“Zeit der Geheimnisse“ buddelt tief in den Abgründen einer Familiengeschichte und stellt dabei vier Frauen in den Mittelpunkt.

Es ist wieder so weit: Advent, Advent ein Lichtlein brennt. Bekanntlich teilt die Welt sich ja genau dann in exakt zwei Lager. Die einen, die echte Grinchs sind, also eigentlich alles an Weihnachten egal ist. Die anderen feiern alles an dieser Zeit des Jahres. Die Jahresendstimmung ist ihr Fest der Feste mit allem, was dazu gehört. Inklusive kitschiger Weihnachtsliedern (Tipp: Vielleicht mal Robbie Williams Weihnachtsalbum mit Helene Fischer hören) und Weihnachtsfilmen, nein noch besser: Weihnachtsserien!

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Blöd nur, wenn man beide Lager irgendwie vereinen muss. Aber naja, auch dafür haben wir vielleicht etwas für dich/euch: die dreiteilige Miniserie "Zeit der Geheimnisse" auf Netflix. Der Plot lässt sich relativ kurz zusammenfassen: Dreimal Weihnachten, drei Frauen, drei Generationen. Großmutter Eva, Tochter Sonja und Enkelin Lara und Vivi sind drei sehr unterschiedliche Frauen – vor allem, was ihre Erfahrungen mit der Liebe und dem Leben angeht.

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Aber trotzdem sind sie sich ähnlicher als sie denken. Und entdecken das ausgerechnet an Weihnachten, dem Fest der Liebe. Aber keine Panik: Allzu kitschig wird es nicht.

Sehe hier den Trailer zu "Zeit der Geheimnisse":

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Wir haben Svenja Jung und Leonie Benesch zum Start der Serie in Berlin getroffen. Die beiden sind ein eingespieltes Team, als hätten sie schon immer da zusammen in dem Hotelzimmer gelebt. Sie ergänzen sich gegenseitig, haben Insider – und machen der Interviewerin mit ihrer Ironie ein bisschen das Leben schwer. Aber auf eine charmante Art und Weise.

Eine etwas andere Unterhaltung über Familie, Rituale, Schwesternliebe und Frauenbilder – aber lest selbst.

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NOIZZ: Um das Thema mal abzuhaken: Habt ihr auch irgendwelche Weihnachtsrituale?

Leonie Benesch: Du darfst das zuerst beantworten! Du liebst das doch alles so sehr, ich reiß das dann danach wieder ein …

Svenja Jung: Okay, dann fang ich mal positiv an. Obwohl, wir könnten auch negativ anfangen und positiv enden …

Leonie Benesch: Nein, mach du mal lieber zuerst. Ich mag den zerstörerischen Faktor!

Svenja Jung: Also, bei uns ist das jedes Jahr so, dass wir zusammen den Weihnachtsbaum holen, ihn schmücken – und dass es dann jedes Mal Streit gibt, weil dieser Weihnachtsbaum einfach nicht in diesen Halter da reinpasst und er immer schräg steht. Da gab es schon richtige Ausraster. Und das passiert wirklich jedes, jedes Jahr. Nie passt da dieser Baum in diese Halterung rein! Ich weiß nicht, wieso … Aber vielleicht muss das so.

Bei uns ist meine Mutter ganz strikt: Nur sie darf den Baum schmücken. Wenn man das irgendwann mal darf, hat man glaub ich eine ganz andere Stufe erreicht …

Svenja Jung: Aber das ist ja gut, dann gibt es weniger Stress. Aber hier "Lametta wird auch immer weniger" stimmt schon, darf man ja jetzt auch nicht mehr benutzen.

Leonie Benesch: Das ist ja auch nicht so geil. Das hatten wir nie. Ich komme ja aus einer Öko-Familie – wir hatten immer nur so Wachsfigürchen …

Svenja Jung: Nee, das haben wir nicht, aber wir haben richtige Kerzen am Baum.

Leonie Benesch: Ja, wir auch.

