Geile Insights für alle „Ralph reichts“-Ultras aus dem NOIZZ-Interview mit den Regisseuren.

Ich öffne die Tür zu einem Konferenzraum im Hotel de Rom in Berlin-Mitte. Vom Ende eines exorbitant großen Tisches strahlen mir diese beiden Herren (rechts) entgegen:

Phil Johnston und Rich Moore. Beide mit einem Zahnpasta-Lächeln ausgestattet. Beide in der Hauptstadt, um ihren neuen Film „Chaos im Netz“ zu promoten: der Fortsetzung von „Ralph reichts“ – einem Animationsstreifen, indem sich die sehr unterschiedlichen Videospiel-Charaktere Ralph und Vanellope durch etliche Games ihrer Spielhalle schlagen. Der Videospielbösewicht und die Rennfahrer-Prinzessin wollen eine Heldenmedaille ergattern, mit der Ralph bei den restlichen Figuren seines Heimatspiels „Fix it Felix“ angeben kann.

„Ralph reichts“ fegt 2012 über die Kinoleinwände – und führt den Zuschauer durch Spiele wie „Sugar Rush“, in dem Vanellope und ein Haufen andere passiv-aggressive Rennfahrer-Prinzessinnen in ihren Keks-Autos durch Süßigkeiten-Level rasen. Oder in die Selbsthilfegruppe „Anonyme Bösewichte“, in der Ralph versucht, auf sein vermeintlich fieses Naturell klarzukommen. Ich meine, geht's noch süßer?

Ich bin ein „Ralph reichts“-Ultra und grinse Phil und Rich vor Freude wahrscheinlich genauso verstrahlt entgegen, wie sie mir mit ihrem amerikanischen Superlächeln. Am anderen Ende des extragroßen Tisches hacken derweil drei wichtig aussehende Press-People Informationen in ihre Laptops.

Bevor Phil, Rich und ich über das Fantasy-Science-Fiction-Spektakel sprechen, geht es um die viel wichtigeren Dinge des Lebens: ihren Sightseeing-Plan. Disney hat den Regisseuren einen „Tag off“ in Berlin spendiert. Das verrät mir die PR-Dame kurz vor dem Gespräch.

Ich empfehle das Berghain – und werde fragend angeguckt. Beide haben keine Ahnung, was dieses „Burghayne“ sein soll. Rich Moore ist 55. Phil Johnston 47. Ich verstehe – und reiße kurz an, dass man in Deutschlands legendärstem Techno-Club machen kann, was man will. Beim Stichwort „nackt“ behauptet Phil Johnston, er würde hin wollen.

Wir lassen den Smalltalk hinter uns – und ich kann endlich über die Fortsetzung dieses wirklich grandiosen Animationsfilms sprechen. Der Plott des zweiten Teils ist nicht weniger cute – und noch zeitgemäßer. Ralph und Vanellope verlassen die Videogames ihrer Spielhalle, um die große, verwirrende Welt des Internets zu betreten. Ihre Mission: ein Lenkrad bei eBay ersteigern, um Vanellopes Heimatspielautomaten „Sugar Rush“ vor der Entsorgung zu retten. Ich meine, geht es noch süßer?

Ihr habt mit „Chaos im Netz“ das geschafft, was euch auch im ersten Teil so gut gelungen ist: unzählige kleine Welten mit unglaublich viel Detailreichtum. Vom Router über die verschiedenen Internet-Games bis zum Dark-Net. Was hat euch am meisten Spaß gemacht?

Rich Moore: Es hat neun Monate, wenn nicht sogar ein Jahr gedauert, um wirklich herauszufinden, wie das Ganze aussehen soll. Wie reisen wir Menschen durchs Internet? Was sind die Grundlagen dieses Internets? Jetzt erscheint es einem recht simpel. Aber am Anfang hatten wir diese verrückten Ideen davon, dass das Internet aus Clouds, also Wolken, besteht. Die Avatare wären dann auf Regentropfen umhergereist. Wir dachten, das wäre cool. Und dann haben wir mit Internet-Experten gesprochen und die meinten, dass das überhaupt keine gute Analogie wäre. Wir haben viel wieder gestrichen.

