#MeToo-Debatte: Wir brauchen keine Website für „verdorbene Filme“

Julia Beil

Politik, Lifestyle & Mode
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Das passiert, wenn man bei „Rotten Apples“ nach der Serie „House of Cards“ sucht Foto: Promo / Rotten Apples

„Rotten Apples“ will uns zeigen, welche Filme wir nicht mehr schauen dürfen.

Harvey Weinstein ist ein Schwein, keine Frage. Frauen zu begrabschen, vor ihnen zu masturbieren und sie zu vergewaltigen, das ist das Letzte. Harvey Weinstein sollte für das bestraft werden, was er mit Angelina Jolie, Gwyneth Paltrow, Cara Delevigne und vielen anderen Frauen gemacht haben soll. Weinstein hat sogar „Fehlverhalten“ eingeräumt. Dass er Frauen vergewaltigt habe, bestreitet er bis heute.

Harvey Weinstein Foto: Richard Shotwell / dpa picture alliance

Ähnlich verhält es sich mit Kevin Spacey, dem Star der Serie „House of Cards“. Schauspieler Anthony Rapp beklagte, dass der Hollywood-Star ihn vor 31 Jahren auf einer Party sexuell bedrängt habe. Spacey soll den damals 14-Jährigen auf ein Bett gelegt haben und auf ihn heraufgestiegen sein. Auf Rapps Vorwürfe folgten zehn weitere Männer, die öffentlich sagten: Kevin Spacey hat mich sexuell belästigt.

Kevin Spacey Foto: Arno Burgi / dpa picture alliance

Wer jetzt fest entschlossen ist, aus Wut auf die beiden Männer keinen ihrer Filme mehr zu schauen, der verliert schnell den Überblick. Zu groß ist die Anzahl der Werke, bei denen einer der beiden mitgewirkt hat.

Doch Rettung naht, und zwar in Gestalt einer Art „Moral-Generator“: Die Webseite „Rotten Apples“ bietet einen Überblick über alle Filme und Serien, in denen ein #MeToo-Täter wie Weinstein oder Spacey beteiligt war. Einfach Titel des Werks eingeben und die Seite spuckt ihr Urteil aus. Tippt man „House of Cards“ ein, erscheint dieses Ergebnis:

Foto: Promo / Rotten Apples

„Rotten Apple“: Die Serie ist eine „verdorbene Frucht“. Denn Spacey spielt darin die Hauptrolle.

Nun habe ich folgendes Problem: Sowohl Harvey Weinstein als auch Kevin Spacey hängen drin in dutzenden von Filmen, Weinstein als Produzent, Spacey als Schauspieler. „Sieben“, „American Beauty“, „House of Cards“ – alles Filme und Serien, in denen Spacey uns begeistert hat. Weinstein (ko-)produzierte unter anderem „Gangs of New York“, „Pulp Fiction“ und „Scary Movie“.

Das alles sind tolle Werke. Sie alle haben eine Message. Sie alle haben mich auf die ein oder andere Weise berührt, aus allen habe ich irgendetwas mitgenommen. Zum Beispiel diese Zitate:

„Eigentlich könnte ich ja ziemlich sauer darüber sein, was mir widerfahren ist. Aber es fällt schwer, wütend zu bleiben, wenn es so viel Schönheit auf der Welt gibt.“ (American Beauty)

„Wir sind, was wir lieben, nicht, wer uns liebt.“ (Gangs of New York)

„Ernest Hemingway hat mal geschrieben: Die Welt ist so schön und wert, dass man um sie kämpft. Dem zweiten Teil stimme ich zu.“ (Sieben)

Noch heute macht mich die berühmte Szene aus „American Beauty“, in der eine weiße Plastiktüte im Wind tanzt, sentimental und glücklich zugleich.

Warum will man mir diese Emotionen jetzt nicht mehr erlauben? Muss ich mich jetzt schlecht fühlen, weil Filme, in denen Kevin Spacey oder Harvey Weinstein ihre Finger hatten, etwas in mir auslösen?

Ich finde: nein. Spacey ist ein guter Schauspieler, Weinstein ein guter Produzent. Ich muss mich nicht privat mit ihnen verstehen, ich muss nicht gutheißen, was sie getan haben und das tue ich nicht. Wenn ich ihre Filme liebe, dann hat das nichts mit ihnen persönlich zu tun.

Außerdem: Auch die beiden sind nur ein kleiner Teil der Filme und Serien, in denen sie spielen oder die sie produziert haben. Tausende andere Menschen haben daran mitgearbeitet, Schauspielkollegen, Statisten, Visagisten, Tontechniker, Cutter. Ihre Arbeit wird nicht mehr gewürdigt und völlig außer Acht gelassen von jedem, der jetzt fordert, Spacey- oder Weinstein-Produktionen zu boykottieren.

Filme wie die oben aufgezählten haben mein Leben bereichert. Ich bin nicht bereit, mir das von zwei Männern wegnehmen zu lassen, die andere sexuell bedrängen und vergewaltigen. Weinstein und Spacey mögen „verdorben“ sein, aber meine Lieblingsfilme verderben sie mir nicht.

Quelle: Noizz.de

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