Selena Gomez wird in einer neuen Filmbiografie die lesbische Bergsteigerin Silvia Vasquez-Lavado spielen. Was das für die LGB­T­QI*-Community bedeutet, warum Gomez in Halle Berrys Fußstapfen treten sollte – und warum du ihre neue Rolle kritisch hinterfragen musst.

Würden heterosexuelle Schauspieler*innen keine queeren Rollen besetzen, die vergangenen Jahre hätten in Hollywood entschieden anders ausgesehen. Keine Auszeichnung für Darren Chris für seine Rolle des homosexuellen Serienkillers im Netflix-Hit "American Crime Story: Der Mord an Gianni Versace", keine Emma Stone als Bisexuelle in "The Favourite", kein Rami Malek als Freddie Mercury in "Bohemian Rhapsody" – die Liste ist lang und könnte sicher noch einige Absätze füllen. Während es schön ist, dass mittlerweile so viele Geschichten der LGB­T­QI*-Community auf die Leinwand gebracht werden (war ja auch mal anders), führt diese Aufzählung eindrücklich vor Augen, welche Rollen, Awards und Chancen queeren Schauspieler*innen entgangen sind.

Dabei könnte man meinen, es sei doch das gute Recht queerer Menschen, ihre eigenen Storys zu erzählen. Schließlich waren sie es, die lange gar nicht in der Traumfabrik stattfanden. Man könnte sich auch überlegen, dass sie den Schmerz und die Probleme sehr viel besser nachempfinden können, die man für so eine Rolle doch unbedingt verstehen muss. Zumindest ein Teil Hollywoods kann sich auf diesen Konsens mittlerweile einigen. Das Ergebnis: Eine Halle Berry tritt vor einigen Monaten von ihrer Rolle als trans* Frau zurück und entschuldigt sich aufrichtig, ebenso Scarlett Johansson im Jahr 2018. Wieder andere entziehen sich dem Diskurs, wie etwa ein Jared Leto, der als heterosexueller cis-Mann vor knapp sieben Jahren eine trans* Frau spielte und erst kürzlich die Rolle eines schwulen Mannes ergatterte: Künstler Andy Warhol.

Jared Leto – was geht bei ihm?

Aber nicht nur Jared Leto schert sich weniger darum, einer diskriminierten Minderheit auf den Schlips zu treten. Es gibt viele, die trotz eindeutiger Signale von Aktivist*innen und und Schauspielgrößen weiter die Meinung vertreten, Schauspiel sei nun mal Schauspiel. Menschen schlüpfen dabei in Rollen, nehmen Charaktere an, die nichts mit ihnen zu tun haben – und genau deshalb sei auch ein Leto als Warhol völlig okay. Dabei wird die emotionale Ebene der Gegenseite oft nicht mitgedacht:

Stell dir vor, du gehörst zu einer Minderheit

Sagen wir, du bist lesbisch. Du und deine Community wurdet jahrhundertelang unterdrückt und diskriminiert. Als du dich outest, will deine Oma nicht mehr mit dir sprechen, weil: "Du lebst jetzt in Sünde." Dein Vater verliert nie wieder ein Wort über deine Sexualität und tut so, als hättest du ihm nie dein wahres Ich gezeigt. Du hast schlechtere Chancen auf dem Jobmarkt. Wenn du in die Politik und in die hohen Ränge der Wirtschaft guckst, siehst du nur wenige, die so sind wie du.

>> Jared Leto spielt nach trans* Frau jetzt schwulen Andy Warhol – was hat er nicht verstanden?

Es ist nicht immer leicht, aber wenigstens stehst du zu dir selbst. Dann entschließt sich eine große Produktionsfirma, die Geschichte einer lesbischen Frau zu verfilmen. Endlich mehr Repräsentation! Großartige Neuigkeiten – bis du dir die gecastete Hauptrolle anschaust. Eine heterosexuelle Schauspielerin. Das kann schmerzen und dürfte auch dem heteronormativsten Menschen ever einleuchten.

