Ich liebe gute Filme und Serien. Weil mich aber die übertriebene Menge an gutem Stoff zum Streamen auf Netflix erschlägt, kapituliere ich am Ende und finde schnelle Entspannung in der simpel-süffisant-unterhaltsamen Welt des Reality-Fernsehens. Jetzt bin ich die "Queen of Trash". Danke, Netlfix.

Ob ich die Dokumentation "Stinkreich" über Jeffrey Epstein auf Netflix schon gesehen habe, fragt mich mein Kollege. Nein, sage ich, ich wisse ja, was passiert sei, müsse mir das nicht noch in einer Doku reinziehen. Er kauft es mir ab – angenehm anzusehen sei es schließlich tatsächlich nicht. Meine Mutter fragt mich, welche neue Serie ich denn aktuell schaue. Keine, sage ich, ich hätte zu viel zu tun. Sie kauft mir es ab – mein Terminkalender sei schließlich ziemlich voll. Netflix fragt mich, ob ich die neuen Folgen von "How to sell Drugs online (fast)" sehen will. Ich sage, vielleicht, und kaufe es mir selbst nicht ab – ich weiß schließlich, wie es wirklich laufen wird.

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Die Wahrheit ist: Ich will mir die Doku über Epstein reinziehen und ich hätte auch Zeit für eine neue Serie – doch Netflix stürzt mich mit seinem Überangebot an Entertainment jedes Mal aufs Neue in eine Krise. Will ich wirklich "How to sell Drugs online (fast)" sehen? Ist das die beste Auswahl? Was ist mit "Ozark" oder "Hollywood"? "Dark" und "Unorthodox" soll auch gut sein. Oder doch lieber ein Film? Ein Thriller? Eine Doku? Ein Biopic? Eine Komödie? Nach langem Scrollen, Suchen und Swipen entscheide ich mich am Ende für den easy way out: Trash-TV.

Der "The Real Housewives of Beverly Hills"-Cast der ersten Staffel.

Crystal Meth im Badezimmer, blinder Liebes-Fail und Cockblock

Ich kann also nicht über die perfiden Details diskutieren, mit denen Epstein seine widerlichen Machenschaften über die Bühne gebracht hat. Genauso wenig kann ich sagen, ob Moritz' Drogen-Online-Store hochgenommen wird oder wie das Mädchen aus der ultra-orthodoxen jüdischen Religionsgemeinschaft in Berlin zurechtkommt. Auf den Punkt gebracht, weiß ich vom "anspruchsvolleren" Inhalt auf Netflix grundsätzlich aktuell schlichtweg: gar nichts.

Dafür weiß ich, warum Brandi Kyles Schwester Kim beim Spieleabend in Danas Villa an den Kopf geworfen hat, sie habe Crystal Meth im Badezimmer konsumiert ("The Real Housewives of Beverly Hills"). Oder warum Jessica sich in den Pods für Mark und nicht Barnett entschieden hat (müssen) – nur um am Ende dann festzustellen, dass zumindest sie nicht vor Liebe blind ist ("Love is blind"). Ich kann auch erklären, warum sich "Lana" für Francesca und Harry direkt in der ersten Folge als ultimativer Cockblock herausstellt ("Finger weg!"). Aktuell werde ich dank Trash-TV daran erinnert, wieso es keine gute Idee ist, wieder mit dem*der Ex anzubandeln ("Back with the Ex").

Die Serien-Suche wird zum Problem, Trash-TV zur Lösung

Ich übernehme etwas Verantwortung für meine Entertainment-Wahl – aber nicht die volle. Denn wer versucht, irgendwie die beste Auswahl zu treffen (ziemlich ironisch, ich weiß), wird beim Öffnen von Netflix von der unglaublichen Menge an Entertainment schlichtweg erschlagen. Die Suche nach der richtigen Serie zieht sich, wird irgendwann zum Stressfaktor und das entspannende Gegengift liegt zu nahe, um am Ende nicht einzuknicken. Ein Klick und das Gehirn steht auf Durchzug: Liebe, Hass, Sex, Intrigen, Macht, Misere, Überfluss, Drama, Partys – meine niedersten Instinkte werden nach einem langen Tag stumpf aber effizient mit Trash-TV befriedigt.

Jessica in den Pods

Und ich weiß, ich bin nicht allein: Im Homeoffice höre ich oft die Stimmen der "Housewives of Beverly Hills" vom Zimmer meines Mitbewohners durch die Wand schallen, aktuell sind sämtliche Reality-TV-Shows unter den beliebtesten Serien auf Netflix – und der Streaming-Anbieter selbst produziert sicher nicht ohne Grund immer mehr neue Reality-Formate. Deshalb werde ich ruhigen Gewissens schön weiter alles auf Netflix schieben. Eine Hand wäscht schließlich die andere: Netflix verdient mit Trash-TV-suchtenden Menschen wie mir ordentlich Schotter und ich muss mir nicht eingestehen, dass ich Trash-TV vielleicht doch einfach auch ganz geil finde. Läuft.

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Quelle: Noizz.de