Naomi Smalls, Aquaria und Violet Chachki haben uns den Kopf verdreht.

Ein Elektro-Remix eines bekannten Popsongs ballert so viel Bass, dass schon fast der eigene Brustkorb vibriert. Die Musik ist laut und bringt das vollgestopfte Tempodrom in Stimmung. Plötzlich wird es dunkel und ein homogenes Massengekreische startet. Der Vorhang fällt und sieben wunderschöne Frauen in extravaganten Gewändern performen eine Gruppennummer – nur, dass es sich eben nicht um Frauen handelt, sondern um international angesehene Drag Queens aus der Schmiede von RuPaul höchstpersönlich. Plötzlich ist der Auftritt, der an Varieté erinnert, schon wieder vorbei. Der Vorhang schließt sich.

Michelle Visage, gefolgt von einem Spotlight, kommt in einem kitschigen, pinken Einteiler auf die Bühne und sekundenschnell sind die Schreie der Fans zurück. Außerhalb der Dragszene ist die amerikanische Moderatorin ein Niemand. Vielleicht kennt man den einzig richtigen Hit ihrer Band Seduction, "Two To Make It Right", aus dem Jahr 1989. Auf der Straße würde die 50-Jährige hierzulande wohl dennoch von niemandem erkannt werden. Für Fans von "RuPaul's Drag Race" ist Visage dagegen eine Göttin. Ihr bissige Art macht sie quasi zum Simon Cowell oder Dieter Bohlen der Castingshow für Drag Queens, die in Deutschland schon längst eine große Fanbase aufgebaut hat. Seit 2009 verteilt sie dort erstklassigen Shade, die sie auch an diesem Sonntagabend noch zu Genüge auspacken wird.

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Doch zuerst startet die legendäre "Drag Race"-Jurorin den Abend mit einer seriösen Botschaft: "Ich hab' mir vor einigen Wochen meine Brustimplantate rausnehmen lassen und fühle mich so gut, wie nie zuvor." Mit 21 hatte sich die Sängerin die ersten Implantate einsetzten lassen, da sie sich einfach nicht sexy genug fühlte, wie sie erzählt. "Das hat gar nichts verändert", so Visage. Denn statt ihrem Körper, war einfach ihre Einstellung zu sich selbst das Problem. Das änderten auch drei Brust-OPs nicht, wie sie dem Publikum näher bringen will. Und so startet die erste Dragshow für mich und meine Kollegin Lisa mit einer Portion Selbstliebe, die wir beide gut gebrauchen können – und die eben auch in der LGBT*-Community und der Dragszene unabdingbar ist. So: Nach dem kurzen Reality-Check geht das Spektakel endlich los.

Für alle, die noch nie bei einer solchen Performance waren: Eine Dragshow ist ein wilder Mix aus allem, was auf einer Bühne so stattfinden kann. Und so kann man sich als Drag-Jungfrauen wie wir schon mal fragen: Was ist das hier eigentlich? Ist das eine Modenschau? Ist das eine Karaokeperformance? Ist das ein Tanzwettbewerb? Eine Akrobatiknummer? NEIN, ES IST ALLES GLEICHZEITIG!!! Diese Reizüberflutung überfordert zwar, sorgt aber auch für ein regelrechtes High. Denn sobald die Einzelauftritte der Queens beginnen, jubeln und schreien wir so sehr, wie wir es bei keinem Konzert je getan haben.

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Nachdem wir in vollkommener Ehrfurcht die Schönheit von Naomi Smalls bewundern durften, sorgt Asia O'Hara aus der zehnten Staffel "Drag Race" mit ihrer Performance zu "All Of The Lights" von Kanye West und Rihanna für herunterhängende Kinnladen. Denn Asia lieferte eine Show ab, die mit ihrer Inspiration – keine geringeren als Beyoncé – definitiv mithalten kann. Der Body, die Tanzmoves und Attitüde von Asia hauen uns komplett vom Stuhl. Der epische Sound des Kanye-Songs tut sein übliches.

Danach setzt der amtierende "America's Next Drag Superstar", Aquaria, noch einen drauf. Gerade noch tanzt sie auf der großen Stage zu Lady Gaga, schon schwebt sie über dem Boden, dreht und windet sich sinnlich zu "Walking on Air" von Katy Perry. Das konnte am Ende des Abends nur Violet Chachki toppen.

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Die Gewinnerin der siebten Staffel von RuPauls Castingshow ist bekannt für ihre dünne Taille, bei deren bloßem Anblick einem schon schwindlig wird. Die Varieté-Queen zeigt nicht nur ihren Traumbody, der jede Cisfrau im Publikum neidisch macht, sondern auch eine waghalsige Akrobatiknummer auf einem schwebenden Drahtgestell, das, wie soll es auch anders sein, wie ein Penis aussieht. Augenscheinlich ungesichert, schwingt sich Violent samt zweier Typen mit Stripperbodys an dem fliegenden Dick auf und ab und beendet die zweieinhalbstündige Show mit einer wahrhaften Eleganza Extravaganza.

Der Abschluss der "Werq the World"-Tour

Als sich die sieben Queens gemeinsam mit Michelle Visage für eine letzte gemeinsame Performance auf der Bühne versammeln, wird einem noch einmal klar: Das sind keine biologischen Frauen, das sind biologische Männer. Das klingt jetzt vielleicht naheliegend, schließlich geht es hier um Drag, doch die Präsentation der Queens an diesem Abend ist einfach derart ausgefeilt, dass man wirklich vergisst, das es sich nur um erfundene Charaktere handelt.

Die Pos sind mit perfektem Padding geformt, die Perücken mit viel Kleber befestigt, das Make-up in stundenlanger Arbeit aufgetragen, die Tanzschritte wochenlange geübt: Drag ist eine Kunstform. Eine Kunstform, die einem als Cisfrau einmal wieder zeigt, dass Frausein einfach nur eine Reihe von sozialen und kulturellen Konventionen ist, die man von Geburt an beigebracht bekommt. Und genau deshalb kann jede*r eine Frau sein, der sich das wünscht. Und gleichzeitig sollten wir uns also nichts daraus machen, wenn wir aus diesem ausgedachten Muster fallen. Ist doch eh nur ausgedacht.

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  • Quelle:
  • Noizz.de