Svenja Jung: Aber dazu haben wir auch noch die normalen Lichterketten.

Leonie Benesch: Echt? Das ist doch viel zu viel!

Svenja Jung: Ja, das leuchtet richtig krass. Deswegen streiten wir uns aber auch so viel, weil das Schmücken so kompliziert ist. Und jedes Jahr machen wir diese Spitze für den Tannenbaum kaputt … Okay, oft genug bin ich es. Ich bin halt ein Tollpatsch. Dann, was wir auch noch als Ritual machen, wir essen jedes Jahr Raclette an Weihnachten. Sonst gibt es bei uns nie Raclette! Wir gehen in die Kirche und fahren am zweiten Weihnachtstag alle zusammen Ski und sind dann bis zum 30. Dezember weg.

Klingt ja eigentlich ganz schön … Und wie sieht das Weihnachtsfest ohne Rituale aus?

Leonie Benesch: Nein, das ist ja gar keine Zerstörung …

Svenja Jung: Du findest es nur scheiße. (Lacht)

Leonie Benesch: Ich bin einfach kein Weihnachtsfan. Mir ist das einfach alles ein bisschen zu viel! Ich mach das nicht so gerne mit. Als Kind war es natürlich toll! Da gab es dann auch ganz viele wichtige Rituale. Und ja, stimmt, bei uns gehen meine Brüder und ich auch heute noch davon aus, dass unsere Eltern den Baum schmücken. Festes Ritual … weiß nicht so recht. Doch! Wir gehen am 24. nachmittags vor dem Festessen zusammen spazieren. Jedes Jahr.

Nochmal runterkommen, bevor der Weinachtsstress los geht.

Leonie Benesch: Ja, schon so ...

Aber das ist dann ja ein bisschen wie in "Zeit der Geheimnisse" – nur umgekehrte Rollenverteilung.

Svenja Jung: Ja, stimmt. Als Lara hast du schon Bock auf Weihnachten …

Leonie Benesch: Ja, Lara liebt Weihnachten. Aber Lara ist vielmehr so wie du …

Svenja Jung: Häh?! Ja echt, aber warum haben wir dann die Rollen andersrum besetzt?

Für die schauspielerische Herausforderung ...

Beide: (Ironisch) Ja, dass wir das erst jetzt merken ...

Jetzt werden wir aber Ernst: Wie waren die Dreharbeiten? Der Cast war ja ziemlich klein und ihr habt alles relativ schnell abgedreht.

Svenja Jung: Also ich muss ganz ehrlich sagen, so nah wie mit Leonie beim Drehen, das hatte ich selten.

Leonie Benesch: Ahhh ….

Svenja Jung: Ja, wirklich. Da hat man fast schwesterliche Gefühle entwickelt – die nicht nur auf Liebe basieren.

Leonie Benesch lacht lauthals los.

Svenja Jung: Das hat wirklich sehr schnell funktioniert. Das war aber auch den Umständen geschuldet. Wir sind sehr schnell sehr eng zusammengewachsen.

Leonie Benesch: Ja, also ich habe am zweiten Abend in Dänemark bei Svenja schon an der Tür geklopft und meinte zu ihr: "Svenja, du bist die einzige hier! Wie soll ich das bloß aushalten!"

Svenja Jung: Du musst wissen, ich kannte sie da ja gar nicht und habe sie nur einmal vorher beim Casting gesehen. Und dann stand sie da heulend vor meiner Tür, und ich war müde, und es war spät. Und dann konnte ich die ganze Nacht nicht pennen …

Leonie Benesch: Ey, ich bin schon um zwei gegangen!

Svenja Jung: Echt, so früh schon? Das kam mir viel länger vor … Aber seitdem ist das Eis gebrochen. Dann waren wir auch sehr schnell füreinander da, ohne uns groß zu kennen. Ich glaube, das hat auch viel damit zu tun, wie das im Spiel funktioniert hat als Vivi und Lara.

