Der Albtraum aller Freischaffenden: Die Idee, an der man seit Jahren sitzt, wird von einem Big Player aufgegriffen und im großen Stil produziert – ohne jegliche Anerkennung. Genau das, glauben zwei Frauen aus Berlin, ist ihnen gerade passiert. Die Macherinnen des zwei Jahre alten "Wiedervereinigung"-Podcasts erkennen im neuen Ost-West-Podcast "Kohl Kids" von WDR und MDR wesentliche Elemente ihres eigenen Formats wieder. Liegt hier Ideendiebstahl vor?

"Bei den Intros ist mir echt die Kinnlade runtergefallen", sagt Yella Roth. "Die haben die Idee mit dem Radiorauschen genommen und noch erweitert mit Modem-Piepen. Inklusive dem Sound-Fragment bei 'wiedervereint' – hier noch mit Helmut-Kohl-Aufnahme, weil WDR und MDR natürlich die Ressourcen haben, Archivmaterial ausfindig zu machen."

Aber der Reihe nach. Was genau ist passiert?

Im Winter 2017 haben die Freundinnen Yella Roth, 32, und Maxi Bethge, 31, die erste Podcast-Folge aufgenommen über ein Thema, das beide vereint: Ost und West. Yella kommt aus Hessen, Maxi ist gebürtige Thüringerin. Kennengelernt haben sie sich in Berlin.

Die Idee zu einem Podcast sei ihnen Ende 2017 gekommen, sagen Maxi und Yella. Den Podcast "Wiedervereinigung" veröffentlichen sie seit Januar 2018 in unregelmäßigen Abständen. "So wie uns das gefällt, ohne monetäre Gegenleistung oder Sponsoren und mit einer kleinen, organisch gewachsenen Community."

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"HELLO! Wir sind live!", heißt es im Januar 2018 auf dem ersten Instagram-Post des Podcasts "Wiedervereinigung".

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Die Idee kam gut an, bereits 2019 wurde "Spiegel Online" auf die zwei jungen Podcast-Macherinnen aufmerksam. Bis vor Kurzem konnten Yella und Maxi den Podcast nur über SoundCloud teilen, Spotify hatte die Uploads zuvor nicht bewilligt. Seit dem 15. September 2020 ist "Wiedervereinigung, der Podcast" aber auch auf Spotify abrufbar.

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WDR und MDR bringen ebenfalls einen Nachwende-Podcast heraus

Knapp eine Woche vorher, am 9. September, veröffentlichen die öffentlich-rechtlichen Sender WDR und MDR die erste Folge ihres neuen Podcasts "Kohl Kids". Darin geht es ebenfalls um die Gedanken zweier junger Frauen der Nachwende-Generation. Die Moderatorinnen sind die Journalistin Jule Wasabi, 27, die durch ihren Deutschrap-Podcast "Schacht und Wasabi" beim "BR"-Jugendformat Puls eine gewisse Bekanntheit erlangt hat (je rund 22.000 Follower auf Twitter und Instagram), und MDR-Redakteurin Friederike Schicht, 28. Wie Maxi und Yella sind Rike Schicht und Jule Wasabi aus Ost und West.

In der Pressemitteilung des WDR zum Podcast heißt es: "In 'Kohl Kids' geben die Moderatorinnen der Nachwende-Generation eine Stimme. Sie hinterfragen, was sich in Deutschland seit der Wiedervereinigung verändert hat und wie es den Menschen in Ost und West heute geht."

Das klingt für Maxi und Yella 1:1 wie ihr eigener Podcast.

"Die Rike kenne ich von Instagram und über eine Kommilitonin", sagt Maxi Bethge. "Sie reagiert manchmal auf meine Storys und ich auf ihre. Der Podcast kann nicht an ihr vorbei gegangen sein. Sie hat auch viele Posts von uns gelikt." Auch "Kohl Kids"-Formatentwicklerin Dani Woytewicz hatte Beiträge des "Wiedervereinigung"-Podcasts geliket.

Die "Kohl Kids"-Macherinnen melden sich bei Maxi und Yella

Maxi führt weiter aus: "Zu unserer großen Überraschung schrieb uns der 'Kohl Kids'-Podcast am 9. September 2020 per Direktnachricht auf Instagram an – mit der Bitte um Support und fleißiges Sharen mit unserer Community. Das Thema des Podcasts: 'Nachwendekinder'; das Duo: zwei junge Frauen, die sich in Berlin kennengelernt haben, eine aus Ost, eine aus West."

Das Thema, dem sie sich selbst seit zwei Jahren widmen, von einem großen Sender mit bekannten Gesichtern umgesetzt zu sehen, verwunderte Maxi und Yella. Sie sehen hier eine mögliche Verletzung ihres Urheberrechts.

