QAnon, Pizzagate und Bill Gates, die Szene der Verschwörungstheorien blüht wie nie zuvor und ist mittlerweile auch bei den Stars und Influencern angekommen, die fröhlich die gefährlichen Fake News verbreiten. Im Interview erklären uns die sympathischen Moral-Apostel der YouTube-Welt, Robin Blase aka. Robbubble und David Hain, wie es soweit kommen konnte.

Die Stars und Internetpersönlichkeiten, die sich aktuell mit Verschwörungstheorien in die öffentliche Diskussion bringen, sind mittlerweile nicht mehr an zwei Händen abzuzählen. Fast täglich wird ein neuer Post von einer Person des öffentlichen Lebens abgeseilt und schlägt mit kruden Theorien um sich.

Sei es ein Schauspieler, der für mittelprächtige Romcoms berühmt ist oder Senna Gammour und ihr alter Tanzcoach Detlef D! Soost – scheinbar haben genau diese Menschen gerade den Drang ihr angebliches Wissen mit der Welt zu teilen und ihre Entertainer-Profession zu Gunsten von Ken Jebsen zu vernachlässigen. Neben den A-Z-Fernsehpromis dieser Gesellschaft kann natürlich auch der/die ein oder andere Influencer*in nicht mehr innehalten und streut Zweifel, Misstrauen und offenbart pure Unwissenheit.

So auch das Youtuber-Pärchen Luna Darko und Ardy. Die beiden gehören wohl eher zu der ersten Generation der deutschen YouTube-Celebrities und hatten sich eigentlich immer durch ziemlich kritische Videos zum Thema Medien, Nachhaltigkeit und Konsum hervorgetan. Doch auch sie sind Ken Jebsen auf den Leim gegangen und teilten eines der Videos, des "Journalisten", über den ich schon früher auf dem Schulhof Witze gemacht habe, mit ihrem jungen Millionenpublikum.

Genau deshalb hat sich aus den eigenen Reihen eine kleine Instanz gebildet: Die Lästerschwestern. Seit mittlerweile über hundert Podcastfolgen und zwei Jahren kommentieren die YouTuber und Produzenten Robin Blase und David Hain die eigene Szene und scheuen sich nicht dabei die Übeltäter*innen anzuprangern und holen sich dafür auch des Öfteren wissenschaftliche Unterstützung. Auch bei uns helfen sie heute, die aktuellen Verschwörungshype seitens der Stars besser zu verstehen und einzuordnen.

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NOIZZ: Ich habe das Gefühl, es gibt gerade so einen Wechsel von der Kommentarspalte in die Videos, in den Content direkt. Wie empfindet ihr das von eurer Seite aus?

David Hain: Ich finde es halt krass, dass die Leute, die von sich behaupten, dass sie besonders aufgeklärt seien, dass sie besonders woke wären, mit genau dieser Narrative raus gehen und diese sehr offensichtlichen Verschwörungstheorien verbreiten. Das hat der Fall Luna Darko und Ardy ziemlich gut gezeigt. Die beiden waren immer diejenigen, die gesagt haben: "Hey ihr habt auch als Influencer eine Verantwortung, nutzt die doch weise und verbreitet nicht irgendwelchen Scheiß." Und jetzt rutschen sie in dasselbe Ding. Dass sie diesen Umkehrschluss gedanklich gerade gar nicht hinbekommen, ist für mich fast unbegreiflich.

"Wenn du eine Zielgruppe von 500.000 Leuten hast, dann hältst du vielleicht einfach besser mal die Schnauze"

Könnt ihr noch mal erklären, wie das weiterging, nachdem Luna das Ken-FM-Video geteilt hat und vor allem wie der argumentative Verlauf war?

Robin Blase: Letztendlich ist es darauf hinausgelaufen, dass sie zwei Videos dazu gemacht haben. Ein fast zweistündiges Statement, wo sie auf diese ganze Kritik eingehen und versuchen, die Kritik zu verstehen. Der letzte Höhepunkt war aber ein Livestream, wo sie Staiy eingeladen haben, um mit ihm darüber zu sprechen. Innerhalb des Streams haben sie dann realisiert, warum das, was sie gesagt haben, viel Kritik bekommen hat, aber nicht, was konkret falsch daran ist.

