Es geht zurück an den Anfang.

Acht lange Jahre hat es gedauert bis Publisher „Activision“ mit Call of Duty WWII ins Setting des Zweiten Weltkriegs zurückkehrt.

Acht lange Jahre mit Ausflügen in die Gegenwart („Modern Warfare“), die Zukunft („Advanced Warfare“) und sogar das Weltall („Infinite Warfare“). Jetzt kehrt „Call of Duty“ dorthin zurück, wo 2003 alles begann.

Der zweite Weltkrieg kehrt zurück

„Call of Duty: World War II“ führt uns über die Landung der Alliierten im Sommer 1944 in der Normandie, durch das besetzte Frankreich über das zerstörte Aachen bis an den Rhein. In zwölf Missionen will der Singleplayer-Modus „eine Geschichte näherbringen, die die dramatistischsten und bekanntesten Momente des Zweiten Weltkrieges anhand eines jungen Soldaten aufzeigt, der mit der Realität des Krieges, umgeben von seinen Kameraden, konfrontiert ist.“ So sagt es immerhin Publisher Activision.

Der Start der Kamagne: Landung in der Normandie Foto: Activision / Promo

Ein Held für die USA

Und so folgen wir dem Hauptprotagonisten Ronald „Red“ Daniels und seinem Platoon auf ihrem Weg. Freunde, Ehefrau, Kinder, Angst, Kälte, Neid, Hass. Alle Farben des Emotions-Malkastens werden mal weniger und mal mehr abgedeckt. Mit der Zeit lernt man die Charakterstärken und -schwächen seiner Kameraden kennen.

Robert Zussmann – „unser“ bester Freund Foto: Activision / Promo

Da ist vor allem Robert Zussman. Der US-Amerikaner mit jüdischen Wurzeln, verkommt in der Kampagne zum zweitwichtigste Protagonisten – und wächst uns, wie Daniels, ans Herz.

Abgesehen von einzelnen Momenten (Panzerfahren, fliegen, Widerstand in Frankreich) bleiben wir diesem Platoon treu, spielen immer Daniels. Dessen Familien- und Lebensgeschichte liefert uns das Spiel Häppchenweise. Dadurch gewinnt die Story an emotionaler Tiefe – auch wenn hier einiges an Potential verschenkt wurde. Die Tagebuch-Einträge – samt späterer Auflösung – vermitteln jedoch ein gewisses Gefühl für die damalige Situation.

Achtung Fotorealismus

Unser Platoon Foto: Activision / Promo

Die gerenderten Zwischensequenzen sind dabei so fotorealistisch, dass man gefühlte 80 Mal hinschauen muss, um die Frage „Ist das jetzt echt?“ zu beantworten.

Abgsehen von kleineren Clipping-Fehlern läuft das (auf der XBOX-ONE geteste) Spiel flüssig und ohne Frame-Einbrüche – und sieht dabei einfach fantastisch aus. Details, Gesichtszüge, Matsch, Schneeverwehungen, Chaos. Alles ist wie aus einem Guss.

Mehr Action als bei Michael Bay

Doch (ACHTUNG: Phrasenalarm) wo viel Licht ist, fällt auch viel Schatten. Teilweise kommt einem das Gefühl, in einem Michael-Bay-Film zu sein. Wie oft Sachen spektakulär in die Luft fliegen, Wrackteile an einem vorbeisausen und man nur knapp dem Tod entrinnt, ist schon übertrieben, nein überinszeniert. In diesen Moment entfernt sich das Spield drastisch von der Maxime „Authentizität“ und nähert sich der Beschreibung „Kino-Bombast“ gefährlich an.

Wäre der zweite Weltkrieg so verlaufen, sollten sich Historiker noch einmal in die Schreibstuben begeben und fast alles umschreiben. Aber nicht falschverstehen: Gut ist die Inszenierung schon – nur nicht akkurat. Doch ist das überhaupt das Ziel gewesen?

Stille Highlights

Dazu sind stille Momente im Singleplayer rar gesät. Eine Ausnahme in der 12-Kapitel-Kampagne bildet der „Epilog“, der in seiner Inszeneriung seines gleichen sucht.

(ACHTUNG SPOILER)

Als erstes Spiel behandelt CoD WW2 die Gräuel des Holocausts, wenn auch nur in dezenter und interaktiver Form. Zum Abschluss betreten wir nämlich ein Konzentrationslager, welches – auch ohne Haufen von getöteten Insassen zu zeigen – einen Einblick in die NS-Zeit bietet. Die Entwickler sagten im Vorfeld selber, dass sie Angst hatten, dem Thema nicht gerecht zu werden.

Ein absolutes, wenn nicht das, Highlight des Spiels findet im besetzten Paris statt. Hier kämpfen wir als französische Widerstandskämpferin Rousseau gegen die deutschen Besatzer. Das Ziel: Eindringen in das Hauptquartier, Gespräche mit hochrangingen Offizieren. Immer mit dem Credo: Bloß nicht auffallen, die „eigene“, deutsche (!) Geschichte kennen, am besten schleichen und keinen Schusswechsel provozieren.