In einem Brief an den WDR mit der Bitte um Stellungnahme schreiben Maxi und Yella: "Wir recherchierten, ob es womöglich schon ähnliche Podcasts zu diesem Format gab und sahen, dass es sich meistens um zeitgeschichtliche Auseinandersetzungen […] handelte. Keine persönlichen, lockeren und witzigen Gesprächsrunden, wie man sie aus Unterhaltungs-Podcasts kennt. Die Beschäftigung und der Leitfaden rund um Wiedervereinigung mit einem Frauen-Duo hatten wir so noch nicht gesehen. Also setzten wir diese Idee um und 'Wiedervereinigung, der Podcast' feierte am 5. Januar 2018 seine Premiere."

Nun liegen bestimmte Dinge auf der Hand bei der Umsetzung des Themas Nachwende-Generation. Maxi und Yella sehen Parallelen beim Intro, bei der Podcast-Beschreibung und beim Konzept. Maxi sagt: "Wir bestreiten nicht, dass es die Idee zigmal geben kann. Es geht uns nicht um die Idee, sondern die Umsetzung der Idee. Man kann halt nicht bestreiten, dass wir und unser Konzept zuerst da waren. Es ist unsolidarisch uns nicht zu informieren."

Aber die beiden Wahl-Berlinerinnen sehen nicht nur mit Blick auf den Inhalt und die Idee Parallelen zwischen den Podcasts. Sie meinen, auch bei der Umsetzung und auf den Instagram-Accounts deutliche Ähnlichkeiten ausgemacht zu haben.

Diese Parallelen sehen Maxi und Yella zwischen "Wiedervereinigung, der Podcast" und "Kohl Kids"

Podcast-Beschreibung von "Wiedervereinigung":

"Maxi und Yella wohnen in Berlin und reden über den Osten und den Westen. Was ist noch übrig von der Teilung Deutschlands? Kann man sich überhaupt ein Urteil anmaßen, wenn man erst nach der Wende laufen und denken gelernt hat? Mal ernst, meistens auch ziemlich albern, lassen die beiden kein Klischee aus und feiern dabei Einigkeit und Recht und Freiheit und ihre Ost-West-Freundschaft. Und wer glaubt, dass es nur deutsche Geschichten der Teilung und Wiedervereinigung gibt, der darf gerne in diesem Podcast über den schwarz-rot-goldenen Tellerrand schauen."

Podcast-Beschreibung von "Kohl Kids":

"Warum sprechen zwei junge Frauen 2020 immer noch über Ost und West? Das diskutieren Rike und Jule in der ersten Folge von "Kohl Kids". Sie erzählen, wo ihnen das erste Mal richtig bewusst geworden ist, dass Deutschland einmal geteilt war. Sie fragen sich offen und ehrlich, nach Vorurteilen und Klischees, die auch sie noch im Kopf haben. Und: Sie sprechen über ihre eigenen Ausgrenzungserfahrungen. Spoiler: Es wird emotional. Viel Spaß beim Hören!"

Yella und Maxi im Februar 2018 auf dem Instagram-Account @wiedervereinigung.podcast:

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Rike Schicht und Jule Wasabi im September 2020 auf dem Instagram-Account @kohlkids.podcast:

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Titelbild zur 15. Folge des "Wiedervereinigung"-Podcasts:

"Wiedervereinigung"-Podcast, Folge 15

Posting auf dem Instagram-Kanal von "Kohl Kids":

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Die Ähnlichkeiten sehen nicht nur Yella und Maxi. Unter den Posts auf der Instagram-Seite des "Kohl Kids"-Podcasts häufen sich Kommentare, in denen User*innen darüber staunen:

Kommentar unter einem "Kohl Kids"-Posting auf Instagram

Ideen-Klau in der Medienlandschaft

Es ist nicht das erste Mal, dass Podcaster*innen oder freischaffende Künstler*innen das Gefühl haben, von großen Institutionen beklaut worden zu sein. Ob die Idee absichtlich kopiert wurde oder nicht – ein eigennütziges Umgehen mit dem Urheberrecht ist ein Problem in vielen kreativen Branchen. Im Modebereich war zuletzt der Luxus-Brand Balenciaga vorgeworfen, die Ideen einer Jungdesignerin geklaut zu haben (NOIZZ berichtete). Auch die Geschichte der jungen Kreativen Pavlina Vlachopoulou, die sich mit dem Werbe-Riesen Scholz & Friends stritt, machte Online-Schlagzeilen.