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David: Das ist genau das Ding. Sie sagen in dem Stream oft Sachen wie 'Ah man merkt schon, solche Sachen sollte man nicht in der Öffentlichkeit sagen.' Also es ist nicht so, dass die erkennen, dass der Gedankengang falsch ist, sondern eher, dass ihre Erkenntnis ist, das sag ich vielleicht nicht laut, sondern denke es nur in meinen vier Wänden. Was schon okay ist: Wenn du eine Zielgruppe von 500.000 Leuten hast, dann hältst du vielleicht einfach besser mal die Schnauze. Man konnte ihnen einfach live beim nicht-checken der Aussagen zuschauen. Sie haben auch immer mal gesagt, dass sie sich nicht so gut mit Impfen auskennen, posaunen ihre Meinung aber gleichzeitig mit einer Selbstverständlichkeit an so viele Leute raus. Das ist das Katastrophale daran: Sobald es nicht um Tiere und Nachhaltigkeit geht, schaltet sich da oben offenbar was ab, gleichzeitig stehen die aber irgendwie für eine gewisse Art von Reflexion.

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Der Umgang mit Verschwörungstheoritiker*innen

Ihr habt das jetzt, wie üblich öffentlich in eurem Podcast angeprangert und auch mit Wissenschaftler*innen darüber geredet. Ist das für euch jetzt der richtige Weg, damit umzugehen?

Robin: Also es gibt ja zwei Sachen, die problematisch sind. Da sind zum einen sehr prominente Menschen mit großen Followerschaften, wie jetzt auch die beiden, die anfangen Verschwörungstheorien zu teilen und dadurch viele darauf aufmerksam machen, die das vielleicht einfach für bare Münze nehmen ohne das groß zu hinterfragen. Ich glaube da – und das war auch das Fazit der Expertinnen – ist es wichtig, sich dagegen zu stellen, weil man damit vor allem den mitlesenden signalisiert, dass man das hinterfragen sollte. Das andere Element ist dann im privaten Umfeld, das da Leute anfangen, Verschwörungstheorien zu verbreiten. Da ist ein langsamer und sehr emphatischer Approach aber wahrscheinlich der effektivste. Leute mit zig Artikeln zu bombardieren oder zu kommentieren, ist meist überfordernd. Da ist es vielleicht besser einfach Rückfragen zu stellen und fast interessiert zu wirken. Aber mit den Fragen fällt das Kartenhaus eigentlich schon relativ schnell zusammen.

Ken Jebsen wird ja bekanntermaßen nicht mehr beim RBB oder bei den deutschen Zeitschriften veröffentlicht, weil seine unjournalistische Arbeit – Presseausweis hin oder her – keinem Redaktionscheck standhalten würde. Auf YouTube hat er aber ein Millionenpublikum gefunden. Ist das Problem also auch eines dieses Netzwerkes?

Robin: Da ist YouTube auch schon oft für kritisiert worden, dass da nicht genug gemacht wird und die Videos in den Trends landen. Da haben die aber schon Sachen dran geändert: Es wird bei Verschwörungstheorien nicht mehr so viel aus der Verschwörungs-Bubble in die Vorschläge genommen, damit man nicht in den Strudel kommt. Aber deshalb weichen die Leute ja auch auf Telegram und irgendwelche Ersatzplattformen aus und verbreiten die Videos über andere Kanäle. Das ist aber alles jetzt nicht neu. Wir beobachten das seit Jahren und sind seit Jahren beängstigt davon, wie krass die wachsen. Durch Corona geht das jetzt aber einfach durch die Decke.

David: Es ist gerade superschwierig und auch schade, dass sich die großen Plattformen nicht noch mehr dagegen stellen. Es wurde schon mal angekündet, dass YouTube Verschwörungstheorien mehr abstrafen würde. So richtig viel passiert da aber nicht, außer, dass sie demonetarisiert werden.

Robin: Was YouTube jetzt aber seit Corona eingeführt hat, ist dieser Link zu den offiziellen Informationen der WHO, der unter jedem Video steht.

David: Ja, aber das reicht ja nicht, um diese Verbreitung zu unterbinden: "Hey, besser diese Quellen lesen, aber by the way hier ist das Video, wo jemand erzählt, dass Ufos die Erde überrennen werden und genau diese offiziellen Institutionen lügen."

Robin: Sie können die aber auch nicht einfach löschen. Dass YouTube als amerikanische Plattform vorsichtig mit Free Speech und einer freien Meinungsäußerung umgeht, kann man auch verstehen.

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Aber irgendwie muss man da doch diese Freiheit eingrenzen, wenn bei solchen hohen Followerzahlen kein Bewusstsein über Konsequenzen und Reichweite und kein journalistisches Verständnis da ist, oder? Wie kann man da einlenken?

