Bei der Pressekonferenz zum neuen Kinofilm "Once Upon a Time in Hollywood".

"Mister Tarantino, welche Berufsbezeichnung passt besser zu Ihnen: Historiker oder Märchenonkel?" Noch hab' ich die Frage nicht gestellt, aber ich habe sie auf der Herrentoilette des Soho House in Berlin zigmal auf Englisch vor mir hergesagt – schließlich sitze ich zusammen mit mehr als 100 Journalisten in der Pressekonferenz des neuen Tarantino-Streifens "Once Upon a Time in Hollywood" und will mich weder vor den Kollegen noch vor dem Kult-Regisseur blamieren. Brad Pitt, Leonardo DiCaprio, Margot Robbie und die zwei Co-Produzenten sind auch vor Ort – ich sitze in der dritten Reihe, mich trennen von all den lebenden Legenden nur wenige Meter. Ergo: Mir geht die Pumpe.

Die "Once Upon a Time in Hollywood"-Pressekonferenz im Berliner Soho House Foto: Sebastian Reuter / Sony Pictures Entertainment

Quentin! Brad! Leo! Margot! Klar, dass da Berlin komplett durchdreht. Es kommt ja überraschenderweise gar nicht mal so häufig vor, dass internationale Superstars in der Hauptstadt vorstellig werden. Höchstens bei der Fashion Week oder Berlinale – und da wird man ihrer abseits des Roten Teppichs nicht so richtig habhaft. 

Es verwundert also nicht, dass die Ankunft der maximal prominenten Hollywood-Wesen an der Spree gefeiert wurde, als sei die Sancta Familia höchstselbst via Himmelsleiter zu uns Erdenbürgern hinabgestiegen. "BILD" veröffentlichte Fotos ihrer Landung am Flughafen Berlin-Schönefeld, wo sie mit zwei Privatmaschinen von London aus gelandet waren – "eine halbe Stunde vor Mitternacht". Die Detaildichte verweist auf die Bedeutsamkeit des Beschriebenen: "In gut einem Dutzend Limousinen (mit Ingolstädter Kennzeichen) ging es zum Hipster-Hotel Soho House in Prenzlauer Berg. Zwei Security-Mitarbeiter bewachten die Einfahrt zum Hof, um 0.18 Uhr passierte Brad Pitt das Tor." Das Bild zu Pitts Introitus lieferte dann die "B.Z."

Brad Pitt während seines Aufenthalts in Berlin Foto: Jörg Carstensen / dpa picture alliance

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"Es gibt natürlich eine Fragerunde", sagt am Anfang der Pressekonferenz Steven "Unser Mann in Hollywood" Gätjen. "Ich versuche, so viele ranzukriegen, wie’s geht." Hinter mir sitzt ein Typ mit "Pulp Fiction"-T-Shirt, neben mir ein Redakteur von "Kino.de". Vor mir hält eine Frau einen Zettel mit einem Dutzend Fragen in der Hand. Eher unwahrscheinlich, dass sie auch nur eine davon stellen können wird. Und ich? Hoffe, dass ich trotzdem rankomme und übe weiterhin meinen Text. "Mister Tarantino ... Historiker oder Märchenonkel?"

"Once Upon a Time in Hollywood" ist Tarantinos neunter Film. Wieder hat er dafür große Namen gewonnen, wieder spielt der Streifen in der Vergangenheit: diesmal im Hollywood der späten 60er. Dort hadert der versoffene Western-Serien-Star Rick Dalton (Leonardo DiCaprio) mit seiner Karriere. Sein Stuntdouble und Best Buddy Cliff Booth (Brad Pitt) begleitet ihn dabei. Gleichzeitig porträtiert der Film die Hippie-Kommune um den Sektenführer und späteren Massenmörder Charles Manson. 1969 hatte dieser seine Jünger mit Morden beauftragt, denen unter anderem Sharon Tate zum Opfer fiel, die hochschwangere Schauspielerin und Ehefrau von Roman Polański. Genau genommen handelt es sich bei "Once Upon a Time in Hollywood" um zwei eigenständige Storys, die sich immer wieder berühren und in einem fulminanten Grindhouse-Finale zusammenfinden.

