Die Bingewatch-Gefahr ist sehr hoch.

„Heist“-Movies kommen immer wieder: Was in den Sechzigern noch „Frankie und die Spießgesellen“ hieß, kam Ende der Zweitausender als „Ocean’s Eleven“ zurück auf die Leinwände. In einigen Monaten wird die Diebessaga mit „Ocean’s Eight“ erneut fortgesetzt – diesmal nur mit weiblichen Hauptdarstellern. Die Masche blieb bei Brad Pitt, George Clooney und seinen Mitstreitern immer gleich: Möglichst elegant soll die große Beute gemacht werden – und ganz ohne eine abgefeuerte Kugel.

Auch in „Haus des Geldes“ soll kein Mensch zu Schaden kommen. Mit den Gentleman (und bald –women) der „Ocean’s“-Reihe haben die Protagonisten trotzdem nichts zu tun: In der spanischen „Heist“-Serie versuchen acht Gangster den größten Coup der Geschichte zu landen: 2,4 Milliarden Euro will das Team aus der Banknotendruckerei des Landes erbeuten.

Da das Geld erst gedruckt werden muss, soll die Truppe elf Tage in dem Gebäude aushalten, zusammen mit einem Haufen Geiseln. Gesteuert wird der Überfall von einem mysteriösen Hintermann, der sich „Professor“ nennt und äußerste Disziplin fordert: Die Gangster haben keine Namen, sondern hören auf Städtenamen wie Tokio, Moskau oder Berlin. Alle tragen die gleichen roten Overalls und Masken, jeder Verstoß gegen den Plan zieht eine Strafe nach sich.

Die Öffentlichkeit soll die Gruppe als Helden wahrnehmen, die sich gegen den Staat und seine Finanzpolitik auflehnen. Deshalb soll niemand verletzt werden. Allerdings zeigt der Plan schon bald Risse.

Wer bisher mit spanischem Fernsehen nur Telenovelas verband, wird über „Haus des Geldes“ staunen: Sobald die Tür der Bank geschlossen ist, nimmt die Serie auch die Zuschauer schnell in Geiselhaft. Die erste Staffel erzeugte einen Sog vor allem durch die Genialität des Professors: Immer dann, wenn die Polizei endlich eine Schwachstelle in seinem Plan vermutet, findet der Kopf der Bande eine Lösung.

[SPOILERALERT: Wer einige Infos aus der zweiten Staffel nicht kennen will, sollte hier nicht weiterlesen!]

In der zweiten Staffel, die seit vergangener Woche auf Netflix abrufbar ist, stehen dagegen die Beziehungen der Protagonisten im Vordergrund: Die Geiselnahme bewegt sich langsam dem Ende entgegen und an den Plan will sich bald niemand mehr halten. Die Stimmung in der Bank wird nach Tagen in der Isolation gereizter.

Perfekt läuft es schon lange nicht mehr: Die erste heiße Spur der Ermittlerin Murillo bringt auch den Professor erstmals in Schwierigkeiten.

Als sich der Kopf der Bande nicht mehr bei seinem Team meldet, will die impulsive Tokio die Geiselnahme abbrechen. Verhandlungsführer Berlin will dagegen auf Anweisungen des Masterminds weiter warten.

Doch der Professor steht vor dem einzigen Problem, das er offenbar nicht bedacht hat: Er hat sich in die Polizistin Murillo verliebt, muss aber gleichzeitig seine Identität vor ihr geheim halten. Und ehe seine Tarnung auffliegt, spielt auch er auf einmal mit dem Gedanken, seinem Masterplan vorzeitig ein Ende zu setzen.

Ganz neu sind viele Elemente aus „Haus des Geldes“ nicht: Die Decknamen kennt man aus „Reservoir Dogs“, die einheitliche Kleidung erinnert an „Inside Man“. Neu ist allerdings, ein solches Geiseldrama in eine Serie zu packen: Jede Figur entwickelt sich über die stundenlange Handlung in eine andere Richtung. So verschieben sich die Sympathien zu den Protagonisten immer wieder und die Serie bleibt bis zum Ende spannend. Auch wenn die logischen Brüche in der Handlung mit Verlauf der zweiten Staffel immer größer werden: „Haus des Geldes“ ist der perfekte Stoff für ein Bingewatch-Marathon. Im Gegensatz zur „Oceans“-Diebesreihe – so viel sei verraten – kommt die Serie aber auch nach ihrer zweiten Veröffentlichung zu einem gebührenden Ende.

Quelle: Noizz.de