Aber den größten Spaß hatte ich am „Slaughter Race“, dem Online-Renn-Spiel. Wir haben uns viel aus Spielen und Filmen genommen, die ähnlich funktionieren, und haben das Ganze dann immer weiter gepusht und gepusht und wurden immer verrückter. Wie zum Beispiel mit den Hai [der aus einem Gulli springt]. Und dann konnten wir diese Location für eine große Musical-Nummer nutzen. Ich habe das wirklich genossen.

Phil Johnston: Du hast es vorhin schon erwähnt. Für mich war das Dark-Net eines der Favoriten. In Städten schaue ich mir generell lieber die schäbigen Teile an. Einfach rumlaufen und sich angucken, wie die Leute dort leben. Im Dark-Net haben wir die vermummten Charaktere, die anonym herumlaufen. Leute, die den Mädchennamen ihrer Mutter verkaufen und ihre Sozialversicherungsnummer. Und dieser Sound! Er ist feucht und eklig. Das Dark-Net hat viel Spaß gebracht.

Und die kleinen Männchen die mit nervigen Anzeigetafeln à la „Gewinne bis zu 3.000 Euro mit einem Klick“ im Internet herumlaufen. Großartig …

Ihr habt das Internet als Ganzes schon erwähnt. Welche standen noch im Ideen Raum – neben dem Wolken-Konzept?

Rich Moore: Eine Zeit lang hatten wir die Idee, dass alles auf Leitungen, also Strömen verlaufen sollte, wie ein großer Datenstrom.

Phil Johnston: Ein Strom, durch den alle Daten des Internets fließen. Und es sollte einen großen See in der Mitte des Ganzen geben, mit verschiedenen Stegen. Es hätte funktionieren können, hat aber am Ende keinen richtigen Sinn ergeben. Aber mir gefällt die Idee immer noch, dass die Suchmaschine mit einer Angel nach Informationen im Datenstrom fischt.

Rich, du hast nach „Ralph reicht’s“ davon gesprochen, dass es viele Dinge gab, die es nicht in den Film geschafft haben. Zum Beispiel seid ihr eine Weile lang davon ausgegangen, dass Fix-it-Felix der Hauptcharakter wird. Was ist während der Produktion des zweiten Teils rausgeflogen?

Rich Moore: Ich habe gestern noch dran gedacht! Eine ewig lange Zeit ging es im Drehbuch darum, dass Ralph und Vanellope die Außenseiter sein sollten in ihrer Spielhalle. Sie haben irgendwas kaputt gemacht und sollten dann voneinander getrennt werden. Aus Angst vor einer Trennung wollten sie dann aus der Spielhalle ins Internet fliehen. Sie dachten sich: „Die verstehen uns hier alle nicht. Solche Looser“.

Was dann passiert ist, weiß ich gar nicht. Wieso haben wir das Ganze fallen gelassen? In jedem Fall waren sie so unglaubwürdig. Leute, die die beiden aus dem ersten Film kannten, meldeten sich bei uns und meinten, ich mag Ralph und Vanellope, aber sie verhalten sich wirklich schrecklich in diesem Script.

Phil Johnston: Ich finde, Ralph und Vanellope waren auch da gut, so wie wir sie geschrieben haben. Unsere Kollegen waren einfach nur sensibel.

(beide lachen)

Phil Johnston: Ich glaube, das Ding war, dass die Story so keinen großen Antrieb hatte. Es gab kein Ziel. Sie wären weggelaufen und ins Internet geflohen, das wars. In der „Chaos im Netz“-Story sind sie auf der Suche nach etwas. Die beiden suchen nach dem Lenkrad, um Vanellopes Spiel zu retten.

Phil Johnston: Ach, und in einer anderen Version fing der Film mit einer Beerdigung an. Der Barmann aus dem Spiel Tapper war gestorben, Ralph und Vanellope hielten ihre Grabrede und sprachen dabei nur über sich selbst. Leute haben angefangen, sie bei der Beerdigung auszubuchen.

Lasst uns über die Hauptcharaktere sprechen. Wir konnten Ralph, Vanellope und Co. jetzt noch besser kennenlernen. Ihr als Schöpfer wisst aber sicherlich noch viel mehr über sie. Könnt ihr uns ein paar Background-Infos zu den Charakteren verraten?