Leonie Benesch: Ganz eigentlich war das auch so schon geplant von mir ….

Svenja Jung: Ach so, Method Acting also. (Lacht) Jetzt sagst du mir das erst …

Sonst hätte das auch nicht so gut funktioniert …

Svenja Jung: Ha ha, ja. Nein, aber wir haben dadurch ein ganz schönes Selbstverständnis unter Schwestern entwickelt.

Leonie Benesch: Es gab auch nichts das einem peinlich war oder dass man nicht ansprechen konnte. Es war sehr entspannt.

Svenja Jung: Ja, aber gerade im Film ist es ja oft so, dass Geschwister sehr nah und eng gezeigt werden. Die kuscheln und lieben sich nur – von wegen: Das sind Schwestern, die sind so. Aber so ist es ja einfach nicht nur – also zumindest nicht bei mir. Es ist zwar schon ein selbstverständliches Band, das da ist, aber das muss man ja nicht die ganze Zeit durch Berührungen zeigen. Bei uns in der Serie funktioniert das auch sehr gut mit den Blicken und Gesten.

Gab‘s denn auch Momente, die sehr anstrengend waren, dadurch, dass man sich so nah war?

Leonie Benesch: Nee. Das einzige, was vielleicht ungewöhnlich war, war, dass wir in anderthalb Wochen alle Außenaufnahmen in Dänemark gemacht haben und danach alle Innenaufnahmen in Budapest. Dadurch waren die Tage sehr lang, und das war anstrengend, aber nicht wegen der Nähe.

Svenja Jung: Aber die Zeit in Budapest und Dänemark waren schon sehr schön.

Wenn man sonst Familiensagas im TV findet, dann steht doch meistens der Vater als Familienoberhaupt im Fokus. Hier ist das ja ganz anders. War das Projekt für euch dadurch noch spannender?

Beide: Ja, auf jeden Fall!

Svenja Jung: Ist ja auch die erste Netflix-Produktion in Deutschland, die aus weiblicher Hand kommt. Wir haben eine Drehbuchautorin, eine Regisseurin, vier weibliche Hauptdarstellerinnen. Und wir bestehen den Bechdel-Test!

Leonie Benesch: Ja!

Svenja Jung: Ich habe das nochmal nachgelesen: Es müssen mindestens zwei weibliche Figuren in einer Szene sein. Die dürfen nicht über einen Mann reden und nicht über irgendwelche anderen Frauenthemen. Und wenn es mehr als zwei Frauen sind, müssen alle einen Namen haben. So richtige Basic-Sachen, die aber trotzdem nicht viele Filme schaffen.

Leonie Benesch: Dafür aber wir!

War es denn auch eine andere Dynamik am Set, wenn fast nur Frauen die federführenden Aufgaben übernehmen?

Leonie Benesch: Ich würde sagen, die Dynamik ist, je nachdem, welche Menschen am Set sind, immer unterschiedlich. Das ist nicht zwingend an Frauen oder Männer gebunden. Ich bin hier nicht vom Set nach Hause gekommen und habe gedacht "Wie herrlich harmonisch das jetzt war, weil wir alle Frauen sind!" Gar nicht. Ich bin auch immer sehr vorsichtig, sobald Leute behaupten, die Welt wäre besser, würde sie nur von Frauen regiert … Männer und Frauen können gleichermaßen kompliziert sein. Aber es war trotzdem sehr schön, Teil dieses Projekts zu sein, weil es das eben so selten gibt – dass eher Frauen einen Film machen, statt Männer. Das gibt einem das Gefühl, dass man merkt, da geht noch mehr und es wird noch mehr möglich sein. Damit man eben nicht mehr darüber redet, wie außergewöhnlich das doch ist. Es wird auch immer mehr Produktionen geben in dieser Richtung. Ich finde Kathy (Katharina Eyssen, Drehbuchautorin Anm. d. Red.) auch einfach sehr inspirierend.

