Ich gegen den Rest der Welt.

Alles ist gut. StudiVZ floriert und jeder definiert sich und seine Persönlichkeit über Gruppen. Ganz so wie im echten Leben. Ich war schon immer einer, der manchmal Manches übertreibt. Meine ICQ-Nummer, die mit 24 begann, und mein unendlicher WarSheep-Skill waren inzwischen für so ziemlich alle ultra-lame geworden.

Also fing ich an, mich noch viel mehr als andere über StudiVZ zu definieren: richtig, über Gruppen.

Runde 1

Erst gründete ich eine Gruppe mit dem Namen „Wer ist eigentlich dieser AIDS, dem niemand eine Chance gibt? – Für mehr Chancengleichheit und gegen Diskriminierung“. Ich schrieb Texte darüber, wie unfair ich es finde, a priori zu verurteilen, denn man müsse schließlich alle erst einmal kennenlernen, bevor man bösartig diffamiert.

Nun ja, dann wurde diese Gruppe gemeldet, und ich setzte mich mit dem Admin-Team des VZs auseinander: Ich vermittelte glaubhaft, dass ich lediglich auf die HIV-Problematik hinweisen wollte und ausschließlich karitative Zwecke verfolgte. So waren die erst mal beruhigt.

In der Zwischenzeit gründete ich „Pro Anna – Ein Lifestyle und eine Lebensphilosophie“. Ich schrieb darüber, wie toll es ist, zu hungern und überhaupt und sowieso. Und plötzlich explodierten die Mitgliederzahlen von Leuten, die offensichtlich keine Form von Ironie erkannten. Sie stimmten mir in allem vorbehaltlos zu.

Selbstverständlich kommunizierte ich nach kürzester Zeit erneut mit dem Admin-Team. Ich vermittelte (diesmal vermutlich weniger glaubhaft), dass das nun mal meine Form von (offensichtlicher) Ironie sei und ich darüberhinaus lediglich auf die Problematik hinweisen wolle und natürlich ausschließlich karitative Zwecke verfolgen würde. Das war K.o. Nummer eins.

#funfact: Mit neuem Namen trat ich der AIDS-Gruppe bei, die noch vor sich hin lebte. Administratorlos. Die Pro-Anna-Gruppe war gelöscht worden.

Runde 2

Alles total fancy und toll. Umzug von StudiVZ zu Facebook. Transporter gemietet, Gruppen reingworfen und ab ging die Post.

Beim Auspacken der Gruppen festgestellt: Scheiße, hier gibt’s gar keine sinnlosen Gruppen, fuck, wie soll ich mich jetzt identifizieren? Oder anders formuliert: Wo gibt's hier 1 Identifikationsangebot? (Okay, zugegeben, die 1 ist ein gereverster Anachronismus, aber kommt nice, oder?)

Und da waren sie, die bedeutungslosen Namen voller Bedeutung und Identifikation. Ich wollte, wie immer, mitspielen und irgendwie auffallen (sonst bringt mir ja die ganze Identifikation nix). Also hatte ich total krasse und ausgefallene Namen mit Wortspeilen und so. Ja, ich weiß, war oberkrass.

Und als ich meine Unterhosen zu oft gewechselt hatte (Mama hat gesagt jeden Tag!!!), wollte die Stasi-Abteilung vom Zuckerberg a.k.a. die FB-Special-Force  oder einfach das Admin-Team natürlich was? Richtig, meinen echten Namen #Ausweis.

Darauf hatte ich voll keine Lust, weil ich nebenher auch so 1 krasser Widerstandskämpfer bin und Datenschutz voll total wichtig finde. Also hab ich den Account sterben lassen (K.o. Nummer 2) und ...

Runde 3

... mich neu angemeldet. Und dann hab ich genau so weitergemacht, wie ich aufgehört habe. Mit dem kleinen Unterschied, dass ich meine Unterhosen nur noch so alle drei Monate wechseln konnte. Das hat mir schon irgendwie gestunken, aber gut, war okay.

Als ich dann irgendwann meinen Namen von „Ernst Deslebens“ zu „Opti Mystisch“ ändern wollte, war es wieder soweit. Das gute alte Admin-Team sperrte meinen Account und wollte meinen #Ausweis.

