Wir haben eine Psychotherapeutin gefragt.

Nackte Menschen im Privatfernsehen zur Primetime – eigentlich nichts Besonderes. Aber: Bei der neuen Show "No Body is perfect – Das Nacktexperiment" geht es weder um paarungsbereite Promis in der Südsee, noch um das "Große Abspecken" wie bei der Show mit dem wohlklingenden Namen "The Biggest Loser".

Ganz im Gegenteil – zur Abwechslung sollen die Kandidatinnen und Kandidaten weder schikaniert, noch optimiert werden: Sie sollen lernen, sich in ihrem eigenen Körper wohl zu fühlen. Eine Sendung für Body-Positivity also. Alle drei Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben andere Gründe dafür, dass ihr Körper ihnen nicht gefällt: Von Fettpolstern bis Narben.

Ihnen zur Seite gestellt werden Moderatorin Paula Lambert, Tanzpädagogin und Coach Sandra Wurster, Curvy-Model und Body-Positivity-Aktivistin Silvana Denker und Plus-Size-Model Daniel Schneider. Alle vier sind die ganze Sendung über nackt, ihre Haut ist nur von bunten Bodypaintings bedeckt. Das sieht dann so aus:

Der Clue der Sendung: Die vier Coaches führen die vier die Teilnehmenden in vier Tagen auf der griechischen Insel Mykonos durch verschiedene Herausforderungen. Am Ende sollen sie sich selbst so annehmen, wie sie sind, um dann am "Naked Beach" "alle Hüllen fallen lassen", wie es auf der Website der Sendung steht. Dort heißt es auch: "Kann man in vier Tagen tatsächlich lernen, sich selbst zu lieben?"

Genau das haben wir die Pyschotherapeutin Anke Glaßmeyer gefragt. Sie bietet psychologische Online-Beratung an und weiß, was die über 14.000 Follower ihres Instagram-Channels bewegt. Außerdem hostet sie den Podcast "Die Psychotanten".

NOIZZ: Kann es funktionieren, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die ihre Körper hassen, in kurzer Zeit lernen, diese zu lieben – und das noch vor laufender Kamera?

Anke Glaßmeyer: Dass eine Person in so kurzer Zeit lernen kann, ihren Körper zu lieben und den Hass ablegt, sehe ich sehr kritisch. Da spielen schließlich auch eine Menge Druck und Nervosität eine Rolle. Meiner Meinung nach ist es ein langfristiger Prozess, sich selbst anzunehmen und zu lieben, so wie man ist. Und das in so einer kurzen Sendung, vor laufender Kamera und nackt zu erreichen, wage ich zumindest zu bezweifeln. Ich will es nicht ausschließen. Aber an meinen eigenen Patienten sehe ich eben, dass es ein langfristiger Prozess ist, bei dem man auch viel aufarbeiten muss. Therapie dauert nicht umsonst fast immer sehr lange.

Bei "No body is perfect" sollen sich die Kandidatinnen und Kandidaten unter anderem 20 Minuten lang nackt im Spiegel betrachten. Gibt es solche Methoden auch in richtigen Therapien? Und welche Übungen kann man noch machen, um seinen Körper anzunehmen?

Glaßmeyer: Übungen, bei denen man sich 20 Minuten nackt vor den Spiegel stellt, um seinen Körper lieben zu lernen, sind mir jetzt nicht bekannt. Aber es gibt auf jeden Fall Therapien, in denen es zum Beispiel um Essstörungen geht, was ja auch damit zusammenhängt, dass eine Person ihren Körper ablehnt, sich minderwertig fühlt. Bei diesen Therapien gibt es Übungen, in denen sich die Person lange im Spiegel anschaut, um ein Gefühl dafür zu bekommen: "Wer bin ich, wen sehe ich da vor mir, was ist schön an mir?" Andere Übungen, um sich selbst anzunehmen, sind zum Beispiel, dass man hinterfragt: Welche Stärken habe ich? Und dass man sich bewusst macht, wie dankbar man seinem Körper sein kann. Da geht es dann nicht nur um das Äußere, sondern auch um das Innere. Bei der Psychotherapie geht es darum, diese beiden Dinge in Einklang zu bringen. Und dieses Zurschaustellen des Äußeren, wie es in der Sendung passiert, übt eher Druck aus, der es den Kandidaten erschwert, sich frei von negativen Gefühlen zu machen.

Kann es negative Auswirkungen für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Sendung haben, sich unter einem solchen Zeitdruck "therapieren" zu lassen? Sind sogar Traumata eine mögliche Folge?

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Glaßmeyer: Ein Trauma ist ja wirklich eine Diagnose nach ICD 10 (Klassifikationssystem für medizinische Diagnosen) – ob es bei den Kandidaten entsprechend der offiziellen Kriterien zum Beispiel zu Flashbacks kommt, das kann ich nicht sagen. Da kommt es natürlich immer darauf an, was die Kandidaten schon vorher erlebt haben. Aber es kann auf jeden Fall prägen und auch negative Folgen haben – da kommt es zum Beispiel auch darauf an, wie die Presse hinterher auf die Folgen reagiert, wie über die Kandidaten persönlich geschrieben wird. Ob man sich unter Zeitdruck schneller lieben lernen kann, als sonst, wage ich auch zu bezweifeln. Es ist nicht so, dass es klick macht und man sich wieder liebt. Man muss sich langsam annähern. Ich weiß aber auch nicht, was die Kandidaten vor und nach der Show machen, um sich selbst lieben zu lernen. Ich wünsche ihnen natürlich nur das Beste.

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Auch NOIZZ wünscht den Kandidatinnen und Kandidaten alles Gute. Eins muss man Sat.1 auf jeden Fall lassen: Eine Sendung für Body-Positivity ist genau das, was wir gerade brauchen. Und selbst, wenn der Plan nicht ganz aufgeht, können sie sich immer noch das Motto der Show zu Herzen nehmen: "Nobody is perfect."

"No Body is perfect" läuft montags, 20.15 Uhr auf Sat.1.

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Quelle: Noizz.de