Robin: Das ist jetzt kein Problem der Influencer, sondern generell ein Problem der User-Generated-Content-Generation und kommt, weil jeder ohne Kontrollinstanz ein Massenmedium zur Verfügung hat. Xavier Naidoo, Till Schweiger und Detlef D! Soost, die hätten sich ja früher nur bei DSDS, in Talkshows oder Filmen äußern können und da hätte ja dann irgendwer ja noch mal drüber geschaut.

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David: Ich finde, das kann aber nur aus den eigenen Reihen kommen. Und das ist genau unsere Motivation, seit ein paar Jahren. Du hast ja immer wieder Leute, die dagegen halten. Entweder aus der eigenen Community oder aus den Reihen der Kolleg*innen. Wichtig finde ich, dass Leute, die ebenso große Reichweiten und Stimmen haben, sich dagegen stellen. Uns wird immer mal wieder vorgeworfen, dass wenn wir dem Ganzen noch Aufmerksamkeit geben, würden wir es nur verbreiten und pushen. Das sehen wir aber nicht so, denn du musst ja die Leute dagegen aufmerksam machen. Menschen müssen sehen, dass es dazu eine Gegenstimme gibt und die ist dann genauso wichtig. Aber es wird einfach keinen Aufpasser oder ein Lektorat für die Influencer-Blase geben und das müssen dann Leute machen.

Vom Shitstorm zur Morddrohung

Aber gerade herrscht da doch ein totales Ungleichgewicht, oder?

David: Klar, das machen auch immer weniger, weil niemand gerne einen Shitstorm hat oder sich ganz offen und klar mit Leuten anlegen möchte, die so große Followerschaften haben. Es wäre aber nötig. Das Problem ist auch, dass sogar wir beide schon gesagt haben, zu Personen, wo es stark ins rechte Spektrum geht, äußern wir uns weniger, weil man davon ausgehen muss, dass der Backlash gefährlich werden kann. Da wird schnell mit Morddrohungen um sich geworfen und da fällt diese Positionierung schnell schwer.

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Robin erklärt immer wieder neue absurde Theorien, und macht dabei klar wie sehr sich die einzelnen Verschwörungsaspekte gegenseitig widerlegen und man kein schlüssiges Bild daraus entsteht. Immer wieder driften wir in dem Gespräch, wie auch die beiden in ihren Podcast, ab ins Lächerliche. Genau das wird aber von den meisten Narrativen aufgegriffen. Ist Humor gerade wirklich der beste Weg?

David: Das Ding ist, da könnte man wirklich ganz herrlich drüber lachen und das haben wir auch immer wieder gemacht, aber so langsam ist der Punkt erreicht, wo "darüber lachen" nicht mehr so angebracht ist, weil es viel zu ernst geworden ist.

Robin: Ja, absolut. Ich habe zwei große Sorgen. Die eine ist jetzt dieser direkte Impact in der Pandemie. Also, dass Leute wirklich sterben, weil sie sich und andere nicht schützen, dagegen demonstrieren oder Corona-Parties feiern. Die Chance, dass sich jemand da einfach ansteckt und daran vielleicht sogar stirbt, die ist ja da! Das alles sorgt ja auch dafür, dass es in dieser Pandemie potenziell eine zweite Welle gibt und das Gesundheitssystem dann doch überlastet wird. Und das Zweite ist fast noch problematischer: Das ist die Sorge, dass man die Leute da nicht mehr raus kriegt. Dass, wenn die einmal in diesem Geschwurbel drin sind und Ken FM zuhören während Corona, dann hängen bleiben.

David: Das Gefährliche ist, dass die Theorien immer diesen Generalverdacht erheben. Wir alle müssen gerade der Regierung vertrauen, dass es dieses Virus wirklich gibt. Aber es gab ja nie den Punkt, wo dieses enorme Misstrauen gegenüber unserer Regierung gerade gerechtfertigt wird. Die haben nichts dafür getan, dass sie sich das redlich verdienen.

Robin: Und das ist dann letztlich unglaublich gefährlich für die Demokratie. Wir haben das schon vor dem Virus gesehen mit Leuten wie Trump, Bolsonaro oder dem Brexit. Und die Täter der letzten rechtsextremen Anschläge waren ja auch alle in Verschwörungstheorien oder QAnon-Gruppen verstrickt. Wenn Attila Hildmann dann Verschwörungstheorien verbreitet und so ein Bild mit Waffen postet, vor Tausenden Leute, die gerade in einer Krise, ob psychisch stabil oder nicht, einfach anfälliger für Verschwörungen sind, ist und bleibt das unglaublich gefährlich.

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  • Quelle:
  • Noizz.de