Verbesserungswürdige KI

William Pierson, unser Vorgesetzter Foto: Activision / Promo

Im gesamten Spiel fallen aber leider ab und zu tölpelhafte Gegner, Glitsches und kleinere Bugs auf: Die Kameraden des Platoons, jeder hat seine eigene Aufgabe (Belieferung mit Granaten, Munition und Medipacks), sind weniger hilfreich als man von einem Spiel aus dem Jahr 2017 erwarten könnte: Abgsehen von ihren Zulieferer-Aufgaben (ein Knopfdruck genügt) schießen sie ungenau und treten ausschließlich in den Vordergrund, wenn es die Cut-Szenes wirklich erfordern.

Leider vergeht auch einiges an Wartezeit bis man eine neue Lieferung von Munition, Granaten oder Medipacks erhält. Diese Wartezeit lässt sich durch Kills verkürzen. Da es aber keine automatische Heilung gibt – und herumliegende Medipacks rar gesät sind – muss der Spieler ab und an in Harakiri-Manier quer über das Spielfeld zum „Medizinmann“ rennen, um sich zu erholen. Das ist leider nicht „so“ realistisch.

Linearität vor Freiheit

Genau an diesem Punkt ist ein weiterer Malus des Spiels zu benennen: Checkpoints. Wenn wir uns an einem Punkt des Spiels der Gegnermassen erwehren, könnte es Stunden so weitergehen, wenn wir nicht einen bestimmten Punkt erreichen. Im Hintergrund spawnen die Deutschen immer weiter. Da heißt es dann: Augen zu durch und ab nach vorne. Haben wir diesen einen Checkpoint, der gleichzeitig der nächste Speicherpunkt ist, erreicht, geht die Handlung weiter. Es ist jedoch schade, dass der Gegner damit mehr zum „Nerviges Hindernis auf dem Weg zum Checkpoint“ als zum „Kämpfer um den Sieg“ wird.

Exorbitante, aber ziemlich tumbe, Gegnermassen, die das Spiegefühl größtenteils dominieren, verkommen dadurch allzu oft zu lebenden Zielscheiben, die der Reihe nach „abgeknallt“ werden müssen.

Schade ist auch, dass der Schlauch auffällt, in dem der Spieler sich befindet. Schließlich gibt es, alleine wegen der unzähligen Cut-Scenes und Bereichsereignisse, unzählige Zwischensequenzen. Doch selbst ohne diese Ereignisse ist nicht zu übersehen / zu überspielen, dass selbst kleinste Anhöhen und Zäune nicht überwunden werden können, wenn die – zu sehende – Spielwelt nicht existiert. Schade: Hier wurde einiges an Möglichkeiten verschenkt – so erinnert es mehr an „Call of Duty 2“, denn an ein Spiel, das „State of the Art“ ist.

Großartige Akustik

Doch selbst solche Szenen werden akustisch brillant untermalt. Das im Hintergrund zu vernehmende Orchester geht mal in die Höhen, mal in die Tiefen, wird mal lauter, mal leiser. Gerade in den Schleichmissionen entsteht so eine knisternde Atmosphäre. Martialisch, tragisch, pumpend. Bereits im Intro und Hauptmenü wird man gepackt. So geht ein Spiel-Soundtrack!

Ungemein brutal

Nicht zu vergessen: Das Spiel ist brutal, sehr brutal. Abgeschossene Körperteile, Blut, schwere Verletzungen, erhängte Menschen.

All das wird nicht zimperlich dargestellt. Die Irrungen und Wirrungen des Krieges, das sinnlose Töten, werden zum Teil begreifbar. Leider aber nur in der Dramatik und Brutalität, nicht in den leiseren Tönen, nicht in weiterführenden Dialogen und speziellen Aufgaben Hier hat das Spiel einiges an erzählerischen Chancen verpasst.

Nach 9 Stunden ist Schluss

Je nach Schwierigkeitsgrad (es gibt vier verschiedene) dauert der Kampagnen-Modus zwischen 7 und 10 Stunden. Zum Glück gibt es dann noch weitere Modi, die den Kauf rechtfertigen. Ohnehin werden die durchschnittlichen Spieler mehr Zeit Online als im Singleplayer-Modus verbringen. Auf neun sehr ausbalancierten Karten können sich die Spieler austoben oder im Koop den Zombie-Mode spielen.

Fazit

Großartig und kurzweilig inszenierter Weltkriegsshooter, der trotz Story-, KI- und Michael-Bay-Schnitzer zu unterhalten vermag.

Etwas leisere Töne, ein bisschen mehr Authentizität und ein eventuelles Einbauen der Ostfront in die Geschichte würden einen potentiellen Nachfolger auf das nächste Level heben.

Doch der Multiplayer-Modus fesselt stundenlang – er macht süchtig! Gerade der Nazi-Zombie-Modus muss gespielt werden.

Quelle: Noizz.de