Zehn Promis ziehen in eine thailändische Strandvilla und booten sich gegenseitig aus. Der feuchte Traum eines Sat.1-Redakteurs hat sich zum Corona-TV-Hit gemausert, irgendwo zwischen grenzdebil und kongenial. Wie konnte es so weit kommen? Eine Analyse.

Fernsehen ist tot? Von wegen! Seitdem wir alle gezwungenermaßen in unseren eigenen vier Wänden abhängen, gucken nachweislich mehr Menschen wieder lineares TV. Um die 25 Prozent mehr sollen es sein. Davon profitieren vor allem neue Formate. Allen voran "Promis unter Palmen". Die Sat.1-Show, bei der zehn mehr oder minder bekannte Promis in eine Villa am Traumstand von Thailand einziehen, konnte für Mittwochabend sensationelle Quoten verzeichnen.

Über 20 Prozent Marktanteil – also fast alle Neu-TV-Zuschauer. Oder so ähnlich. Naja, das Format fasziniert. Über die komplexen Gründe der Faszination an sich kannst du hier alles nachlesen:

>> Wieso "Promis unter Palmen" dein Trash-Herz entzweireißen wird

Aber wieso denn nur? Auf den ersten Blick wirkt "Promis unter Palmen" wie jede andere billige Promi-Schrott-Show. Aber es steckt viel mehr dahinter. Sat.1 verfolgt nämlich eine ausgeklügelte Strategie, mit der es "Promis unter Palmen" einfach in pures Trash-TV-Gold verwandeln kann. Nichts ist dem Zufall überlassen.

Grund Nummer eins: Das ultimative Timing

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Ich weiß nicht, ob ihr es wusstet, aber wir leben gerade in Zeiten einer Pandemie. Alle bleiben zuhause. Wirklich jeder. Deswegen gucken auch mehr Leute TV: Das ist ein tragischer Zufall, von dem Sat.1 natürlich nichts wissen konnte, als sie diese Sendung vorproduziert haben. Aber nun profitiert der Sender davon.

Im Gegensatz zu anderen aktuellen Unterhaltungsshows wie "Let's Dance" oder "Masked Singer" gibt es keine Live-Schalten und auch kein Zuschauervoting. Das macht die Sendung so produktionssicher wie Stahlbeton. Stabil. Läuft. Und außer den Promis in der Villa, weiß niemand, was noch passieren wird. Im Grunde erleben die zehn C-Promis dasselbe wie wir gerade: Sie sind eingesperrt in einer Villa mit Pool. Sie dürfen ihr Haus nicht verlassen, sie haben nur sich. Vielleicht sind wir TV-Zuschauer empathischer, als wir denken.

Die Konstellation an Promis, die für Geld fast alles machen, ist noch nie so gut gecastet gewesen

Das sind alle "Promis unter Palmen".

Das muss man sich erstmal auf der Zunge zergehen lassen: Claudia Obert, Ronald Schill, Bastian Yotta, Janine Pink, Tobias Wegener, Carina Spack, Matthias Mangiapane, Ennesto Monté, Eva Benetatou und Désirée Nick. Klingt erstmal wie jede andere beliebige C-Promi-Riege, die genauso auch hätte ins Dschungel Camp einziehen können.

Mit dem kleinen, aber feinen Unterschied dass diese Truppe besser harmoniert, mehr Beef- und Kuriositätenpotential hat, als jeder andere Cast einer Trash-TV-Serie jemals zuvor. Die Sat.1-Redakteure haben einfach alle ihre Hausaufgaben gemacht und/ oder die besten Promi-Klatsch-Connections aller Zeiten. Jede Kandidatin, jeder Kandidat verkörpert den idealen Trash-TV-Typus und trägt seinen Teil dazu bei, dass "Promis und Palmen" Trash-TV-Gold ist.

Zu Claudia Oberts Rolle in diesem TV-Spektakel kommen wir gleich nochmal, aber Fakt ist schon mal, dass sie ein lebendes Meme ist. Oder gibt es jemanden, der "Life is a party – no campari, no party" nicht kennt? Außerdem trägt sie furchtbare Klamotten. Okay, das ist Geschmackssache, aber beflügelt ihre Feindschaft zu Desirée Nickt, die wir drei Folgen lang begutachten durften. Diese Frau ist durch. Das ist traurig – aber leider auch unterhaltsam.

