Davon bitte mehr: Die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Bov Bjerg inszeniert schwere Themen mit einer zaghaften Leichtigkeit und viel Humor.

Statistiken lügen nicht, sagt man. So glauben viele, dass im Winter, vor allem zur Weihnachtszeit, mehr Menschen vorzeitig ihr Leben beenden als etwa im Sommer oder Frühling. Tatsächlich ist es aber genau umgekehrt. Psychologen vermuten, dass die positive Stimmung im Frühling und Frühsommer bei Menschen, denen es psychisch nicht gut geht, eher zusätzlichen Frust auslöst als Lebensfreude.

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Auch die Tragikkomödie "Auerhaus" spielt mit diesem Fakt und verfrachtet deswegen den Höhepunkt seiner Handlung rund um die Weihnachts- und Neujahrszeit. Man weiß gleich zu Beginn des Film: Dies ist kein Weihnachtsfilm. Und das wird kein gutes Ende nehmen. Trotzdem macht "Auerhaus" Mut. Und fasst ein Thema an, dass wir viel zu oft tabuisieren: der Umgang mit psychisch Erkranken und mit Depressionen.

Aber fangen wir von vorne an: Alternativ könnte der Film auch den Titel tragen "Wer braucht schon eine Zweitaxt?" – denn die Suche nach eben jener verhindert Frieders ersten Selbstmordversuch. Seit dem ist die Zweitaxt ein mahnendes Sinnbild für die vier Freunde und ihr Versprechen: Ihr Leben soll nicht langweilig werden. Darum beschließen Höppner (Damian Hardung), Frieder (Max von der Groeben), Vera (Luna Wendler) und Cäcilia (Devrim Lingnau) einfach mal alles anders zu machen, als man es in der Provinz sonst so macht.

Sie ziehen gemeinsam ins Auerhaus und gründen, unter den missbilligenden Blicken der Dorfbewohner, eine WG, obwohl sie Mitten im Abi stehen. Um den Moment zu feiern, alle Regeln zu brechen – und vor allem, um ihren Kumpel Frieder vor sich selbst zu retten. Denn der ist sich eben nicht so sicher, warum er überhaupt leben soll. und so hat die WG noch einen unfreiwilligen Mitbewohner: Frieders Depression.

Hier kannst du den Trailer zu "Auerhaus" sehen:

Die eingangs erwähnte Axt taucht beim Einzug in das "Auerhaus" wieder auf und wird zu Frieders makaberen Maskottchen. Fast wie eine Art schwerer Schlüsselanhänger. Dabei sollte jetzt aber keiner auf der Idee kommen, dass hier sei ein schwerer, düster-melancholischer Film. Ganz im Gegenteil.

Lachen, auch wenn's schwer fällt beschreibt das Gefühl im Film vielleicht am besten.

Während Höppner und Vera vor allem damit beschäftigt sind, irgendwie ihre Beziehung auf die Reihe zu kriegen und die eifrige Cäcilia versucht irgendwie beliebt zu werden, hat Frieder, wie gesagt, mit ganz anderen Problemen zu kämpfen. Eingebettet ist alles in den mehr oder minder stereotypen Alltag einer deutschen Dorfprovinz, in der es kaum erlaubt ist, auszubrechen.

Die Komödie basiert auf den Bestsellerroman mit gleichem Titel des Autors Bov Bjerg. Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht Höppners, der zuerst, nur um das Abi irgendwie zu bestehen, mit Frieder befreundet ist, später, weil er sich wirklich um ihn sorgt. bereits in diesem Wandel liegt eine gewisse Ironie. Neben der Tatsache, dass er irgendwie Frieder von seinen depressiven Gedanken abhalten möchte, ist er sehr damit beschäftigt, seine Wehrpflicht bei der Bundesweher zu umgehen.

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Regisseurin Neele Leana Vollmar hat es geschafft, eine Geschichte von bedingungsloser, manchmal seltsamer Form, von Freundschaft zu erzählen, bei der man sich selber ertappt fühlt. "Auerhaus" offenbart, wie leichtfertig wir Menschen, die psychisch erkrankt sind, abstempeln und dass es eben eigentlich jeden aus heiterem Himmel treffen kann.

"Ich bin satt – I am sad", sagt Frieder fast jedes Mal, wenn er am Esstisch sitzt. Es sind Wortspiele wie diese, die einen unverkrampfteren Blick auf ein vermeintliches Tabuthema generieren. Dazu ein wunderschöner 80s-Pop-Soundtrack, der so bittersüß wie das Leben ist: Mal himmelleicht, verzückend und dann wieder biestig, traurig.

Höppner, Vera und Cäcilia überwinden ihre Vorurteile gegenüber Frieder und schenken ihm die schönste, vielleicht unbeschwertesten Monate seines Lebens. Seinen Untergang können sie trotzdem nicht verhindern. Den Umgang mit diesem Verlust für die Verblieben zeigt der Film genauso wie das davor. Das Leben geht weiter. Nur eben anders.

Den Film "Auerhaus" kannst du ab dem 5. Dezember 2019 in dem Kino deines Vertrauens sehen. Der gleichnamige Roman von Bov Bjerg dazu ist bereits 2015 im Blumenbar-Verlag erschienen.

Solltest du Hilfe brauchen. bekommst du sie hier umgehend:

Wenn du selbst depressiv bist, Suizid-Gedanken hast, kontaktiere bitte umgehend die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de).

Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhältst du Hilfe von Beratern, die Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen können.

Quelle: Noizz.de