"Es ist Quentins bisher persönlichster Film", sagt Mit-Produzentin Shannon McIntosh, während die Hälfte der Anwesenden mit ihrem Handy draufhalten. "Es geht viel darum, wie er aufgewachsen ist, um seine Kindheitserinnerungen." Wie er in L.A. herumgefahren sei, dabei den Radiosender KHJ gehört und all die Kinos gesehen habe.

Mit-Produzentin Shannon McIntosh und Brad Pitt bei der "Once Upon a Time in Hollywood"-Pressekonferenz in Berlin Foto: Sebastian Reuter / Sony Pictures Entertainment

Tarantino also auch als Historiker seiner eigenen Geschichte? 

Der Regisseur hat sich zuletzt verschiedenen vergangenen Epochen gewidmet: "Inglourious Basterds" spielt im Zweiten Weltkrieg, "Django Unchained" im Zeitalter der US-Sklaverei, "The Hateful Eight" ein paar Jahre nach dem Sezessionskrieg. Immer ist er dabei mit großer Akribie vorgegangen. 

"Quentin ist ein Purist", sagt auch Brad Pitt. "Kein CGI, alles mit der Kamera." Den Hollywood-Boulevard hätten sie in "Once Upon a Time in Hollywood" zum Beispiel Stück für Stück abgedreht. Vier Blocks, dann einen Monat später vier weitere. "Sodass wir am Ende die ganze Straße hatten." Tarantinos Detailversessenheit lasse einen staunen. In den Schaufenstern lagen beim Dreh Requisiten, die im Film gar nicht zu sehen sind – etwa zeitgenössische Flyer und Bücher.

Und erst die sichtbaren Details: die Autos, die Drinks, die Frisuren, die Kleidung, die möbelartigen Fernsehgeräte, die immer wieder eingeschaltet werden und in jedem Haushalt eine zentrale Rolle spielen – selbst in der Manson-Family. Und natürlich die Musik: von The Mamas & The Papas bis zu Deep Purple. Tarantino ist dabei auch ein Aufklärer, ein gnadenloser Entzauberer. Er zerstört das Postkartenidyll Beverly Hills, verweist auf die Banalität des Sehnsuchtsorts. Manchmal kommt einem die Traumfabrik und ihre Umgebung vor wie die tiefste Provinz, das nächstbeste Dorf, in dem sich ein paar ganz besonders schräge Vögel versammelt haben. 

Szene aus "Once Upon a Time in Hollywood": Brad Pitt und Leonardo DiCaprio als Cliff Booth und Rick Dalton Foto: Andrew Cooper / Sony Pictures Entertainment

Zwei davon spielen DiCaprio und Pitt – "zwei Recken am Rand von Hollywood", wie Letzterer es formuliert. Tarantino hat den beiden 60er-Jahre-Antlitze verpasst, die sofort an Paul Newman oder Steve McQueen denken lassen: Männer, denen man ansehen durfte, dass sie schon gelebt hatten – Falten, Narben, Geheimratsecken – und die im Zweifel schon mal in einen Krieg gezogen waren. Bei DiCaprio kommt eine Versoffenheit hinzu, die kaum jemandem in der Branche besser steht als ihm (wie Tokio Hotel mir mal gesteckt hat, ist er ja auch im echten Leben ein ausgesprochenes Feierbiest), sein Kompagnon Pitt versprüht mit jeder Faser Nolens-volens-Randständigkeit. Once upon a time nannte man solche Typen "echte Männer". 

"Echte Frauen" gab es auch. Sie trugen weiße Cowboystiefel und Miniröcke sowie schwarze Rollkragenpullover, hatten lange blonde Mähnen und vollführten zielsichere Augenaufschläge. Kameras folgten ihren Beinen, bis etwas dazwischen kam – so jedenfalls rekonstruiert Tarantino die Lebenswirklichkeit von Sharon Tate, jener Schauspielerin, die den 60ern als eine der schönsten Frauen galt. Im Film wird sie von Margot Robbie gespielt. Man kann nur sagen: und wie. 