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Ronald Schill, wurde bekannt als Richter Gnadenlos in Hamburg, wurde danach derjenige Politiker, der Rechtspopulismus wieder salonfähig gemacht hat und lebt nun – kein Scherz – in einer Favela in Rio de Janeiro. Da durften ihn die Vox-Kollegen von "Goodbye Deutschland" auch schon mal besuchen. Seine Rolle: Macho, notgeiler Hengst, kluger Kommentaregeber und einfach mit 'nem Bierchen chillen. Genial! Bastian Yotta, kennen wir alle vom "Dschungel Camp" und seinem Miracle Morning. Er ist der Möchtegern Streitschlichter, der alles noch schlimmer macht.

Janine Pink, sächselt, das finden deutsche TV-Zuschauer an sich schon mal witzig. Außerdem hat sie "Promi Big Brother" gewonnen und da, sowie in der Trash-Reality-Soap "Köln 50667" auf RTL2 schon alles von sich gezeigt. Ihr Ex Tobias Wegener, ist Influencer, sagt gerne "schön" in "Love Island" und könnte eventuell wieder mit Janine zusammenkommen. Ich meine, darauf warten zumindest alle. Dann gibt es da noch die "Bachelor"-Kandidatinnen Carina Spack sowie Eva Benetatou, die fast schon die Besonnen dort sind.

Matthias Mangiapane, bei dem ich keine Ahnung habe, was er außer bei allen Vox-Formaten und im "Dschungel Camp" mitzumachen, noch so macht ist a) der Quotenschwule (traurig, aber wahr) und b) nervt einfach. Beides hat nichts miteinander zu tun. Schlagersänger Ennesto Monté, war derjenige, der eben als Erstes gehen musste und Désirée Nick, sollte Gift versprühen. Mission geglückt. Siehe später.

Das Setting, die Spiele – es ist so kurios wie großartig zugleich

Die "Promis unter Palmen"-Villa

Was gab es nicht alles schon, in der Geschichte des Trash-TVs? Einsame Inseln ("Temptation Island", "Love Island"), französische Festungen im Atlantik ("Fort Boyard"), leere Sandstrände ("Adam und Eve"), eine Villa in Mexiko, Griechenland, Südafrika ("Bachelor", "Bachelorette"), ein Container ("Big Brother"), der australische Dschungel ("Ich bin ein Star, holt mich hier raus"), eine Alm ("Die Alm") – aber eine Strandvilla in Thailand, darauf kam noch niemand.

Dabei vereint es so viele schlechte Seiten des TVs: Schmierige Hintergründe (Thailand ist billig, es gibt jede Menge Kinderarbeit, Prostitution) und es gibt Strand, Sonne, oberflächlichen Luxus, der viel günstiger als in Europa ist. Dinge die auf Kameramaterial voll geil aussehen und für die sich alle Flugkosten auf jeden Fall gelohnt haben.

Außerdem gibt es bei "Promis unter Palmen" natürlich auch Spiele. Die setzen im Gegensatz zum "Dschungel Camp" nicht etwa auf den Ekelfaktor, sondern stellen die Kandidat*innen gleich in mehreren Disziplinen bloß: Sie müssen ulkige Kostüme tragen (du wolltest Yotta schon immer als Grinsekatze sehen? Voilá, das hier ist deine Sendung), sie müssen Logik-Rätsel lösen (für manche schwieriger als andere), manchmal wird es eher sportlich. Und am Ende jeder Challenge müssen die Promis sich von ihren Teamkapitänen zusammentrommeln lassen und wählen sich untereinander aus. Das sorgt natürlich auch für Beef. War der Teufel Projektberater dieses Formates?

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Sat.1 hat die Masterclass in Trailer schneiden und Pressemeldungen schreiben erfolgreich absolviert

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Jeder Trailer macht dich noch heißer auf die nächste Folge, weil es alles verstärkt, was in der Sendung eh schon angelegt ist. Und wenn im Postfach Pressemitteilungen mit dem Betreff: "Solange der die Finger von meiner Monika lässt, ist alles gut!" landen, rasten bei mir alle Leitungen komplett aus. Das ist wie gemacht, um darüber eigentlich ALLES zu berichten.

Ich bin fest überzeugt davon, dass Sat.1, die Brainstormingrunden zu dem Format im Anschluss teuer als Seminar für Medienschaffende verkaufen wird.

Die kalkulierte Eskalation

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Shows wie "Promis unter Palmen" leben davon, dass sie Konflikte in sich tragen. Um spannend zu sein. Das wirkliche Kunststück ist es dann, alles eskalieren zu lassen. Allerdings in einem Rahmen, der durchaus gewollt und somit kalkuliert ist, weil er niemandem so richtig wehtut.

