Ein Film, der höchstens Fans begeistern wird.

Mittwochabend im Cubix-Kino in Berlin-Mitte. Der Kartenkontrolleur hält mich gerade noch zurück, nachdem ich ihm meine Karte gezeigt habe. Er hätte da noch etwas für mich. Aus einer großen Vase zieht er ein in Plastik gehülltes kleines Päckchen, in dem sich, wie sich später herausstellt, Pokémon-Karten befinden.

Hier beginnt die Reise in meine Kindheit, die ich an diesem Abend mit vielen anderen Mittzwanzigern in Kinosaal 9 antrete. Wir sind alle mit Ash und Pikachu und Schiggy und Co. aufgewachsen. Mittags lief Pokémon auf RTL II, unser Taschengeld gaben wir aus, um unser Poké-Deck zu stärken und Sammelkarten zu kaufen. Für meinen Gameboy Color hatte ich das Spiel "Pokémon Silver Edition" und zu jedem Geburtstag wünschte ich mir übergroße Pikachu-Plüschtiere. Auch bei meiner Einschulung waren die Pokémon dabei: auf meiner Schultüte.

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Man kann also sagen, dass Pokémon, ihnen allen voran Pikachu, meine Freunde waren. Meine Helden. Sie waren immer da. Und sie haben dafür gesorgt, dass ich mit anderen Kindern eine Verbindung aufbauen konnte, in dem wir uns über sie unterhielten und mit ihnen spielten.

Genau an dieses Gefühl knüpft "Pokémon: Meisterdetektiv Pikachu" an. Der Film feierte seinen offiziellen Start am Donnerstag. Wir haben ihn am Vorabend gesehen und den Kinosaal am Ende mit gemischten Gefühlen verlassen.

Erst einmal: Pokémon ist immer noch eine starke Marke. Neben mir sitzen Menschen in meinem Alter, die Pokémon-Hoodies tragen, zu Beginn des Films kreischen und damit noch mehr dafür sorgen, dass ich mich in meine Kindheit versetzt fühle. Die Euphorie war nie weg, wenn es um Pokémon geht.

Auf das Glück folgt die Ernüchterung

Ich möchte hier nicht spoilern, deswegen berichte ich lieber von meinen Gefühlen, die ich während des Filmes hatte. Nach den ersten Szenen und nachdem ich das erste Pokémon gesehen habe, überkam mich ein Gefühl des Glücks. Ich dachte mir, dass das hier eine fantastische Reise werden würde.

Nach ein paar Szenen: Ernüchterung. Mir wird klar, dass nichts mehr so ist, wie es mal war. Ich dachte, dass Ash mit Pikachu losziehen würde, um Trainer zu werden. Ash wurde allerdings durch Tim ausgetauscht, der bei seiner Oma aufgewachsen ist und eine Abneigung gegen Pokémon hat.

Nach den ersten 20 Minuten weiß jeder, wie der Film ausgehen wird, wer die Bösen, wer die Guten sind. Es startet ein vorhersehbares Kinospektakel, das sich in seiner Belanglosigkeit verliert.

In "Pokémon: Meisterdetektiv Pikachu" wurde am Plot gespart. Die Story packt mich nicht. Dazu kommen ein paar Fehler, wegen denen die Protagonisten eigentlich hätten sterben oder zumindest Knochenbrüche erleiden müssen. Das passiert aber nicht. Sogar die Haare sitzen nach metertiefen Stürzen und Verfolgungsjagden noch perfekt. Außerdem wird ein Toter, dessen Körper… ach, egal. Macht so oder so keinen Sinn.

Zum Schluss taucht zu allem Überfluss auch noch Ryan Reynolds auf, der so gar nicht in diesen Film passen möchte. Er wirkt wie Tante Peggy, die ihr Alter nicht akzeptieren will, in Miniröcken rumläuft und Jugendslang benutzt. Cringe.

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Es ist nicht alles schlecht an "Pokémon: Meisterdetektiv Pikachu". Die Animationen wurden mit sehr viel Liebe und aufwendig umgesetzt. Und ich glaube auch, dass genau darauf abgezielt wurde. Der Pikachu-Film ist nicht anspruchsvoll, aber schön. Es wird auf einen Niedlichkeitsfaktor gesetzt, der jedes Herz zum Schmelzen bringt. Hier und da ein kleiner Witz, ein kuscheliges Pokémon und ein vermeintlich gebrochener Protagonist, der sich eigentlich nichts mehr wünscht als die Liebe seines Vaters.

Pokémon ist nicht mit seinen Zuschauern von damals gewachsen

Nur leider garantieren solche Faktoren eben keinen guten Film. Jeder halbwegs affine Kinogänger kennt all diese Attribute im Überfluss. Und obwohl es sich bei Pokémon um ein emotionales Thema handelt, die Freunde meiner Kindheit, ließ mich der Film etwas kalt zurück. Denn man weiß von Anfang an, dass am Ende alles gut sein wird. Es fehlt die Tiefe und das Besondere.

Pokémon ist nicht mit seinem Publikum gewachsen. Als Sechsjähriger hätte ich den Film toll gefunden. Heute brauche ich aber mehr als nur ein paar schöne Bilder.

Zurück im Kinosaal. Nach dem Film schaue ich auf die Plastikverpackung, von der ich weiß, was sich darin befindet: Poké-Karten. Ich erinnere mich an das Kind von damals, das all sein Geld im Spielwarengeschäft auf den Tisch gelegt hat, um eben diese Karten zu kaufen. Heute habe ich Pikachu und Glumanda bekommen. Aber auch die lassen mich kalt. Ich rieche den Bestechungsversuch, der mich emotional kaufen möchte. Wir schenken dir die Karten deiner Kindheit, damit du diesen Film magst.

Zurück bleiben der enttäuschte Erwachsene und das sentimentale Kind in mir. Sie schauen sich an und sind sich sicher, dass zumindest die Knopfaugen Pikachus in Erinnerung bleiben werden. Denn das Schönste in den 104 Minuten war der kurze Moment, in dem ich mich wieder wie mit sechs gefühlt habe.

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Quelle: NOIZZ-Redaktion