Die Rapperin macht einfach nur noch, worauf sie Bock hat – auch auf der Bühne.

Da kommt sie endlich. Die „Queen of Rap“, Nicki Minaj, betritt um 21.30 Uhr die Bühne in der Mercedes-Benz-Arena in Berlin. Besser gesagt: Sie stolziert. In goldener Korsage und mit Krone auf dem Kopf. Sie steigt von einem einfahrenden Einhorn mit riesigen Flügeln. Wer ihren Tournee-Merch kauft, erkennt das Motiv wieder: Es ist auf ihre pinkfarbenen und schwarzen Hoodies und Shirts gedruckt. Einige Fans tragen die Klamotten und kreischen, weil die Queen jetzt wirklich live vor ihnen steht und nicht mehr nur als Print auf ihren T-Shirts klebt.

Sie ist live super sweet zu den Fans, viel nahbarer, als man dank ihres Diven-Status erwarten würde. Sie bedankt sich, dass „ihr alle heute hier bei mir seid, wo ihr doch gerade überall auf der Welt sein könntet“. Nicki Minaj ist gemacht für die Bühne. Ihre Mimik und Gestik ist live und in persona genauso göttlich wie in den Musikvideos und den daraus entstandenen Memes.

Jede noch so kleine, alltägliche Bewegung hat Präsenz. Sie läuft nicht: Sie tippelt. Sie schwebt. Jeden Satz den sie sagt, unterstreicht sie: mit einem Wimpern-Klimpern, mit einem Zungen-Schnalzen, mit schallendem Gelächter. Kurios: Diese ganzen Details scheinen nicht aufgesetzt. Sie passen einfach zu dieser ausufernden Persönlichkeit. Nicki Minaj ist einfach „extra“. Das ist ihre Art, das ist ihre Natur. Was Nicki fühlt, sieht man Nickis Gesicht an. So sieht und fühlt man bei dem Konzert ihre Begeisterung, ihren Stolz, ihren Spaß an der Show.

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Aber auch ihren Frust. Denn längst läuft nicht alles glatt bei dem Konzert. Und anders als Beyoncé, die auch munter weitersingt, wenn sich ihre Haare in einer Luftmaschine verfangen und ihr der Druck fast die Schädeldecke abzureißen droht, bricht Nicki einfach mitten im Song Truffle Butter ab und kommandiert mit nur zwei unmissverständlichen Blicken einen Helfer auf die Bühne. Sie dreht ihrem Publikum den Rücken zu, schüttelt ihre über-den-Pfirsich-Popo-langen Extensions, während der nervöse Typ an ihr rumhantiert.

Danach stellt sie cheecky lachend klar: „Mir sind fast meine Brüste rausgehüpft. Das konnte ich nicht zulassen!“ Die schüchterne Nicki, die ihre Fans vor zu viel Freizügigkeit schützen will, verschwindet zum Glück schnell. Hätte ihr nach dem legendären Anaconda-Musikvideo doch eh keiner abgekauft. Ein paar Songs später staunt sie, dass ihre deutschen Fans auch die versexten Lines mitrappen. Sie hatte anscheinend ein prüdes Bild von den Deutschen im Kopf. Und sie fragt auch nochmal nach, ob die deutschen Fans ihr erlauben, ein bisschen dirtyer zu werden. Tobende Zustimmung. „Was in Berlin passiert, bleibt in Berlin“, schwört sie. Und die Rapperin gönnt sich.

Sie deutet an, dass ein männlicher Tänzer sie leckt. Sie setzt einen Tänzer auf einen Stuhl, dreht seinen Kopf, Domina-Moves. Dann hockt sie sich vor ihn, performt einen Luft-Blowjob. Sie lässt ihre Brüste wackeln, wie das Bodybuilder und Gangster-Rapper in Videos machen. Sie legt sich auf den Rücken, spreizt ihre Beine zu dem berühmten überdehnten V aus ihrem Anacando-Video. Sie berührt sich, als ob sie sich selbst befriedigt. Nicki Minaj lässt keinen Zweifel zu: Diese Frau ist sexuell selbstbestimmt, feiert ihren Körper, ihre Feminität.

Wegen ihrer hart erkämpften Machtposition als Frau im Rap-Game, ihrer Selbstliebe und emanzipierten Lines in ihren Songs feiern ihre Fans sie als eine Art Feministin der Rap-Popkultur. Auch die LGBTQ-Community vergöttert sie. Bei ihrer Show bricht sie mit Gender-Klischees, in dem ihre männlichen Tänzer eine Cheerleading-Performance abliefern. Alle Tänzerinnen stecken, genau wie die Tänzer, in freizügigen Lack-und-Leder-Looks, alle sehr stark, sehr definiert, aber auch alle geschminkt. Ein Spiegel für das Publikum: Junge Männer in High-Heels und Make-up, kurvige Frauen in Animal-all-over-Look mit roten Perücken, die Kleider eng anliegend und tief ausgeschnitten, die Röcke ultra-kurz und die Schuhe ultra-hoch.