Bestes Beispiel ist hier der Streit zwischen der anscheinend vollkommen zugekippten Claudia Obert und ihrer Erzfeindin Désirée Nick. Ja, auch ich bin darauf steil gegangen. Der grundlose Hass, der von irgendwoher rührt, hat Stoff für fast zwei Folgen geliefert und zeigt, wie primitiv wir Menschen im tiefsten Inneren doch sind: Wenn wir sehen, wie andere sich streiten, leiden, geht es uns gleich viel besser und unsere Konflikte des Alltages erscheinen weniger krass. Dieser psychologische Effekt und Eskapismus in Form von Mediennutzung ist sogar wissenschaftlich nachgewiesen.

Die Sendung offenbart ziemlich viele Probleme, die wir in unserer Gesellschaft haben: Zum Beispiel Alkohol

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Und wo wir schon bei Eskapismus wären. "Promis unter Palmen" deckt unglaublicherweise sehr viel über unsere Gesellschaft und auch, wie wir zusammenleben, auf. Wenn wir uns die Teilnehmer*innen anschauen, sind alle – abgesehen von ihrem Prominentendasein – ein Querschnitt der gesellschaftlichen Masse. Akademiker, einfache Arbeiter, Unternehmer Künstler, jünger, älter, schöner, weniger schön, dünn, dick, sportlich, weniger sportlich. Alles da.

Umso gravierender, wenn Alkohol zur treibenden Feder wird. Claudia Obert wurde von Sat.1 in fast jeder Szene mit einem Wein- oder Cocktailglas ausgestattet. Egal ob betrunken oder nicht, sie wirkt eh immer blau. Und jeder Zuschauer denkt: Diese Frau hat ein Alkoholproblem. Ob dem wirklich so ist, kann ich natürlich nicht beurteilen. Ich kenne Frau Oberts Alltag nicht persönlich.

Viel beunruhigender ist aber, dass zwar in einer Folge Kandidat Yotta den Alkohol vor ihr versteckt, alle anderen sich aber aufregen, dass der Alkohol weg ist – denn eigentlich wollen sie auch alle einen Drink vorm Einschlafen. Alkohol ist eine legale Droge, mit der viel mehr Menschen ein Problem haben, als wir glauben. Eine Sendung wie "Promis unter Palmen" führt das erschreckenderweise vor.

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Die Dekonstruktion eines erfolgreich aufgebauten Promi-Images ist einfach zu gut

Ronald Schill lutscht am Zeh von Janine Pink. Im TV. Echt jetzt.

Zum Abschluss komme ich wohl zu dem Hauptgrund, wieso Trash-TV überhaupt in seinen Bann zieht, aber auch zu dem Grund, wieso "Promis unter Palmen" so überaus erfolgreich ist. Die Promis haben die Kameras vergessen. Es ist ja nunmal so: Sobald du im Rampenlicht der Öffentlichkeit stehst, überlegst du dir zwei Mal, was du wie, wann und wo sagst.

Jeder dieser zehn Promis hat wohl einen Manager, Managerin, Agent oder Agentin oder aber einen ganzen Stab an PR-Leuten, die über Jahre hinweg ein gewisses Image aufgebaut haben. Genau das, weshalb diese Promis mehr oder weniger zu "Promis unter Palmen" eingeladen wurden. Innerhalb von nur wenigen Shows war diese Arbeit aber für den Arsch.

Die Promis dekonstruieren einfach selber ihr Image und machen eine peinliche oder dumme Sache nach der anderen. Weil sie vergessen, dass sie auch in dieser Reality-Show unter Beobachtung stehen. Oder aber noch extremer – und auch das Praktizieren wohl einige Promis in dieser Show: Sie dekonstruieren gewissenhaft ihr Image, um ein TV-Show-Image aufzubauen und so noch mehr zu provozieren. Wir Zuschauer lieben sowas, weil es zum Fremdschämen ist und wir uns so überlegen fühlen. Im Grunde ist "Promis unter Palmen" nichts anderes, als ein schönes, klassisches, griechisches Drama nach Aristoteles: mit einer Katharsis am Ende.

"Promis unter Palmen" kannst du dir jeden Mittwoch zur Primetime um 20.15 Uhr reinziehen. Geil, oder?

Und wenn du Serien magst, schau doch mal bei unserer Facebookgruppe "Süchtig nach Serien" vorbei.

Quelle: Noizz.de