"Wir haben den Platz im Mainstream verdient. Auch ohne Heidi."

Stellt euch vor, ProSieben erfindet eine neue Casting Show – und jeden interessiert's. Genau das war nämlich rund um die erste Folge von "Queen of Drags" der Fall. Von "erfinden" kann zwar nicht gerade die Rede sein – "Queen of Drags" knüpft ganz klar an die US-Erfolgsshow "RuPaul’s Drag Race" an. Im deutschen Fernsehen aber bedeutet eine Casting-Show, in der Dragqueens zur Prime Time um einen Titel wetteifern, einen echten Fortschritt.

Und wer ist die letzte Person aus dem deutschen Fernseh-Kosmos, bei der wir an Fortschritt denken? Richtig, es ist "Model-Mama" Heidi Klum, die Jahr für Jahr junge Frauen durch ihre Beauty-Maschinerie presst, bis alle Ecken und Kanten abgeschliffen sind. Auch deshalb regte sich wohl überall Protest, als bekannt wurde, dass Heidi nicht nur bei "Germany's Next Topmodel" als Hauptjurorin allen die Show (und Sendezeit) stiehlt – sondern auch bei "Queen of Drags".

Neben Klum suchen die österreichische ESC-Gewinnerin Conchita Wurst, Tokio-Hotel-Sänger Bill Kaulitz und ein wechselndes Jury-Mitglied "Deutschlands beste Dragqueen". Um den Titel zu erringen, müssen die zehn teilnehmenden Dragqueens mehrere Wochen gemeinsam in einer Villa leben und Challenges bestehen. Klingt nach "Germany's Next Topmodel" in queer – doch genau das will die Sendung nicht sein. Vielmehr möchte man einer bisher zu wenig beachteten Kunstform "endlich eine Bühne bieten", wie Heidi im Pressetext bekannt gab.

Dass ausgerechnet eine heterosexuelle Cis-Frau mit einem Fetisch für das "Zurechtbiegen" von jungen Frauen die richtige Wahl sein soll, um der Drag-Kultur eine Bühne zu bieten – das ist zumindest fraglich. Deshalb hatten Dragqueen Margot Schlönzke und Dragquing Ryan Stecken im Vorfeld der Sendung eine Petition gestartet. Der passende Titel: "Kein Foto für Heidi". "Heidi Klum hat von Drag, der dazugehörigen Historie, der Lebenseinstellung, der Identität, der Drag-Kultur, der Szene und der gesamten Branche absolut keine Ahnung", hieß es dort. Über 27.200 Menschen unterzeichneten. Ausgestrahlt wurde die erste Folge trotzdem.

Gegenüber NOIZZ äußerte sich Ryan Stecken zu "Queen of Drags" wie folgt:

"Ich habe die erste Folge ehrlich gesagt noch nicht gesehen, da ich heute Morgen aus L.A. gekommen bin und direkt auftreten musste. Allerdings habe ich hier und da schon etwas mitbekommen. Die Show soll wohl im Großen und Ganzen ganz gelungen sein, (was mich nicht wundert, da ich einige der Mädels kenne und weiß, was sie drauf haben)", so Stecken.

Und weiter: "Heidi wurde wohl ziemlich klein gehalten, was dem Format gut tat. Wenn sie was gesagt hat, hat man allerdings gemerkt, dass sie wirklich keine Ahnung von Drag hat. Es geht ja auch grundsätzlich mehr ums Prinzip als darum, ob die Sendung nun gut ist oder nicht. Ich brauche sie nicht gesehen zu haben, um zu wissen, dass eine Cis-Frau ohne das nötige gelebte Wissen über die Szene einfach nicht richtig für ein queeres Format ist. Sie bereichert sich an Stelle einer queeren Person, die es eh schon schwer hat, an solche Opportunities überhaupt ranzukommen."

Ryan Stecken fährt fort: "Viele sagten, wir sollten erst mal abwarten und schauen, wie die Show wird, bevor wir meckern. Aber das ist so, als würde man Scarlett Johansson (privilegierte Cis-Frau) einen Transmann spielen lassen, und wenn die Trans*-Community aufschreit, sagen: "Wartet doch erst mal den Film ab." Es ändert nichts daran, dass jemand eine Rolle spielt, die ihr nicht zusteht."

Allerdings würde Ryan Stecken nicht zum Boykott der Sendung aufrufen. Im Gegenteil: "Es werden viele wichtige Sachen durch die Kandidat*innen gesagt und thematisiert. Und Sichtbarkeit ist immer und in jeder Hinsicht wichtig. Ich wünsche den Mädels, dass sie so viel aus dieser Erfahrung mitnehmen wie möglich, denn wir haben den Platz im Mainstream verdient. Auch ohne Heidi."

Dass Heidi die berechtigte Kritik an ihrer Rolle in der Show so gar nicht verstanden hat, sorgte noch mal für ordentlich Ärger bei den Zuschauern. "Der Punkt an dem #QueenOfDrags für mich eigentlich schon gestorben war, weil Heidi dann doch gar nichts verstanden hat", schrieb ein User neben einen Video-Ausschnitt der Show, in dem sich Heidi ordentlich über die Kritik aufregt.

Auch Heidis und Bills mangelnde Kenntnisse der Drag-Kultur stießen auf Häme. "Ich wenn Heidi und Bill reden vs. wenn Conchita redet", schrieb ein User neben ein Meme.

Doch gar nicht so wenige Zuschauer genossen die Sendung und freuten sich über die Show als queere Bühne. So wie diese Userin: "Zusammenfassung: #QueenOfDrags ist besser als erwartet. Ich mag, wie divers die Serie ist: Queens mit brasilianischen, spanischen oder muslimischen Hintergründen/Wurzeln. Unterschiedliche Arten von Drag. Das ist sehr nice", schreibt sie.

Auch wenn die erste Folge "Queen of Drags" kein so großer Griff ins Klo gewesen zu sein scheint, wie erwartet – optimal war sie nicht. Eine Sendung, die sich als "Bühne" für die Drag-Kultur versteht, aber ganz offensichtlich resistent für die Kritik der Community ist, wird es schwer haben, dieser gerecht zu werden.

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Quelle: Noizz.de