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Dieses Problem mit den den Killer-Heels kennt die kleine Nicki mit ihren nicht mal 1,60 Metern Körpergröße. Damit sie weiter ihre Reize einsetzen kann, ruft sie sich spontan wieder Helfer auf die Bühne. Damit sie ihr die Schuhe ausziehen. Ein Moment, so abgefahren, so fern von unserer Alltagswelt. Aber Nicki benötigt wirklich Hilfe dabei, die Treter loszuwerden, und schämt sich dafür null. Diese selbstironische Art macht Nicki sympathisch.

Gerüchte um ihren Booty und dessen mutmaßlich mit Schönheits-OPs optimierten Ausmaße twerkt sie mit zuckender Schulter weg. Eine Ikone für Body Positivity, wobei der Begriff für die Rapperin definitiv zu blumig ist. Sie singt es ja auch in ihren Lyrics: She is feeling herself, nicht nur bei dem Song-Snippet Feeling Myself mit Beyoncé. Die Parts der Sängerin kommen vom Band, im Hintergrund laufen Ausschnitte aus dem Musikvideo. So läuft es eigentlich bei jedem Song.

Die Rapperin schmeißt quasi eine große Party mit ihren größten Hits – und vergisst beim Sich-selber-feiern manchmal das Singen und Rappen. Dann übernimmt ein Halb-Playback, was die Sängerin eigentlich nicht nötig hat. Das beweist sie, wenn sie zwischendurch alle von der Bühne schickt und einfach nur das macht, was sie königlich kann: spitten. Ihre Liederauswahl lässt leider nicht so viel Spielraum dafür.

Komischerweise wählt die Rapperin aus ihrem riesigen Repertoire an Songs lieber die aus, bei denen sie nur das Feature ist. Die Hook von wahlweise Ariana Grande, Drake und Beyoncé kommt vom Band. Die Fans sind trotzdem on fire, tanzen auf den Treppen zwischen den Sitzplätzen, filmen sich beim Twerken im Selfiemodus, als wären sie im Club und Nicki Minaj ihre DJane.

Zwischendurch gönnt sie sich eine ausgedehnte Pause, während ein echter DJ wild Radio-Hits mixt, darunter drei Songs von Capital Bra. Fast eine Stunde ist die Rapperin verschwunden. Später gesellt sich Nicki zu ihm. DJ Boof nennt sie nur seine „Queen“, fragt sie, welchen Song er spielen soll. Es folgt ein Hit-Medley mit legendären Tracks wie Monster. Und eine halbstündige Show vom 22-jährigen Nachwuchsrapper Juice Wrld, der wie ein vor Glück und Weed bekiffter Glücksbärchi voll darauf abgeht, dass die große Künstlerin ihn mit auf Tour nimmt.

Ansonsten droppt Nicki einen wilden Mix aus ihren persönlichen Lieblings-Tracks, Mega-Hits wie Superbass und Balladen wie Grand Piano und Save Me, bei denen sie in einem Brautkleid auf der Bühne steht und ein voluminöser Schleier verdeckt, dass die Stimme der Background-Sängerin stärker ist.

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Nickis Stimmung ist fantastisch, und der Beef mit Cardi B wird nicht erwähnt. Einmal teilt die Rapperin lediglich an alle ihre Hater aus und fordert die Fans auf, an jemanden zu denken, den sie richtig hassen oder der sie richtig hasst. „All the German fans be like … Motherfuckers can’t tell me nothing“, bevor sie den wohl härtesten Track des Abends rappt:

Es ist erstaunlich, wie die Künstlerin von super-süß zu FSK-18-sexy switcht und dann so hart disst, dass sich keiner mit ihr anlegen wollen würde. Bloß um dann so zart und zerbrechlich in die Rolle der traurigen Braut zu schlüpfen. Und dann mit dem Abschluss-Song Moment 4 Life die Mood des Konzerts in Berlin auf den Punkt zu bringen. Am Ende, kurz vor Mitternacht, staunt gefühlt jeder über sein Privileg, mit Nicki Minaj im selben Saal gewesen zu sein.

Die Rapperin ist ein Phänomen, das aus der Nähe genau so fesselt wie aus der Ferne. Egal, wie viel drumherum und zwischendrin passiert oder eben nicht: Nichts lenkt ab von den Skills und der schillernden Persönlichkeit der Queen of Rap.

Quelle: Noizz.de