Phil Johnston: Bei dem Spiel Fix-it-Felix aus den beiden Teilen handelt es sich um den Junior. Irgendwann haben wir über seinen Vater nachgedacht und ihn gedanklich durchgespielt. Es gab also ein Original-Spiel mit Fix-it-Felix-Senior und es war das schlimmste Spielhallen-Game ever!! Weil er ein Hippie war. (lacht)

Rich Moore: Ein Spiel aus den Siebzigern quasi ...

Phil Johnston: Anstatt Sachen heil zu machen, legte Felix-Senior Blumen an die kaputten stellen. Er war ein Hippie und das Spiel fand in einer Kommune statt. (amüsiert sich prächtig)

Rich Moore: Und als Felix noch die Hauptrolle hatte, war Ralphs einziger Job, Müll auf Felix zu werfen und ihn herumzuwerfen.

Phil Johnston: Sein Original-Name war Grubble.

Hat Grubble eine Bedeutung?

Phil Johnston: Nein, nicht wirklich. Jemand, der grubby ist, ist einfach ein bisschen schmuddelig.

Rich Moore: Und Vanellope hatte eine Zeit lang eine Gitarre. Aus der Gitarre konnte sie Kaugummi-Bälle schießen. Wir dachten uns, ihre Synchronstimme Sarah Silverman kann sowieso singen und könnte dann einen Song auf der Gitarre performen – es hätte ihre Waffe sein können.

Gibt es noch mehr Charakter-Details von Vanellope und Ralph, die auf ihren Synchronsprechern basieren?

Rich Moore: Ja! Vanellope ist sehr auf Sarah Silverman als ein kleines Mädchen zurückzuführen – aus ihrer Autobiografie „The Bedwetter“. Ich liebe das Buch. Ich habe es gelesen und auch gehört. Ich liebe besonders die Teile über sie als kleines Kind.

Es war am Ende eine Kombination aus Sarahs Buch, Bugs Bunny und meine Tochter während der Zeit – und später Phils Tochter und Pippi Langstrumpf. Also eine Kombination aus all diesen furchtlosen kleinen Mädchen.

Phil Johnston: Ich finde, es ist viel John C. Reilly in Ralph, schon in seiner alltäglichen Person. Ein perfektes Beispiel ist ein Abend während der Golden Globes vor ein paar Wochen. Wir gingen zu einer Afterparty und ich steckte als Einziger in der Schlange fest. Und wir warteten 20 Minuten lang und konnten nicht rein und plötzlich stürmte John raus, nahm alles auseinander und meinte: „DIESER MANN GEHÖRT AUF DIESE PARTY UND SIE LASSEN IHN REIN!“ Dann kamen wir rein und er meinte: „NIEMAND WIRD ZURÜCKGELASSEN.“ Er ist einfach wirklich dieser große Bär von einem Mann und er ist ein Spaßvogel und stößt Dinge um.

Rich Moore: … und er versucht immer das Richtige zu machen, aber oft auf die schlimmste Art und Weise.

Ihr habt gesagt, dass ihr das Verlangen hattet, die „Ralph reicht’s“-Charaktere besser kennenzulernen, weil ihr das von anderen Produktionen gewöhnt seid. Seid ihr nach dem zweiten Teil zufrieden? Oder können wir vielleicht auf einen weiteren Teil hoffen?

Rich Moore: Ich habe das Gefühl, dass wir jetzt sehr viel über die beiden wissen. Es geht dabei aber nicht so sehr darum, sie zu kennen, sondern sicherzugehen, dass sie jetzt auf sich alleine gestellt leben können. Ich muss mir keine Sorgen mehr um die beiden machen. Ralph am Ende mit Fix-It-Felix zu sehen, wie sie zusammen zur Arbeit gehen und zu wissen, dass er sich in seiner eigenen Haut wohl fühlt und, dass er ohne seine kleine Freundin Vanellope klarkommt. Mir gefällt, wo Ralph am Ende steht. Er fühlt sich sicher.

Und ich hatte auch nie das Gefühl, dass Vanellope in ihr Spiel „Sugar Rush“ passt. Jetzt ist sie mit ihren Freunden zusammen, weil die Rennfahrer-Mädchen in ihrem alten Spiel waren eh nie wirklich nett zu ihr.

Aber never say never. Natürlich bringt es Spaß, diese Charaktere zu erforschen, aber gerade geht es uns eher darum, ob sie da sind, wo sie hingehören.

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Quelle: Noizz.de