Am Freitag wurde der französische Filmpreis César verliehen – nominiert für seinen Film "Intrige" war Roman Polanski, und zwar direkt zwölf Mal. Die Aufregung war groß: Polanski wird seit Jahrzehnten Vergewaltigung vorgeworfen. Gewonnen hat er trotzdem, einige Frauen verließen daraufhin die Preisverleihung. Und wir fragen uns: Was bedeutet eine solche Preisverleihung für uns alle?

Der 86-jährige Roman Polanski war selbst nicht bei der Verleihung des Cèsar, er hielt sich fern. Damit kennt Polanski sich aus: 1977 wurde Polanski in Amerika verurteilt. Er wurde angeklagt, die 13-jährige Samantha Geimer unter Drogen gesetzt und anschließend vergewaltigt zu haben. Bis heute behauptet er, der Sex sei einvernehmlich gewesen. Er verleugnet, das Mädchen unter Drogen gesetzt und sie zum Sex gezwungen zu haben. Seiner Haftstrafe entgeht er, indem er aus Amerika flieht, seit 40 Jahren hat er Amerika nicht mehr betreten, da man ihn sonst direkt einbuchten würde.

Harrison Ford und Roman Polanski 2003

Seither lebt Polanski in Europa und dreht weiterhin Filme. Kurz vor dem Kinostart seines neusten Werks "Intrige" hatte das Ex-Model Valentine Monnier dem Filmemacher ebenfalls vorgeworfen, sie 1975 vergewaltigt zu haben. Die deutsche Schauspielerin Renate Langer und noch vier weitere Frauen werfen Polanski auch sexuelle Belästigung und/oder Vergewaltigungen vor. Polanski wehrt sich entschieden dagegen.

Können die Filme eines (mutmaßlichen) Vergewaltigers nicht ausgezeichnet werden?

Und nun wird sein Film ausgezeichnet. Hat das eine was mit dem anderen zu tun? Können die Filme eines (mutmaßlichen) Vergewaltigers nicht ausgezeichnet werden – immerhin, so die Argumentation, wird hier ja sein filmisches Können gelobt, nichts anderes. Kann ja super Filme drehen, der Polanski, auch wenn er Frauen brutal dazu zwingt, sich von ihm bespringen zu lassen. Oder?

So oder so ähnlich zumindest wird für den polnischstämmigen Regisseur argumentiert. "DIE ZEIT" hat letzte Woche einen Artikel von Magnus Klaue veröffentlicht. Ist ein schön ausformulierter Text, der mit hohen Worten versucht, niedrige Argumente wertvoll klingen zu lassen. Klaue sagt Sachen wie "Zerfall der ästhetischen Urteilskraft" und spricht von einer "Falle für die Kunstwahrnehmung". Im Grunde geht es aber einfach darum, Polanskis Schaffen von seinem Ruf zu trennen.

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In ihrem Buch "The Girl: Mein Leben im Schatten von Roman Polanski" beschreibt das damals 13-jährige Opfer, wie schrecklich die mediale Hetze war, nachdem sie Polanski öffentlich der Vergewaltigung bezichtigte. Geimer sagt in dem Buch, dass es für sie traumatisch war, wie sie durch die Presse gejagt wurde. Das Ganze sei schlimmer gewesen, als die Vergewaltigung selbst. Tut das etwas zur Sache? Ist Polanski dadurch jetzt weniger Vergewaltiger? Einfache Antwort: NÖ!

Klaue streut diese Info aber in seinen Text – und möchte dadurch ganz eindeutig die Schuld Polanskis in Relation setzen. Etwa so: Vergewaltigung ist doof. Mediale Hetze danach war aber noch viel doofer. Ergo: Vergewaltigung ist nicht mehr ganz so doof. Tja, blöd, wir haben da News: Polanski ist trotz aller Hetze immer noch schuldig und abgesehen davon hätte es ohne die Vergewaltigung gar keine mediale Achterbahnfahrt gegeben. Den Hinweis auf Geimers Buch hätte man sich also komplett sparen können.

Roman Polanski 1969

Opfer oder Täter?

Aber weiter im Text: Klaue stellt die Frage, ob man eigentlich Angeklagter der #metoo-Debatte sein kann, wenn man selbst nie zum weißen, elitären Patriarchat gehörte. Dafür wird dann hübsch Polanskis Leben als das eines armen Opfers gezeichnet: Polanski ist jüdischen Glaubens, seine Familie wurde von den Nazis verfolgt. Er erlebte das Krakauer Ghetto, erlebte die rohe Gewalt der Nationalsozialisten. Seine schwangere Mutter wurde nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. In Amerika war Polanski, wie Klauer es in seinem Text nennt, immer ein Außenseiter. So richtig angenommen wurde er dort nie. Die brutale Sekte um Charles Manson bricht 1969 in sein Haus ein und ermordet seine damals hochschwangere Frau Sharon Tate. Nach dem Vorwurf um die Vergewaltigung der 13-Jährigen Samantha Geimer flieht Polanski nach Europa, er lebt seither in Frankreich.

Klauer sagt in seinem Text, dass Polanski und sein Schaffen auch in Europa weiterhin als ewig nicht zugehörig galt. Was Klaue also sagt: Polanski ist kein fetter, weißer Typ, der Macht hat, sich nehmen kann, was er will und einflussreiche Freunde im Nacken hat, die ihn schützen. Schon klar: Polanski ist nicht Harvey Weinstein. Er ist kein ekelhafter Film-Mogul, der sexuelle Erniedrigung gegen Filmrolle eintauscht.