Ohne Folgen war ein Fall im Journalismus, der nur Kennern der US-amerikanischen wie deutschsprachigen Medienlandschaft aufgefallen sein wird: Das ursprünglich in der Schweiz beheimatete News-Portal "Watson" rühmte sich eines unterhaltsamen Videoformats, in dem Redakteur*innen sich vor laufender Kamera betranken und über ihr Hass-Thema echauffierten: "Wein doch!", hieß das Format dort seit 2017. Erfunden hatte "Whine about it" aber bereits 2015 das US-Portal "BuzzFeed", das mittlerweile auch in Deutschland einen Ableger hat.

Auch im Podcast-Business gab es kürzlich einen Fall, bei dem ein David einem Goliath Ideen-Klau vorwarf: Viele finden, der recht neue Spotify-Podcast "Gute Deutsche" von "Tagesschau"-Sprecherin Linda Zervakis würde dem vier Jahre alten Podcast "Halbe Katoffl" von Frank Joung sehr stark ähneln. Das Medienmagazin "Übermedien" hat der Causa einen langen Artikel gewidmet.

Ein positives Gegenbeispiel aus der Musik ist die Sängerin Lizzo, die einen Song auf einem viralen Tweet der Songwriterin Mina Lioness aufbaute. Mittlerweile ist Lioness als Co-Produzentin für ihren Hit "Truth Hurts" aufgelistet.

Aber wie sieht das eigentlich medienrechtlich aus?

Medienanwältin Ingrid Yeboah weiß, ob Ideen rechtlich geschützt sind: "Grundsätzlich genießen Ideen keinen urheberrechtlichen Schutz. Sobald die Idee eine konkrete Form angenommen hat, also der schöpferische Gedanke der Idee sinnlich wahrnehmbar ist, kann ein urheberrechtlicher Schutz in Betracht kommen."

Laut Yeboah sind Urheberrechtsverletzungen vor Gericht schwer zu beweisen..

Gerade gegen große Agenturen oder Verlage vorzugehen, ist für Privatpersonen oft aussichtslos.

"Bei Podcast- oder Fernsehformaten ist zu prüfen, ob die konkrete Gestalt der Idee eine schöpferische Eigentümlichkeit aufweist und nicht bereits vorbekannt ist. Sollte eine schöpferische Eigentümlichkeit vorliegen und sollten diese Elemente nahezu vollständig übernommen worden sein, kann eine Urheberrechtsverletzung vorliegen. In Betracht käme zudem ein wettbewerbsrechtlicher Verstoß. Dazu müssten im Einzelfall weitere Voraussetzungen geprüft und nachgewiesen werden, die unlauteres Verhalten bejahen", so Yeboah.

Für Maxi und Yella ist die Sache klar: WDR und MDR haben ihnen ihren Podcast weggenommen. "Kohl Kids" ist für sie "Wiedervereinigung, der Podcast" im öffentlich-rechtlichen, GEZ-finanzierten Gewand.

Yella Roth sagt: "Das Fairste wäre gewesen, uns gegen Bezahlung mit ins Boot zu holen." Auch ihre Mitstreiterin Maxi Bethge ist enttäuscht: "Ich war immer ein Fan und Verteidiger der Rundfunkgebühren. Ich habe Kommunikationswissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität in München studiert, wo wir uns viel mit unserem Rundfunksystem auseinandergesetzt haben. Ich sitze bei Familienfeiern und verteidige die Notwendigkeit der Gebühren. Umso enttäuschter bin ich darüber, dass wir in diese Situation gebracht werden und einfach Ideen gestohlen wurden."

Der WDR sagt auf NOIZZ-Nachfrage zu dem Fall: "Die Idee von 'Kohl Kids' steht seit 2016, eine gemeinsame Formatentwicklung haben WDR/MDR in 2020 umgesetzt. Das dramaturgische Podcast-Prinzip, dass sich zwei Menschen bei einem Podcast über ein Thema unterhalten, gehört zum Standard-Repertoire und ist angesichts des Themas 'Nachwendegeneration' naheliegend. Darüber hinaus unterscheiden sich beide Podcasts in der journalistischen Umsetzung erheblich. Die Macher*innen von 'Kohl Kids' würden gerne mit Frau Roth und Frau Bethge ins persönliche Gespräch kommen, dies haben die Beiden bisher aber leider abgelehnt."

Klau oder nicht Klau? Wie immer in solchen Fällen ist diese Frage nicht leicht zu beantworten. Maxi und Yella sagen: Ja. Die "Kohl Kids"-Formatentwicklerin Dani Woytewicz sowie WDR/MDR sagen: Nein. Falls sie doch von "Wiedervereinigung, der Podcast" gewusst haben, wäre es wahrscheinlich nicht falsch gewesen, einmal auf das ältere Format zu verweisen. Aber vielleicht hatten Jule Wasabi und Rike Schicht sich das ja sowieso vorgenommen – es werden ja noch einige weitere Episoden von "Kohl Kids" folgen.

  • Quelle:
  • Noizz.de