Ein zahnloses Sex-Symbol bringt Fans in Wallung.

Als ich am 24.07. das Badehaus in der Revaler Straße in Berlin betrete, spielt eine Vorband gerade eine Metal-Interpretation von „Lila Wolken“. Ein bisschen trashig, aber irgendwie auch ein bisschen geil – so könnte das Motto des ganzen Abends lauten, denn an diesem Tag spielt Crazy Town in Berlin.

Anfang der 00er-Jahre war eine Welt ohne Schmetterling-Ladies und Sternchentattoos undenkbar, aber knapp 17 Jahre später müssen Crazy Town auf eine Geschichte voller Tragödien zurückblicken. Ein One-Hit-Wonder möchte man die Band aus Los Angeles nicht schimpfen, denn auf auch bei Titeln wie „Toxic“ oder „Drowning“ erinnert man sich nach den ersten Tönen an eine Zeit, in der Nu Metal mindestens so angesagt war wie Trap heute. An eine Zeit, in der MTV und VIVA noch relevant waren und die tätowierten Astralkörper von Seth „Shifty Shellshock“ Binzer und Bret „Epic“ Mazur noch alle paar Minuten über die Flimmerkiste liefen.

Trotzdem ist ihr einzig erfolgreiches Album „The Gift of Game“ länger her als das Profidebüt von Philipp Lahm. Das Comeback-Album aus dem Jahre 2015 „The Brimstone Sluggers“ wurde zwar nicht zerrissen, kommerziell spielte es aber keine Rolle.

Von der ursprünglichen Besetzung steht im Badehaus außerdem nur noch Shifty auf der Bühne, da Gitarrist Rust Epique 2004 an einem Herzinfarkt und DJ AM 2009 an einer Überdosis starb und andere Mitglieder das Projekt nach und nach verließen. Multi-Instrumentalist und Rapper Bret „Epic“ Mazur war zwar 2015 noch am Comeback-Album beteiligt, stieg dieses Jahr allerdings ebenfalls aus der Band aus.

Das alles spielt an diesem Abend keine Rolle, denn kaum hat man sich ein Bier geholt und ist noch mal nach draußen geschlendert, trifft man Shifty am Fotoautomaten und drumherum, ständig bereit Fotos zu machen. Er selbst hat beste Laune und streunt lässig zwischen den 70 bis 80 Besuchern hin und her. Der Ruhm und die abertausenden Fans, die sich vor den Hauptbühnen sammeln, sind längst Geschichte. Nach Drogenentzügen im Reality-TV sind Auftritte wie dieser die Realität der heutigen Band.

Von den Besuchern ist kaum einer jünger als Mitte Zwanzig, viele waren 2000 mindestens an der Schwelle zur Pubertät und sind aus nostalgischen Gründen da. Aber: Viele nehmen die Band durchaus ernst.

Als der Hauptact endlich startet, schnellen alle direkt zur Bühne. Das Badehaus ist zwar nur halbgefüllt, aber man presst sich so nah an Shifty und Co, wie es geht.

Der Sound ist gut und Shiftys Reibeisenstimme macht von Anfang an warme Gefühle, die verschwommene Erinnerungen an eine Ära von „Tony Hawk's Pro Skater“ aus dem Unterbewusstsein ins Jetzt holt. Der Crossover aus Rock, Metal und HipHop führt zu wildenen Assoziationsketten. Plötzlich ist da „Heaven Is a Halfpipe“ von OPM, „Alive“ von P.O.D. und ganz viel Limp Bizkit.

Mit seinen 42 Jahren erfüllt Shifty die Rolle als Sexsymbol wundersamerweise immer noch. Ihm fehlen zwar ein paar Zähne, aber sein Körper ist gestählt. Bei Songs wie dem unterschätzten „Toxic“ kommt es vereinzelt zu Jubelausbrüchen. Zwischen den neuen Songs erkennt man noch „Lollipop Porn“ und bei „Black Cloud“ wird sogar kurz die Gänsehaut aktiviert, als der Song dem kürzlich verstorbenen Linkin-Park-Sänger Chester Bennington gewidmet wird.

Doch nichts täuscht darüber hinweg, dass die crazytown’sche Show auf einen großen Höhepunkt hinausläuft. Immer wieder schreit jemand ungeduldig „Butterfly“ oder wahlweise „Come my lady“. Die Band lässt sich jedoch nicht beirren, streut ein Gitarrensolo und ein Beispiel ihre Deutsch-Kenntnisse ein („Eins, zwei, drei, vier“). Langsam wird es schweißtreibend und Shiftys Stimme verwandelt sich vom Reibeisen zum Gemüseschaber.

Dann endlich ist es soweit und alles kulminiert. Der erste Anschlag auf der Gitarre ist noch nicht mal verhallt, da geht die Sonne in den Gesichtern der Menschen auf. „Come my lady, come come my lady, you’re my butterfly, sugar baby“, gehört lyrisch vermutlich zu den schlechtesten Zeilen, die die Band je geschrieben hat, aber das interessiert keinen. Es wird getanzt, es wird geschrien, bis nach etwas mehr als zwei Minuten alles vorbei ist. Darauf hat man also gewartet.

Unmittelbar danach bedankt die Band sich beim Publikum. Shifty wolle nur kurz eine Zigarette rauchen, dann gehe es weiter. An der Bar unterhält man sich, wartet. Bis die erste Teile des Equipments abgebaut werden. Ob man da etwas missverstanden hat, fragt man sich. Und ob es eigentlich schlimm ist, dass es das wohl war.

Ist es nicht.

Das Publikum trollt sich langsam, während die Band und die Belegschaft mittendrin die Sachen selbst zum Wagen tragen. Ein bisschen ergötzt man sich noch an den Nu-Metal-Kings, die Crazy Town waren.

Beim Rausgehen frage ich ein paar Fans, was die Band ihnen bedeutet.

„Sie haben mich als erste auf die Nu-Metal- und damit überhaupt auf die Metalschiene gebracht“, erklärt mir Kerstin (27) und ihre Freundin Mandy (31) erzählt ihre eigene Geschichte. Wie sie beim Gratiskonzert vor der Columbia Halle angestanden hatte und dann in der ersten Reihe vor der Helikopterbühne stand. In der Bravo und selbst bei Taff war sie damals zu sehen und den Poster-Starschnitt von Shifty hatte sie natürlich auch. Lara (27) meint lachend: „Ich hab mit neun Jahren ‚Butterfly’ schon komplett mitgerappt. Als ich es dann später verstanden habe, musste ich meine Unterhose wechseln.“

Fans Kerstin und Mandy auf einem Foto mit Shifty. Foto: Arne Lehrke / Noizz.de

Alle drei gehen ohne ein Gefühl der Enttäuschung nach Hause. Alle drei haben ein Foto mit Shifty gemacht und strahlen nach dem Auftritt im Badehaus. Ich für meinen Teil bin etwas verstört. Auf dem Rückweg nach Hause trällere ich trotzdem leise die Schmetterlings-Melodie vor mich her. Vielleicht war manches früher wirklich besser.

Quelle: Noizz.de