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Klaue inszeniert das Bild eines schmalschultrigen, blassen Typen, der nie auf der Sonnenseite des Lebens stand und tief berührende Filme darüber gemacht hat. "Der Pianist" (2002) etwa, mit Adrien Brody in der Hauptrolle, erschüttert einen und bewegt direkt zu bodenloser Trauer. Aber: Nur weil Polanski kein testosteronschwitzender Übermann ist, der tieflachend mit Zigarre im Mund verkündet, dass er Frauen zwischen die Beine fasst, wenn er Bock darauf hat, ist er noch lange nicht unschuldig. Nur weil Polanski Opfer ist, ist er nicht automatisch kein Täter. Und nur weil Polanski kein egowichsender Vertreter des weißen Patriarchats ist, ist er automatisch unberührt von der #metoo-Debatte. Oder wie Polanski es selbst nennt: Lynchjustiz von Frauenrechtlerinnen.

Autor und Werk – eine Trennung?!

Es ist unschwer zu erkennen, dass diejenigen, die aktuell für Polanski argumentieren auch einfach wirklich große Achtung vor Polanskis Schaffen haben – oder um es NOIZZiger auszudrücken: Die sind fast so hysterisch in ihrem Fandom, wie die BTS-Fans. Sie finden, dass der Regisseur große Arbeit geleistet hat, die ihren Lob verdient hat. Und wir kennen die Diskussion: Michael Jackson anhören? Schwierig, seit die Doku "Leaving Neverland" erschien, in der zwei junge Männer minutiös und glaubwürdig erklären, wie sie immer wieder vom sogenannten King of Pop sexuell missbraucht wurden. "The Cosby Show" ansehen? Geht nicht mehr so unbeschwert, seit Cosby als vielfacher Vergewaltiger verurteilt wurde. Sich mal eben "I believe I can fly" anhören? Läuft einem nicht so gut in die Ohren, seit wir wissen, dass nicht nur die damals 14-jährige Aliyah minderjähriges Opfer des Pop-Produzenten und Hit-Musikers R. Kelly war.

Michael Jackson mit der Familie von Wade Robson

Es ist zweifelsohne schmerzhaft zu erkennen, dass ein Star, den man verehrt und liebt, neben seinem Job ein ziemliches Monster ist, dass kleine Mädchen unter Drogen setzt, um sie auszuziehen, sie gegen ihren Willen ins Schlafzimmer zu tragen, und sich auf sie zu werfen, um seine Triebe zu befriedigen. Ist schwer zu akzeptieren, dass der eigene Held ganze Leben zerstört hat und vor perfider Gewalt nicht zurückschreckt. Klaue spricht davon, dass "das Wissen um die Biografie des Künstlers [...] zur Falle für die Kunstwahrnehmung" gerät. Er sagt also: Wir bewerten bei Polanski zuerst, dass er Vergewaltiger ist, danach erst, was er als Regisseur leistet. Aber: Die Trennung von Autor und Werk ist halt keine einfache Sache, man möchte fast sagen, es ist eigentlich unmöglich.

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Klar: Polanski ist Urheber großer Filme. Aber er ist auch Urheber zerstörter Leben von mutmaßlich sechs Frauen. Natürlich muss nicht in jeder Filmsekunde mitschwingen, dass der Macher von "Tanz der Vampire" auch nicht davor zurückschreckt, junge Frauen zu horizontalen Tänzen zu zwingen. Kann sicherlich jeder für sich selbst und ganz persönlich entscheiden, ob er oder sie sich weiterhin unbefangen die Filme Polanskis ansehen möchte. Aber die Verleihung von renommierten Preisen ist nun mal eine ganz andere Sache: Hier geht es nicht um eine persönliche Entscheidung, sondern um ein weltweites Signal – und das schießt hier eindeutig gegen Frauenrechte und damit auch gegen Menschenrechte.

Preise für Vergewaltiger?

Die Verleihung des "Cèsar" an einen Mann, der mutmaßlich immer wieder Frauen vergewaltigt hat, spricht eine eindeutige Sprache: Wenn jemand mit Preisen überhäuft wird, obwohl er Frauen vergewaltigt hat, sagt das, dass die Leistung des Mannes wichtiger ist, als das Leid der Frauen. Es sagt, dass der Mann, in dem was er tut, wertig ist – und das was die Frauen erlebt haben, nicht. Und vor allem: Es zeigt anderen Männern, dass man immer noch ein angesehener Mann sein kann, auch wenn man junge Mädchen vergewaltigt. Man kann gefeiert werden, auch wenn man sich gegen Menschlichkeit und gegen Menschenrechte entscheidet. Es zeigt anderen Frauen und Mädchen, dass es egal ist, dass sie von einem Mann wie Menschen zweiter Klasse behandelt werden, weil dieser Mann auch weiterhin seinen sozialen Status behält.

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Als der nicht anwesende Polanski seinen Preis als Bester Regisseur am letzten Freitag tatsächlich zugesprochen bekommt, verlassen mehrere Frauen den Raum. Zu recht! Auch wenn dies ein sehr schwaches Symbol ist, ein viel stärkerer Moment wäre gewesen, wenn man einen mehrfachen Vergewaltiger nicht mit Nominierungen für renommierte Preise überhäuft. Es geht nicht um die Trennung von Werk und Künstler, es geht nicht um die Biografie Polanskis und die Frage, ob er in seinem Leben nicht auch genug gelitten hätte, es geht einzig und allein darum, dass hier die Welt zusehen kann, wie jemand, der zutiefst frauenverachtend handelt vor den Augen aller und mit den Stimmen vieler in den Himmel gehoben wird.

  • Quelle:
  • Noizz.de