"Twilight" ist zurück. Genauer genommen: Vampir Edward Cullen. Autorin Stephenie Meyer veröffentlichte dieser Tage das erste Buch der "Twilight"-Reihe noch mal – "Bis(s) zur Mitternachtssonne" zeigt dieses Mal die Story aber aus der Sicht des männlichen Protagonisten. Ist das so langweilig, wie man annehmen würde?

Sich über die glitzernden Emo-Vampire aus Forks lustig zu machen, ist ähnlich einfach, wie sich über Sexismus im Hip-Hop zu beschweren: Hat man immer recht mit, sind beides sehr anspruchslose Opfer, und man fragt sich ernsthaft, warum so was so erfolgreich ist.

"Twilight": Weltweiter Erfolg

Stephenie Meyer wurde mit ihrer "Twilight"-Reihe zur Bestseller-Autorin. Weltweit verkaufte sich die vierteilige Buchreihe über 70 Millionen Mal, allein die Verfilmung des ersten Bandes mit Kristen Stewart und Robert Pattinson in den Hauptrollen spielte satte 380 Millionen Dollar ein.

Weltweit hatten viele eine Meinung dazu: Die Fans, sogenannte Twihards, kreischten, wo auch immer der arme Robert Pattinson 2008 auftauchte, Kritiker*innen mahnten, dass die verkitschte Enthaltsamkeit des sexlosen Mensch-Vampirpärchens und die bis zur weiblichen Unmündigkeit durchexerzierten Genderstereotype nicht propagiert werden sollten.

Andere ärgerten sich über den konsequenten Weichspüler, den Meyer hier großzügig über eine eigentlich recht coole und sexy Spezies gegossen hatte: Vampire waren bisher eher als blutsaugende und tragische Hotties aus "Interview mit einem Vampir" oder "Blade" bekannt. Für die meisten war es dann jedoch einfach noch eine Teenie-Story, die vielleicht bisschen mehr Mystik und Melancholie versprach, als sie halten konnte.

"Twilight": Bella und die Vampire

Im ersten "Twilight"-Buch, zu Deutsch "Bis(s) zum Morgengrauen", folgen wir Bella Swan ins verregnete Forks, wo sie auf eine Vampir-Familie trifft, deren Kids mit ihr die Highschool besuchen. Der einzige Single-Vampir der Truppe, Edward Cullen, ist direkt mega interessiert an der 16-Jährigen. Erst weil er sie bis zum letzten Tropfen Blut aussaugen will, dann, weil er sich unsterblich in sie verliebt.

Die ganze Zeit ist Bella sich unsicher, weil sie glaubt, neben dem wunderschönen Vampir wie ein alter Kartoffelsack auszusehen. Er hingegen, so kriegen wir aus ihren Augen mit, ringt permanent damit, Körperlichkeiten zuzulassen und sich schmerzlich daran zu hindern, ihr nicht sofort seine Zähne in den Hals zu rammen. Es geht viel darum, wie Bella ständig irgendwo gegen läuft, für ihren Vater den Haushalt schmeißt und vor allem ständig gerettet werden muss – so weit, so 18. Jahrhundert.

Autorin Stephenie Meyer plant noch mehr Vampir-Geschichten.

Bella Swan: Der typische traurige Teenager?

Wir bekommen aus ihrer Sicht aber auch ein gewisses Flirten mit der eigenen Todessehnsucht und die gleichzeitige Angst vor Vergänglichkeit mit. Außerdem ist Bellas Sich-fremd-fühlen in der eigenen Peergroup der Wunsch danach, trotz des eigenen Mittelmaßes als besonders angesehen zu werden, und die maßlose Intensität der ersten Liebe etwas, was einem in bestimmten Stationen des eigenen Lebens auch bekannt vorkommen dürfte. Vermutlich vornehmlich in der Pubertät und wenn man zur emotionaleren Personengruppe steht. Man könnte versuchen, den Erfolg der eigentlich ziemlich platten und vorhersehbaren Storyline der "Twilight"-Bücher damit zu erklären.

