Der Film von Steven Soderbergh wurde nur mit einem Smartphone gedreht.

Eine junge Frau verlässt ihre Heimatstadt, um ihrer belastenden Vergangenheit zu entfliehen und beginnt einen neuen Job. Als sie jedoch unfreiwillig in einer psychiatrischen Einrichtung festgehalten wird, wird sie mit ihrer größten Angst konfrontiert – aber ist sie real oder nur ihre Einbildung?

Da anscheinend niemand bereit ist, ihr zu glauben und die Behörden ihr nicht helfen können oder wollen, muss sie sich mit ihren Ängsten direkt auseinandersetzen.

Der psychologischer Thriller "Unsane - Ausgeliefert" von Regisseur Steven Soderbergh kommt am Donnerstag, 29. März 2018, in die Kinos. Um die unheimliche Thematik hinter dem Film näher unter die Lupe zu nehmen, hatten wir die Chance, einige Worte mit dem deutschen Kriminalbiologen Mark Benecke zu wechseln.

Mark Benecke in seinem Element Foto: Christoph Hardt / Promo

NOIZZ: In "Unsane" wird Hauptcharakter Sawyer Valentini so sehr von einem Stalker belästigt, dass sie sich gezwungen fühlt, in eine andere Stadt zu ziehen. Ab wann wird ein Mensch als Stalker kategorisiert?

Mark Benecke: Wenn ein Mensch einem anderen mehrfach unerwünscht auf die Pelle rückt - körperlich oder durch irgendwelche Mitteilungen.

Wie sehr kann ein Stalker der Psyche seines Opfers schaden?

Benecke: Hängt vom eigenen Charakter ab. Wer gelernt hat, unangenehme Dinge wegzulachen oder sich zu wehren (oder beides), der wird weniger mitgenommen. Wer sich in die Rolle des oder der Verfolgten einordnet, kann es sehr hart spüren - als Schlafstörung, Panik, wenn das Telefon klingelt, bis hin zu echten Posttrauma-Folgen, wie bei Menschen, die im Krieg waren.

Es gibt einen wirklich guten, komischerweise kaum bekannten Film von John Lennon und Yoko Ono dazu: "Rape". Die darin verfolgte Person weiß offensichtlich nicht, dass sie sich recht einfach wehren kann: durch Öffentlichkeit und Polizei. Sie verschanzt sich in ihrer Bude und schmeißt die beiden Verfolger einfach nicht raus, bis einiges zu Bruch geht.

Diese Stimmung finde ich ganz treffend für das Gefühl, das viele gestalkte Menschen haben.

Wie realistisch ist es, dass Menschen sich - so wie in "Unsane" - aus Versehen zwangseinweisen?

Benecke: In modernen, demokratischen Ländern passiert das echt nicht. Ich arbeite in Deutschland regelmäßig mit nervlich sehr schwachen Klienten und nehme an psychiatrischen Tagungen teil, bei denen wir auch auf die Stationen gehen. Dort herrscht spürbar der Geist, Menschen zu ermuntern, wieder zu Kräften zu kommen und ins Leben zu gehen, anstatt sie unnötig zu behandeln.

Wenn ich mich recht erinnere, hat es meinen Kollegen, den Biologen Schores Medwedew, unter Stalin fast erwischt, so wie Tausende anderer bei den großen Zwangspsychiatrisierungsaktionen in der Sowjetunion. Man hat dabei manchmal versucht, eine entfernte Art der Selbsteinweisung hinzubiegen. Der bekannte Dichter und Faschist Ezra Pound wurde auch psychiatrisiert, allerdings musste er sich nicht selbst einweisen.

Für einen Horrorfilm ist es aber eine großartige, weil eben superbeklemmende Idee - der wirklich blankest mögliche Horror, den ich mir vorstellen kann.

Weniger Filmtechnik geht kaum Foto: Promo

Können enorme Angstzustände zu Halluzinationen führen? Was führt generell zu Halluzinationen?

Benecke: Das ist eine Einzelfallsache. Wenn ich sehr viel Angst habe, dann achte ich auch mehr auf Details, die mich wegen der Aufregung und falscher Einordnung weiter ängstigen können. Das sind aber keine Halluzinationen, sondern vielleicht sehr feste, vielleicht auch überbewertete Eindrücke.

"Echte" Trugbilder, die nicht aus dem Augenwinkel oder im Schreck entstehen, entstehen durch Substanzen wie LSD, hohe Mengen THC aus Cannabis, Schlafentzug, Schizophrenie oder ähnliches.

Gibt es für Betroffene eine Möglichkeit, den Unterschied zwischen Realität und Halluzination zu erkennen?

Benecke: Na ja, wenn ich die Überzeugung sehe, mit der manche Menschen ihren Fußballverein oder ihre Religion für wahr und gut halten, dann kann ich mir schon vorstellen, wie sich Menschen mit echten Halluzinationen fühlen müssen.