Svenja Jung: Ja, total. Sie war auch die Zeit am Set mit dabei und ist eine unfassbar gute Showrunnerin. Es geht einfach darum, dass die beiden, Katharina Eyssen und Samira Radsi, es total draufhaben. Sie wurden genommen, weil sie gut sind. Und darum geht es. Nicht, weil sie Frauen sind.

Aber es ist ja noch immer nicht selbstverständlich, auch im Jahr 2019, und deswegen muss man das vielleicht manchmal mehr betonen.

Svenja Jung: Definitiv, und es freut uns ja auch, als Serie da einen Teil zu beizusteuern. Und zu zeigen, dass daraus auch was Tolles entstehen kann.

NOIZZ: Was bedeutet Familie eigentlich für euch oder eure Figuren in der Serie?

Svenja Jung: Für mich bedeutet sie Ursprung und Identität. Ich glaube, darum geht es auch ganz viel in der Serie. Meine Figur, Vivi, geht es ganz viel darum, dass sie nicht weiß, wer ihr Vater ist, und auch ihre Mama ist selten da. Man sieht ja als 2004-Vivi, wenn sie etwas kleiner ist, hängt sie noch sehr an ihrer Mama. Je älter sie wird, desto mehr verändert sich das, und man merkt, welche Auswirkungen das darauf hat, wer sie jetzt ist oder welche Person sie geworden ist. Ich glaube, für sie geht es viel darum, wer sie eigentlich ist und wohin sie gehört. Und all diese Frauen in der Serie sind eben Teile von ihr. Es gibt in der Serie eine schöne Szene, in der die Uroma von Vivi zur kleinen Eva sagt, wenn sie ihr sagt, dass sie Angst hat, ihren bereits verstorbenen Papa zu vergessen: "Dein Papa ist immer in dir drin, alle, die vor dir kommen, bist du, und alle, die nach dir kommen, da sind wir mit drin. Verstehst du? Dein Herz vergisst nie" – Und ich finde, das beschreibt 'Familie' sehr gut.

Leonie Benesch: Lara ist ein Mensch mit einem ganz, ganz großen Sicherheitsbedürfnis und sehnt sich nach Familie, die ihr Rückhalt geben kann. Alles soll schön und geregelt sein, alles richtig gemacht werden. Sie hat ihre ganze Kindheit damit verbracht, von Sonja und vor allem Lara überschattet zu werden und kann sich damit auf den ersten Blick gut arrangieren – es gibt in Familien ja oft ein Kind, das viel still ist und aushält und ausgleicht. Natürlich liegt darunter aber der Wunsch und das Bedürfnis, gesehen zu werden. Und der Wunsch nach Frieden.

Und was bedeutet Familie dann für dich ganz persönlich?

Leonie Benesch: Für mich bedeutet Familie – also es ist ja so: Man sucht sie sich nicht aus. Ich liebe meine Familie sehr, aber alle auf einem Haufen und dann noch an Weihnachten, das kann ein bisschen viel sein. Da ist dann auch noch der Druck dabei, dass alles ganz toll sein soll (und ja, für den Druck bin ich auch oft hauptverantwortlich). Einzeln ist super! Meine Mama hat mich bei den Dreharbeiten in Budapest besucht, sie war sogar eine halbe Stunde am Set. Und ich habe drei jüngere Brüder, den einen habe ich neulich in Hamburg besucht, der andere war vor ein paar Wochen bei mir in London … so finde ich das ganz toll. Was Familie angeht, finde ich beängstigend, wie wenig Einfluss man darauf hat, wem man ähnlich wird. Ich weiß jetzt schon, dass ich mit dem Alter wahrscheinlich genauso werde wie die Person, die ich in meiner Familie am anstrengendsten finde. Ich kann mir was vormachen und wegziehen, alles anders machen, aber ich glaube, es führt kein Weg daran vorbei. Eine Art Fluch! Kann man nix machen, muss man drüber lachen.

"Zeit der Geheimnisse" kannst du ab sofort auf Netflix streamen.

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Quelle: Noizz.de