All das bietet der neue/alte Band der "Twilight"-Reihe allerdings nicht. Denn in der ursprünglichen Version, mit Bella als Erzählerin, gibt das Nichtwissen und die jugendliche Unsicherheit die Spannung vor: Sie beschäftigt sich mit dem eigenen Teenie-Dasein auf entrückte Weise, gleichzeitig begehrt sie einen unerreichbaren Typen, der sie aber trotz aller Widersprüche auch will. Der wiederum dennoch bis zum Ende eine gewisse Faszination ausübt – einfach, weil Bella nie hinter all seine Geheimnisse kommen wird.

Ist Edward Cullen einfach ein bisschen stumpf?

In "Bis(s) zu Mitternachtssonne" gibt es keine Mystik, keine Geheimnisse, nichts Unergründliches oder Unausgesprochenes. Wir schauen ja anhand von Meyers Feder in Edward Cullens Kopf – und da ist weit weniger, als vielleicht angenommen. Sprachlich versiert ist der Vampir für seine über 100 Jahre jedenfalls nicht. Ist alles in fast schon fantasieloser Einfachheit aufgeschrieben. Das mag aber gleichzeitig auch den Erfolg der Autorin ausmachen: Man rutscht widerstandslos durch die Zeilen und Seiten.

Und die bestehen vornehmlich aus Jammern und Zweifeln und das immer wieder neue Durchkauen von Schuld und Unschuld. Hauptsächlich ist Edward damit beschäftigt, sich entweder an seinem Egoismus abzuarbeiten, den er seiner Meinung nach an den Tag legt: Würde er Bella wirklich lieben, würde er sie in Ruhe und dadurch auch in Sicherheit lassen; der eigene Egoismus, in ihrer Nähe sein zu wollen, ist jedoch stärker. Oder aber er wünscht sich in Gedanken, sie möge doch endlich vor ihm, der gefährlichen Bestie, davonlaufen. Würde man jedes Mal, wenn Edward mit den Wortgruppen Egoismus oder Warnung hantiert, einen trinken: Man würde dieses Buch nicht ohne Alkoholvergiftung überstehen.

Kristen Stewart und Robert Pattinson bei einer "Twilight"-Premiere 2012

Zwischendurch bekommt man noch ziemlich einfallsloses Verliebtsein aufgetischt: "Mein Leben war unendliche, immergleiche Mitternacht. Es musste notwendigerweise immer Mitternacht für mich sein. Wie war es dann möglich, dass mitten in tiefster Nacht die Sonne aufging?", fragt sich Edward über innere Planetenstellungen, als er das erste Mal bei Bella ins Schlafzimmer einbricht, ihr beim Pennen zuzieht (creep alert!), sie im Traum seinen Namen sagt und er sein Glück kaum fassen kann.

Hand berühren? Händchenhalten? Küssen? Alles erscheint in ewig langgezogenem Zögern – nur leider denkt man hier nicht mit Bella, die sich fragt, was los ist, die nach Antworten sucht und einfach Bock auf bisschen Knutschen mit einem offenbar überdurchschnittlich heißen Typen hat. Dafür sieht man aus Edwards Sicht, wie er ständig seine Bella zu einer unberührten, reinen "Maria die Jungfrau" stilisiert und uns mitnimmt in die tiefen Täler seiner manchmal etwas einfältigen Seele. Die nie enden wollenden Leiden des jungen Edward auf knapp 850 Seiten provozieren einen, irgendwann zu denken: Junge, komm mach', oder mach' halt nicht – aber entscheid' dich, sodass wir endlich alle nach Hause können!

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"Twilight"-Fans dürften sich freuen

Trotzdem, und auch wenn die Story hinreichend bekannt ist und nun lediglich durch die "andere Seite" ergänzt wird, dürften sich Twihards oder damalige Leser*innen sicherlich über "Midnight Sun" freuen. Ist bestimmt, wie zurückzureisen in die eigene Jugend. Schaut man zurück, vor allem in eine so wichtige Zeit, verklärt man ja häufig Einiges. Vielleicht ja auch Teenage-Vampirgeschichten.

Stephenie Meyer hat übrigens mittlerweile angekündigt, noch mehr "Twilight"-Bücher zu schreiben. Ob das Konzept weiter bestehen bleibt und sie Kaltblüter Edward die gesamte Story noch mal erzählen lässt, ist nicht bekannt. Wir holen aber schon mal die Taschentücher für die ganze Traurigkeit, die uns damit erwarten könnte.

Stephenie Meyer: Biss zur Mitternachtssonne, 2020, Carlsen Verlag.
  • Quelle:
  • Noizz.de