Viele haben die Rom-Com "The Kissing Booth" gefeiert. Die Teenie-Komödie war ein richtiger Netflix-Hit. Verstanden haben wir das nicht. Nun ist der heiß erwartete zweite Teil online – und macht absolut nichts besser. Achtung: Wir spoilern!

Gibt es irgendeinen Teenie-Film, der sich nicht an schon hundertmal durchgenudelten Mustern abarbeitet? Natürlich nicht. Die Tatsache aber, dass man Filmstoff benutzt, der im Prinzip wenig Raum für Freiheit lässt, bedeutet nicht, dass man einen Freifahrtschein für die vorhersehbare Klischeeschleuder auf Filmlänge bekommen hat. Scheint den Macher*innen von "The Kissing Booth" keiner gesagt zu haben. Gut dass es uns gibt.

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The Kissing Booth: Sexismus und toxische Männlichkeit

Im ersten Teil von "The Kissing Booth" konnte man einfach nicht anders: Man wollte Elle, Lee und Noah einen Nachhilfekurs in gegenwärtigen Genderdebatten geben. Wie eine Wurzelbehandlung ohne Betäubung fühlte es sich an, den dreien dabei zuzusehen, wie sie durch einen knallbunten Reigen aus Sexismus und toxischer Männlichkeit dümpelten.

Elle wirkt eigentlich cool und auf Zack. Gerettet werden muss sie aber dennoch ständig. Egal bei welcher Situation, ist zufällig auch immer wieder Testosteronbolzen Noah am Start, der sich für sie prügelt. Wie wahnsinnig männlich. Die überzeichneten Gockel in ihrem Leben, namentlich Lee und Bruder Noah, hindern Elle außerdem ständig daran, dass sie irgendeine Entscheidung selbst trifft.

Szene aus "The Kissing Booth 2"

Nicht mal neun Minuten in den Film hinein ereignet sich dann auch der erste grandiose Tiefpunkt: Als Elle Teile ihrer Schuluniform nicht findet (alles in der Wäsche – so ein Jammer!), zieht sie kurzerhand den viel zu kleinen Minirock an, aus dem permanent ihr kompletter Hintern hängt. Ihr Mitschüler greift zu, bestraft werden beide gleichermaßen vom Schulleiter. Begründung: Elle hätte sich ja mal vernünftig anziehen können. Ja, es fällt der Satz, dass dieser Rock einem Mann eigentlich keine Wahl lässt, als sich an ihr zu vergreifen (allerdings nicht vom Schulleiter, sondern von Noah). Die Tatsache, dass sie später mit dem Grapscher ausgeht, weil Jungs halt so sind, toppt noch alles.

Überhaupt wird in diesem Film permanent jede Entschuldigung genutzt, die Darsteller*innen möglichst unbekleidet zu zeigen. Pubertätshormone scheinen diese Gruppe Highschool-Kids einzig auf ihre animalischen Instinkte zu degradieren, die uns vor poppig bunter Kulisse zurück in die Steinzeit katapultieren.

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The Kissing Booth 2: Braveres Schnarchfest ohne Pointe

Keine Ahnung, ob sich die Produzent*innen des zweiten Teils "The Kissing Booth" die Sexismus-Kritik zu Herzen genommen haben. Insgesamt scheint man hier aber ein bisschen Nachhilfe bekommen zu haben. Es ist ein Wunder: Aber in "The Kissing Booth 2" agieren alle einigermaßen selbstbestimmt – wenn teilweise auch extrem unnachvollziehbar, was am sehr dünnen und vorhersehbaren Plot des Films liegt.

Wir treffen Elle 27 Tage nach dem Ende des ersten Teils wieder. Sie und Noah führen nun eine Fernbeziehung und diese hat natürlich ihre Tücken. Eifersucht und Vermissen sei Dank. Natürlich braucht es noch ein paar Widersacher, damit es auf den stattlichen 140 Minuten Spielzeit überhaupt was zu erzählen gibt.

Hauptdarstellerin Joey King auf einer Veranstaltung Anfang 2020.

Voilá: Marco betritt also die Szene. Bei Marco haben die Verantwortlichen keinen Gedanken verschwendet und tief in die Klischee-Kiste eines jeden Groschenromans gegriffen: Marco ist natürlich Musiker und kann sogar auf Spanisch singen. Generell ist er Naturtalent in ungefähr allem und natürlich mit voll weichem Herzen ausgestattet. Den schmachtenden Blick durch seine geschwungenen Wimpern – tief in die Seele eines Mädchens – übt er vermutlich jeden Tag vor dem Spiegel. Außerdem sieht er beim Trainieren so heiß aus, dass es in Elle direkt einen Hormon-Orkan auslöst und sie sich kaum halten kann. Man kennt's: Welche Frau reagiert nicht derart sabbernd, wenn sie ein sich bewegendes Sixpack sieht?! Ist doch der Grund, warum Frauen in Fitnessstudios reihenweise in Ohnmacht fallen. Und Schweine können übrigens auch fliegen.

Taylor Zakhar Perez spielt den Latino-Lover Marco. Na? Schon in Ohnmacht gefallen?

Selbstverständlich müssen die beiden aus einem an den Haaren herbeigezerrten Grund ganz viel Zeit miteinander verbringen, sonst wäre es nicht spannend. Währenddessen vergnügt sich Noah mit seiner neuen BFF Chloe, die aufgrund ganz dummer Zufälle so wirkt, als hätte sie was mit Noah. Alle sind aufgescheucht, alle sind hoch erregt, keiner hört einander zu und ständig gibt es künstlich vom Drehbuch provozierte Missverständnisse, die bei Menschen, die auch nur ein bisschen ihrer Kommunikations-Skills mächtig sind, niemals passieren würden.

Man wollte wirklich dringend an den Erfolg des ersten Teils anknüpfen. Hat wunderbar geklappt: Dieser Film ist, genau wie sein Vorgänger, eine Aneinanderreihung von Klischees, flachen Charaktere und gähnender Leere.

Teenie-Komödien müssen nicht das Rad neu erfinden, ganz sicher nicht. Man kann ihnen sogar einen unrealistisch-bombastischen Tanzwettbewerb verzeihen (als ob irgendwer auf der Welt für ein bisschen Computerspiel-Rumgehopse 50.000 Dollar gewinnt), man kann ihnen den finalen Showdown am Flughafen verzeihen. Man kann verzeihen, dass die meisten der Darsteller*innen aussehen, als seien sie 35 Jahre alt.

Man kann es aber nicht wegstecken, wenn die Story so dünn ist, dass man hindurchschauen kann. Hätten Elle und Noah sich vielleicht einmal richtig zugehört, wäre nach fünf Minuten schon erzählt gewesen, was wir am Ende erfahren: Die beiden gehören zusammen. Diese Erkenntnis hatte Elle übrigens schon im ersten Filmdrittel. Pointen sucht man hier ansonsten vergeblich.

Das Spannendste an diesem Film: Der Gossip um Elle-Darstellerin Joey King und Noah-Darsteller Jacob Elordi, die ein Jahr nach ihrer scheinbar hässlichen Trennung in "The Kissing Booth 2" wieder das Liebespaar geben müssen.

"Kissing Booth 3" ist übrigens bereits in den Startlöchern: Nun wird es darum gehen, ob Elle nun nach Harvard gehen und ihrer großen Liebe folgen wird – oder nicht. Wir können jetzt schon sagen, dass uns die Tapete an der Wand mit mehr Spannung erfüllt.

Quelle: Noizz.de