Wir haben schon oft behauptet, Streetwear sei over, aber diesmal meinen wir es ernst. Wenn der Discounter Aldi Nord ein paar Tage nach Lidl eine Streetwear-Kollektion droppt, fühlen sich Badelatschen und Co. langsam an wie Versicherungs-Werbungen mit Longboard-Vollbart-Hipstern. Alles hat seine Zeit, wie der schlaue König Salomon schon sagte, und die Epoche eigener Streetwear-Kollektionen ist vorbei – einfach auch, weil das jetzt alle schon einmal gemacht haben (Brands wie Jägermeister übrigens schon vor genau einem Jahr.)

Die "Aldiletten" sind noch das beste an der Aldi-"Original"-Kollektion

Aber der Reihe nach. Die Aldi-Kollektion sieht ja grundsätzlich gar nicht schlecht aus. Der Tracksuit zitiert die Corporate-Farben Blau, Weiß und Rot und das markante Balkendesign, die schwarzen und weißen Tennis-Socken sind halt Tennis-Socken, aber wenigstens okaye, die Aldiletten zitieren die Brudiletten und andere dahingehend, dass auf dem einen Latschen "Aldi" auf dem anderen "Lette" steht, die Shirts und Hoodies sind typische Logo-Shirts und Hoodies, insgesamt aber eher fad, der Bucket Hat ist noch ganz geil prollig, die Bauchtausche halt eine Bauchtausche und die Schwimmanzüge ehrlich gesagt überflüssig.

Aldi Original Kollektion
Aldi Original Kollektion
Aldi Original Kollektion

Mit der Bezeichnung "Original" verweist die Kollektion relativ undezent auf ihr Vorbild: die Adidas-Klassiker-Reihe "Originals". Der Witz mit den Aldiletten ist sogar ganz gut, weil nicht wenige ja oft aus Versehen von "Aldi"-letten sprechen, wenn sie die "Adi"-letten von Adidas meinen – vielleicht, weil sie denken: Ah, im Aldi gehen Leute einkaufen, die in Badelatschen das Haus verlassen, deshalb nennt man die Latschen Aldiletten. Dass das Tragen von Adiletten mittlerweile zum guten Modeton gehört, ist an ihnen vorbeigezogen. Sei's drum: Jetzt gibt's ihre Aldiletten in echt.

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Der Witz ist ja, dass Aldi-Tüten und Discounter-Kram allgemein unter modebewussten Großstadtbewohnern schon seit geraumer Zeit ironisch getragen werden. Darauf spielte Lars Eidinger Anfang des Jahres auch an, als er gemeinsam mit dem Designer Philipp Bree eine Aldi-Tüte aus Rindsleder gestaltete, die dann 550 Euro kostete. Weil er damit vor einem Obdachlosen-Nachtlager posierte, kassierte der Schauspieler dafür allerdings einen Shitstorm. Wenn Aldi mit seiner Aktion die Hypebeasts erreichen will, hätte der Billig-Supermarkt sich die Mühe jedenfalls sparen können.

Zum Glück hat man sich den Fauxpas erspart, eine eigene Sneaker-Kollabo auf den Markt zu bringen – denn das war selbst im Oktober 2019 schon längst durch, als Lidl versuchte, mit seinen Turnschuhen im Balenciaga-Triple-S-Design zu punkten (NOIZZ berichtete).

Für Freund*innen der Adilette, des Fischerhuts und Tracksuits ist die Aldi-Kollektion eine schlechte Nachricht: Sie bedeutet nämlich, dass diese plakative Art der Streetwear, dieser kleinste gemeinsame Nenner von dem, was man mutmaßlich auf der Straße trägt, endgültig vorbei ist. Logo-Pullis sind damit ein für alle mal gestorben. Der Gegenstand unserer Ironie hat dieselbige geschluckt und zu totem Ernst werden lassen. Wer so was jetzt noch trägt, läuft hinterher, nicht vorne weg.

Das Logo von Aldi Nord stammt vom Künstler Günter Fruhtrunk

Aber was dann? Aktuell wird ja alles Hässliche, alles, was die unstilvollen Freund*innen unserer Eltern getragen haben, zum It-Piece gekürt – zum Beispiel die Tracking-Sandale oder der Sport-Kopfhörer. Parallel neigt sich das 90er-Revival dem Ende zu und grast gerade alles ab, was in Second-Hand-Läden à la Humana und Picknweight an Originalen zu haben ist – teilweise zu horrenden Preisen.

Eine Chance für Aldi modemäßig wirklich was zu reißen, hätte ja darin bestanden, sich auf seine eigene Geschichte zu besinnen. Diese ist nämlich geprägt von Kunst und Avantgarde. Das Logo (von Aldi Nord) stammt von Maler und Gestalter Günter Fruhtrunk, der es 1970 für den Discounter designte. Im Plastiktüten-Zeitalter, das ja seit drei Jahren auch vorbei ist, rannte also halb Deutschland mit Kunstgeschichte an der Hand herum.

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In Anbetracht der Tatsache, dass Kunst und Instagram sich zunehmend vermengen, Kunstmessen und Großausstellungen zunehmend gezielt Influencer einladen, hätte Aldi auf seine Vergangenheit setzen können, um bei Fashionistas zu landen.

Aldi Original Kollektion
Aldi Original Kollektion
Aldi Original Kollektion

So bekommst du die Aldi-"Original"-Kollektion

Die Aldi-"Original"-Kollektion kann man nicht kaufen. Man bekommt sie beziehungsweise fünf Items umsonst, wenn man zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist. Von Donnerstag, 17. bis Sonntag 20. September 2020 findet im Neuzeit Ost in der Modersohnstraße 49a in Berlin die "große Aldi Original Exhibition" statt, wie der Discounter auf seiner Website informiert. Donnerstags bis samstags zwischen 16 und 24 Uhr, am Sonntag zwischen 13 und 21 Uhr. Man kann die Teile auch gewinnen, nämlich auf dem Instagram-Kanal von Aldi Nord.

ml

Quelle: Noizz.de