Jetzt spielt Selena Gomez eine lesbische Sportlerin

So oder so ähnlich fühlen sich nun auch viele lesbische Frauen bei der Nachricht, dass Sängerin Selena Gomez in einem Biopic Silvia Vasquez-Lavado spielen wird. Vasquez-Lavado ist peruanisch-amerikanische Bergsteigerin. Im Juni 2018 absolvierte sie als erste offen lesbische Frau die Seven Summits, die höchsten Berge aller sieben Kontinente. Die 28-jährige heterosexuelle Gomez wird Vasquez-Lavado nicht nur spielen, sie produziert den Film auch.

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Vasquez-Lavado selbst freute sich auf Social Media über die Besetzung: "Ich fühle mich sehr geehrt und berührt, dass die mutige, talentierte und brillante Selena Gomez die Hauptrolle und die Rolle als Produzentin übernimmt." Gomez reagiert in einem Kommentar: "Es ist mir eine große Ehre, deine Geschichte zu erzählen, du bist eine große Inspiration."

Da kann man jetzt natürlich argumentieren: Naja, wenn die Vasquez-Lavado das toll findet, gibt es doch kein Problem oder? So einfach ist das aber leider nie mit Diskriminierung und nicht vorhandener Repräsentation. Natürlich hat eine Community immer anteilig kein Problem mit gewissen Graubereichen – und das ist auch völlig okay, aber heißt das im Umkehrschluss, dass man keine Rücksicht auf den Rest nehmen sollte, der sich verletzt fühlt? Die Gretchenfrage aller Diskriminierungs-Debatten.

Sollte man den besten Schauspieler*innen den Vortritt lassen?

Aber sehen wir mal ab von der emotionalen Ebene: Was wäre denn, wenn queere Rollen nur noch von queeren Künstler*innen gespielt würden? Der Aufschrei wäre groß. Während sich alle weiterhin darauf einigen würden, dass man Homosexuelle doch bitte auf gar keinen Fall diskriminieren soll, würde es trotzdem heißen: "Warum lässt man nicht einfach den*die besten Schauspieler*in den Vortritt, ungeachtet der sexuellen Orientierung?" Und, liebe Freunde, damit sind wir in einer ähnlichen Diskussion wie der des Gender Pay Gaps und der Frauenquote.

Auch hier heißt es aus dem einen Lager: "Warum lässt man nicht einfach den besten Arbeitskräfte den Vortritt?" Während man unterschiedliche Diskriminierungsformen natürlich nicht miteinander vergleichen kann, lohnt sich ein kleiner Blick in die Debatte um die Frauenquote:

Die Diskussion wird vor allem in der Privatwirtschaft seit einer gefühlten Ewigkeit kontrovers besprochen. Bisher lässt man die Unternehmen selbst entscheiden. Ein Blick auf die Zahlen verrät, wie gut das mit der Gleichberechtigung klappt, wenn man sie einfach so laufen lässt. Laut dem statistischen Bundesamt waren in Deutschland im Jahr 2019 nur rund 30 Prozent der Führungs­positionen von Frauen besetzt. "Damit blieb der Anteil im Vergleich zum Vorjahr unverändert. Im Vergleich zu den anderen Mitglied­staaten der Europäischen Union (EU) lag Deutschland nur im unteren Drittel." Läuft ohne Regelung also gar nicht mal so geil für die Benachteiligten.

Gilt ähnliches auch für den Fall LGB­T­QI*-Schauspieler*innen? Das kann man so natürlich nicht direkt in Stein meißeln – abgesehen davon, dass sich die Szenarien in vielen Feinheiten unterschieden. Am Ende ist es aber in beiden Fällen eine Perspektiven-Frage. Glaubst du, dass Menschen, die strukturell diskriminiert wurden, und immer noch werden, eine Hilfestellung benötigen oder: Bist du einfach nur ein Arschloch. :-)

  • Quelle:
  • NOIZZ.de