Netflix sucht jetzt Profi-Serien-Gucker

Lara Grellmann

NOIZZ-Praktikantin
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Serien wie "End of the f***ing World" auf der Arbeit schauen? Als bezahlter Binge-Watcher kein Problem Foto: Promo Netflix

Ein Traum wird wahr. Oder?

Vorhänge zu. Die einzige Lichtquelle: der Bildschirm. Dein Körper befindet sich in der Waagerechten – allerhöchstens in der Diagonalen. Die einzige körperliche Aktivität: der Griff zur Chipstüte. Zirka einmal die Stunde wahlweise der Gang zum Kühlschrank oder zum Klo.

Die Realität ist ausgesperrt, du hast einen Aufenthalt gebucht in einem Paralleluniversum bestehend aus Wunschidentitäten, mit Körperwärme aufgeladenen Sofakissen und vorbeiflimmernden Untertiteln, die du mit zusammengekniffenen Lidern liest und die notwendig sind, um die Handlung verfolgen zu können, da dein Hörvermögen eingeschränkt ist durch deine eigenen Kaugeräusche, erzeugt durch das Verzehren der schier unerschöpflichen Menge an Snacks, die um dich herum verstreut liegen.

Dauer des Aufenthaltes: 40 Stunden die Woche. Mit finanzieller Aufwandsentschädigung.

Denn das Paralleluniversum ist aufgrund einer wahrscheinlich göttlichen Fügung zur Realität geworden, in der du oben beschriebenes Szenario stolz deinen Job nennen kannst.

Das Paradies hat einen Namen: „Tagger“ nennt Netflix die Tätigkeit, bei der man anscheinend das Hobby einer gesamten Generation zum Beruf machen und mit dem Binge-Watchen von Serien und Filmen von der Couch aus Geld verdienen kann.

Die Aufgabe besteht, grob gesagt, daraus, sich neue Inhalte auf Netflix anzusehen und dann mittels Excel-Tabelle in die vorgefertigten Kategorien einzuordnen, also zu „taggen“.

So weit, so perfekt - aber Vorsicht: Was nach einem wahr gewordenen Traum klingt, ist an ein paar Bedingungen geknüpft, die nicht außer Acht zu lassen sind.

Zunächst scheitert vielleicht der ein oder andere von uns daran, dass man als potentieller Bewerber bei Netflix bereits Erfahrungen als Filmkritiker mitbringen oder sich zumindest in der Filmindustrie nachweislich gut auskennen sollte.

Ein weiteres nicht unwesentliches Detail: Die zu taggenden Inhalte werden vorgegeben – man kann also nicht nach Lust und Laune frei auswählen.

Und was sich zunächst fast schon lächerlich einfach anhört – Serien und Filme in Kategorien einteilen –, erfordert in Wirklichkeit wahrscheinlich mühevolle Kleinarbeit.

Denn Netflix hat das Prinzip der Kategorisierungen quasi neu erfunden.

Es gibt nicht einfach nur Action, Horror oder Komödien, nein, die bei Netflix haben das Ganze etwas spezifiziert.

Es gibt etwa 75.000 Sub-Kategorien, wie zum Beispiel „Anime Science Fiction“, „Britische Monster-Filme“ oder „Social Issue Dramas“, um nur einige wenige zu nennen.

Das bedeutet, dass du als professioneller Tagger in der Lage sein musst, bis zu 400 Tags pro Serie passend vergeben zu können.

Dieser Vorgang kann nicht automatisiert werden, du müsstest also jede einzelne Episode einer Serie komplett anschauen – wie wir jetzt wissen, vielleicht auch irgendeiner Serie, die du dir aus eigener Entscheidung niemals ansehen würdest – und das alles, ohne währenddessen den Instagram-Feed oder die Mails zu checken.

Nicht, dass dir am Ende das für die endgültige Kategorisierung ausschlaggebende Detail entgeht.

Millionen User und deren zukünftige Freizeitgestaltung sind schließlich abhängig von dir.

Wer sich diesem Maß an Verantwortung allerdings gewachsen fühlt, die bereits beschriebenen Voraussetzungen vorweisen kann und dazu bereit ist, sich mehrere Stunden pro Tag auf professioneller Ebene mit fiktiven Charakteren und Handlungssträngen auseinander zu setzen, sollte sich jetzt pronto bei Netflix bewerben – die Tätigkeit soll immerhin mit etwa 9 Euro die Stunde entlohnt werden.

Nicht schlecht dafür, dass man eigentlich ja nur fernsieht. Und nebenbei kann man ein Teil davon werden, „das Fernsehen ins nächste Jahrtausend zu führen“, wie Netflix sich so galant ausdrückt. Wenn sich das nicht gut im Lebenslauf macht!

Quelle: Noizz.de

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