Margot Robbie als Sharon Tate in "Once Upon a Time in Hollywood" Foto: Andrew Cooper / Sony Pictures Entertainment

Es ist eine schöne und gleichzeitig kaputte Zeit, die Tarantino uns da vor Augen führt. Eine Zeit voller Ungleichheit und Hoffnungen, eine Zeit weit vor der #MeToo-Debatte, in der eine Party in der Playboy Mansion noch als Himmel auf Erden galt. Eine undemokratische Zeit, in der Menschen noch träumten. Eine Zeit, in der man bei Polański noch nicht an Vergewaltigung dachte. Bei Tarantino donnert er, gespielt von Rafal Zawierucha, noch unbeschwert im MG-Roadster über den Cielo Drive. Er trägt ein exzentrisches Mozart-Outfit, seine Frau Sharon Tate ein "Kill Bill"-gelbes Dress. Es waren die Tage vor den brutalen Manson-Morden. 

Szene aus "Once Upon a Time in Hollywood": Margot Robbie als Sharon Tate auf einer Party in der Playboy Mansion Foto: Andrew Cooper / Sony Pictures Entertainment

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Steven Gätjen eröffnet die Fragerunde. Er nimmt eine Kollegin von "Spätvorstellung – Das Kinomagazin" dran. Während sie ihre Frage stellt und Tarantino antwortet, strecke ich durchgehend meinen Finger in die Luft. "Mister Tarantino ...", rattert es in meinem Kopf. Gätjen sieht mich, schaut mir in die Augen, nickt. "Yes!", denke ich bei mir und wähne mich schon siegessicher. Allein, als Nächstes kommt mein Nachbar ran, der Typ von "Kino.de". Dasselbe Spiel: Ich melde mich, Gätjen sieht mich, nickt, ich nehme meine Hand runter, ich hoffe – und komme wieder nicht ran. Stattdessen diesmal der "Pulp Fiction"-Fan hinter mir. "Hey, I like your shirt!", sagt Tarantino, und alle lachen. Außer mir. 

Historiker oder Märchenonkel? 

"Once Upon a Time …" ("Es war einmal …") verweist einerseits natürlich aufs Märchen. Denn auch wenn Tarantinos Settings historisch sind, schreibt er die Geschichte immer um. Hitler wird ermordet, die Sklaverei abgeschafft. In der Literatur nennt man das Alternativweltgeschichte. Beispiele: Philip Roths "Plot Against America" und Philip K. Dicks "Man in the High Castle". Und auch "Once Upon a Time in Hollywood" – so viel darf verraten werden – schreibt die Historie, wie wir sie kennen, um. (Außerdem erlebt einer der Hauptdarsteller am Ende einen Märchenmoment, den sich Walt Disney höchstselbst nicht besser hätte ausdenken können.)

Aber immerhin ist "Once Upon a Time" auch eine unmissverständliche Anspielung auf den legendären Italowestern "Once Upon a Time in the West" ("Spiel mir das Lied vom Tod") von Sergio Leone. Tarantino bekennt sich damit also zumindest zum Filmhistorikertum (was zugegebenermaßen nichts Neues ist.) "Sergio Leone ist der Vater des modernen Films", sagt er dann auch in der Pressekonferenz. "Wie er Musik benutzte – aber vor allem auch, wie er auf die Musik schnitt. Das hat man vorher nicht gemacht." Das Duell am Ende von "Zwei glorreiche Halunken" sei sein absoluter Lieblings-Film-Moment.

Vorbei. Und ich bin nicht rangekommen. Aber während ich Quentin und Leo und Margot und den beiden Mit-Produzenten noch beim Abhauen hinterherschaue, sehe ich, dass Brad stehengeblieben ist und sich um ihn eine Menschentraube bildet. Ich springe auf, schiebe mich mit Hilfe meiner Ellbogen an unwissenden Kollegen vorbei – und stehe direkt hinter ihm. Er dreht sich weg, will schon gehen, da schmetter' ich ihm die stets wirksame Beschwörungsformel der internationalen Selfiejäger-Kaste entgegen: "Mister Pitt, just one picture, please!"

Und die Moral von der Geschicht? Märchen beginnen manchmal mit "Es war einmal in einer Pressekonferenz ...".

"Once Upon a Time in Hollywood" kommt in Deutschland am 14. August in die Kinos.

Quelle: Noizz.de