Die rassistisch motivierten, gewaltsame Tode von Schwarzen US-Amerikaner*innen wie George Floyd und Breonna Taylor haben vor einigen Wochen zu weltweiten Protesten geführt, die noch immer anhalten. Tausende von Aktivist*innen machen online und offline Mut, dass das aktuelle internationale Momentum endlich systematische Veränderung bringen könnte. Was sich in der deutschen Filmbranche noch in Sachen Rassismus tun muss, hat uns der Schauspieler und Aktivist Tyron Ricketts verraten.

Der 46-Jährige moderierte Ende der 90er das Musikmagazin "Word Cup" bei Viva, seit Beginn der 2000er ist Tyron Ricketts auch regelmäßig im deutschen TV zu sehen. 62 Episoden lang spielte er beispielsweise bei "SOKO Leipzig" mit, dürfte manchen aber auch aus Auftritten in "Russendisko" oder "Dogs of Berlin" bekannt sein.

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>> Hör bitte auf so zu tun, als sei Rassismus nur ein Problem der anderen!

Doch nicht nur vor der Kamera ist der gebürtige Österreicher aktiv, seine Produktionsfirma Panthertainment macht sich für mehr Diversität in der deutschen Film- und Fernsehlandschaft stark. "Bis der Panther seine Geschichte erzählt, wird die Legende der Jagd immer den Jäger glorifizieren", so der Leitsatz seines Unternehmens.

Mit NOIZZ hat er offen über das Rassismusproblem der deutschen Filmbranche gesprochen und uns erklärt, was er sich von der aktuellen Situation erhofft.

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Tyron Ricketts über Rassismus im deutschen Film: People of Color selten valider Teil der Gesellschaft

NOIZZ: Was wünscht du dir vom aktuellen Diskurs im deutschsprachigem Raum?

Tyron: Vom aktuellen Diskurs erwarte ich mir, dass die Aussagen und Forderungen von Menschen mit Rassismus-Erfahrungen endlich ernst genommen werden.

Die Sichtweise mit der wir alle auf die Welt blicken, ist stark eurozentrisch geprägt, was zur Folge hat, dass viele Strukturen rassistische Einstellungen internalisiert haben. Nun ist die Zeit genauer hinzuschauen – und sich teilweise auch selber an die eigene Nase zu fassen. Können wir immer noch erzählen, dass Kolumbus Amerika "entdeckt" hat, obwohl ja schon lange Menschen dort gelebt haben? Was passiert, wenn weißen Menschen nun tatsächlich klar wird, dass die Welt bis jetzt aus ihrer Perspektive erzählt wurde und wie sie dadurch seit Beginn unserer Geschichtsschreibung in einer privilegierten Situation gewesen sind?

Was können weiße Menschen in deinen Augen jetzt tun, um BPoCs endlich zur Seite zu stehen?

Tyron: In erster Linie ist es wichtig, dass weiße Menschen beginnen zuzuhören, um zu verstehen. Dabei ist es wichtig den ersten "…. ja, aber"-Reflex zu unterdrücken und zu versuchen, nicht gleich in die Verteidigung zu gehen. Es geht darum zu verstehen, dass sich Gleichberechtigung für viele wie Ungerechtigkeit anfühlt, wenn man sein Leben lang gewohnt ist, privilegiert zu sein. Die Antwort "All Lives Matter" auf "Black Lives Matter" zeigt deutlich, wie schwierig das manchen fällt.

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Welche (schmerzhaften) Fragen sollten sich nicht-betroffene Menschen aktuell sparen?

Tyron: Gibt es denn wirklich noch Rassismus in Deutschland?

Wie nimmst du den Rassismus in der deutschen Medien- und Filmbranche war?

Tyron: Rassismus in der deutschen Medien- und Filmbrache macht sich nach wie vor darin deutlich, dass People of Color meist außerhalb unserer Gesellschaft erzählt werden. Ganz selten werden sie als valider Teil der Gesellschaft gezeigt, sind entweder Stein des Anstosses oder werden exotisiert. Ganz selten kommt es vor, dass Diversität als Normalität gezeigt wird. Ein Grund warum ich mein Unternehmen Panthertainment gegründet habe, mit dem ich mich darum bemühe Geschichten, bei denen People of Color im Zentrum stehen, zu erzählen. Ich bin sehr froh, mit der UFA einen Development Deal zu haben.

Welche persönlichen Erfahrungen beschreiben für dich die Situation in der deutschen Film- und Fernsehindustrie?

Tyron: Meine Erfahrung ist, dass ein Großteil der rassistischen Handlungen eher aus Unwissenheit als aus bösem Willen stattfinden. Wenn man dann die Regisseur*innen, Produzent*innen und Autor*innen darauf hinweist, dass etwas nicht stimmt, kann manchmal noch etwas geändert werden. Besser ist es natürlich, wenn schon bei der Erstellung des Drehbuches Personen dabei sind die selber Migrationsgeschichte haben. So kann man sicherstellen, dass die Geschichte klischeefrei und damit authentischer und am Ende besser wird. Manchmal kommt es leider auch vor, dass Filmschaffende absichtlich ein negatives Bild von PoC zeichnen wollen. Auch das ist mir schon passiert, ist aber zum Glück die Ausnahme.

Wird Rassismus in der Branche überhaupt schon abgestraft?

Tyron: Ein gutes Beispiel dafür ist, wie VW mit dem ganz klar rassistischen Werbespot umgegangen ist. Nach einer unbefriedigenden Entschuldigung gab es das Versprechen, den Vorfall lückenlos aufzuklären und dann in aller Härte Konsequenzen zu ziehen. Nun kam eine Erklärung heraus, dass ja niemand absichtlich gehandelt hat und darum auch niemand Konsequenzen tragen muss. Ich habe gelernt, dass Dummheit nicht vor Strafe schützt. Mit diesem Statement stellt VW sich in arroganter Weise über den aktuellen Diskurs, beweist damit nichts gelernt zu haben und enttäuscht damit alle Menschen in Deutschland und auf der ganzen Welt, die aus der alten Geschichte von "Wir vs Ihr" aussteigen wollen. Für eine Marke mit weltweiter Reichweite eine Schande.

>> Rassistischer Werbespot von VW: Warum die Erklärungen nichts besser machen

  • Quelle:
  • Noizz.de