Im Alltag frage ich einfach andere Menschen, ob sie etwas Komisches auch sehen oder hören. Bei Überzeugungen verschwimmt die Grenze aber: Ist das jetzt eine Spionagekamera oder doch eine Kreuzschlitzschraube gewesen? Denn es gibt Kameras, die in Kreuzschlitzschraubenköpfe eingebaut sind ... Es ist nicht immer ganz leicht zu prüfen, was man sieht, wenn man es nicht zerlegen kann, sondern "nur" sieht.

Wenn es Zwischenstufen sind, hilft ein Logikcheck: Wo sollen die Schlümpfe herkommen, die gerade durch den Schnee laufen und singen?

Sawyer Valentini Foto: 20th Century Fox / Promo

Wie entstehen Paranoia?

Benecke: So ähnlich wie Halluzinationen: durch vielleicht schon vorhandene überwertige Überzeugungen, Drogen, Schizophrenie, also Gehirn-Botenstoff-Veränderungen und dergleichen. Es gibt - wie gesagt - auch immer Zwischenstufen.

Wie wahrscheinlich ist es, dass ein grundgesunder Mensch paranoide Verhaltensweisen entwickelt?

Benecke: Wenn's dauerhaft sein soll, dann ist das sehr selten. Gesunde Menschen haben ja auch gesunde Möglichkeiten, eine Wirklichkeitsprüfung durchzuführen. Kurze psychotische Erlebnisse kommen etwa bei einem Prozent aller Menschen vor, weltweit und egal, in welcher Kultur.

Jeder kann aber in bestimmten Bereichen seines Lebens ziemlich "paranoid" im umgangssprachlichen Sinn werden. Dann sehe ich beispielsweise die Haarfarbe oder Frisur einer Person, die mich wirklich geärgert, verfolgt oder tyrannisiert hat, in der Einkaufsstraße und mir wird schlecht oder ich kriege Herzrasen. Solche Begegnungen meide ich dann vielleicht für andere auffällig, überstark und "paranoid". Das ist aber ein natürlicher Vorsichtsmechanismus des Gehirns, der dennoch lästig werden kann.

Psycho-Horrorfilme spielen damit, die Grenzen zwischen echter Krankheit, kürzeren Episoden und Alltagsangst zu verwischen.

Sawyer in der psychiatrischen Einrichtung Foto: 20th Century Fox / Promo

Im Film versucht die Mutter von Sawyer, ihrer Tochter zu helfen. Wenn ich mitbekomme, dass ein Familienmitglied, Partner oder Freund paranoide Verhaltensweise aufweist: Wie kann/soll ich da reagieren?

Benecke: Abklären und besprechen, was genau die- oder derjenige denkt oder fühlt. Das ist im Alltag kein Problem: Offene Gespräche, eine gute Atmosphäre, Vertrauen. Sobald es klinisch wird, muss ein Profi ran, denn was ist mit magisch-religiösen Erfahrungen? Sind die schlimm? Sind sie krankhaft? Wie sehr spielt eine Sucht in die Paranoia und ist die "echte" Ursache, unabhängig vom echten Angst-Inhalt? Wieviel Einsicht hat er Mensch, ist er beispielsweise intelligenzgemindert und versteht die Umwelt gar nicht so richtig?

Da helfen dann freundliche, offene Gespräche im Familienkreis nicht mehr, sondern nur noch eine saubere Untersuchung durch psychologisch oder psychiatrisch beweisbar geschultes Fachpersonal.

Nachdem Sie den "Unsane"-Trailer gesehen haben, was würden Sie Sawyer Valentini diagnostizieren?

Benecke: Im Trailer ist dazu nichts Genaues zu erkennen. Als Spurenkundler würde ich erst mal kriminalistisch prüfen, was genau wann genau wo genau wem genau - ganz wichtig: durch Spuren belegbar - passiert ist.

Wie sollte sich ein Mensch, der sich in einer ähnlichen Situation wie Sawyer befindet, verhalten?

Benecke: Diese Frage ist gruseliger, als sie sich anhört. Da ich in einer Psychose ja überzeugt bin, dass alle anderen spinnen, müsste ich mich mit allen Mitteln "befreien". Das ist aber schon alleine deshalb kein guter Rat, weil ich mich ja immer - auch ohne Psychose - irren kann. Sich beruhigen und eins und eins zusammen zählen, ist eine gute Idee, aber unter Stress und Angst ist das den meisten Menschen auch nicht möglich. Im Grunde ist das Problem unlösbar. Eben einfach Horror ...

Sawyer Valentini ganz allein Foto: 20th Century Fox / Promo

[Disclaimer: Das Interview hat Willi Wudtke von Pure Online geführt. Wir fanden es aber so erhellend, dass wir es mit leichten Veränderungen gerne veröffentlicht haben.]

Quelle: Noizz.de