.

Why. Tho.

Wenn ich mir auf Facebook die Kommentare unter Beiträgen über die Perioden-Unterhose Ooshi anschaue, dann werde ich daran erinnert, warum ich lieber still bin: Kotz-Emojis, üble Beleidigungen, stumpfe Bemerkungen – die meisten von Männern. Dass das Thema Periode besser in der "BILD der Frau" aufgehoben wäre oder nur am Frauentag besprochen werden sollte. Angesichts solcher häufiger Meinungen will ich mich eigentlich nur noch verkriechen, bluten und warten, bis es vorbei ist. So wie immer.

Wie gut, dass es Menschen wie Kati gibt. Die trotzdem weiterhin gegen dieses Tabu ankämpfen, zum Beispiel mit dem Hashtag #normalizeperiods, mit dem sie auf Instagram versuchen, die Diskussion über die Periode zu öffnen. Dabei will sie nicht missionieren, sondern Leute dort abholen, wo sie sich gerade gedanklich befinden. Sie will sie behutsam dazu auffordern, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.

"So werden wir gesellschaftlichen Wandel erzeugen. Doch das braucht eben Zeit."

Du musst also nicht gleich kriegerisch Menstruationsblut in dein Gesicht schmieren und im Drogeriemarkt deiner Wahl eskalieren gegen die Luxus-Steuer auf Tampons.Vielleicht hilft es ja schon, wenn du dir mal Gedanken darüber machst, warum und wie du dich eigentlich um deine Periode kümmerst. Wie du darüber mit deinen Freunden redest und ob es dir eigentlich peinlich ist, wenn du deine Tage hast. Und wenn ja – warum?

Denn die Periode ist so natürlich wie Haarwachstum. Ändern kannst du es eh nicht. Aber du kannst ändern, wie du darüber denkst. Und wenn du anders über dich selbst denkst, dann färbt das auch auf deine Umwelt an. Und davon profitieren am Ende alle.

  • Quelle:
  • Noizz.de