Ich war echt genervt. Ich überlegte kurz, ob ich meine Uni- oder Bahncard einscannen und fälschen soll. Dann googelte ich die Worte: „Spaß“, „Führerschein“ und „Generator“ oder so was ähnliches. Wie ich beim Einfügen des Bildes festgestellt habe, landete ich auf der Seite megasinnlos.de. Hier musste ich nur noch meinen Wunsch-Namen eingeben und ein Bild hochladen.

Also googelte ich erneut: „Passbild“, „Mann“ (das ist jetzt nix Sexistisches, aber die Mehrheit in unserer Gesellschaft würde mich vermutlich eher als Mann wahrnehmen). Ich wählte ein Bild, das mir einigermaßen okay erschien, und ab dafür.

Ernsts Fake-Führerschein wurde ihm zum Facebook-Verhängnis

Nun bahnten sich zwei klitzekleine Problemchen ihren Weg und stellten sich zwischen mich und mein Identifikationsglück. Es war nicht der Name „Deslebens, Ernst“ (natürlich wollte ich wieder zurück zu diesem Namen. Ist ja klar, wenn die mir vorwerfen, der neue Name sei nicht echt, behaupte ich, dass es der alte ist! Den haben die ja schließlich nie beanstandet).

Zum einen hatte der Führerschein statt einer EU-Flagge ein kleines Schweinchen abgebildet und zum anderen bin ich ein totaler und grandioser Fußball-Noob. Genau deshalb bemerkte ich auch nicht, dass das von mir so glorreich ausgewählte Passfoto (danke Google! und danke Merkel!) Robin Van Persie zeigte.

Egal, abgeschickt und Ruhe. Nach so circa zwei Wochen bekam ich eine Nachricht von Facebooks GSG 9. Die Füchse hatten rausgefunden, dass das Dokument nicht echt ist. Verdammt, sie waren mir also auf die Schliche gekommen, das müssen richtig krasse Dudes sein!

Wir werten das als K.o. Nummer 2, auch wenn Bewacher der Ordnung und Sammelwut mir bis zum heutigen Tage erlauben, 1 echtes Dokument nachzureichen, um so mich und meinen Account wiederzubeleben.

Runde 4

Hello World. Lustig, bei der Registrierung darf man sich nennen, wie man will. Okay, sie weisen einen darauf hin, dass nur echte Namen verwendet werden dürfen. Aber das stufe ich wie Ampeln ein: mehr so als Vorschlag.

Also neues Profil, neuer Name, neue Hobbys, neue Lieblingszitate, neues Leben. Mühsam aufgebaut, ich hatte echt kein' Bock mehr. Und ich glaube, mein „Freundeskreis“ auch nicht. Dieser ist im Verlauf des Prozesses radikal geschrumpft.

Es schleicht sich schon langsam das Gefühl der Einsamkeit bei mir ein, wenn ich alleine am Esstisch sitze. Meine Identität begann gnadenlos zu bröckeln. Ich vermute, dass 1 Freund (ja klar, ein Scheiß, von wegen Freund! Danke Merkel!) mich gemeldet hat. Dabei war das, was da an Friendrequests übriggeblieben war doch die Essenz meiner Bestis. Verraten vom Leben ging ich das 4te mal K.o., ganz ohne Gegenwehr.

Was mir geblieben ist

Die kraftlose Akzeptanz meines letzten K.o.s steht für meine Identität und mein Leben im Web 2.0. Was ist aus meinen schillernden und ständig neugebohrenen Gruppen- und Namensidentitäten geworden?

Ein vom System zermürbter und angepasster One-Hit-Account. Leer und leblos. Das macht die Integration. Ich bin quasi tot und bewegungsunfähig. In einer Welt die ich nicht verstehe und die mich nicht versteht. Wie soll ich mich nur mit Stillstand identifizieren?

Nichtsbedeuntende, dafür wechselnde Inhalte zu teilen, ist genauso, als würde man glauben, man wäre ein neuer Mensch, nur weil man ein neues T-Shirt angezogen hat. Die Online-Welt hat mich getötet. Danke Merkel für nichts!

Quelle: Noizz.de